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Interview Foresight: Den Zukünften auf der Spur.

Foto: dpa-Zentralbild/Ralf Hirschberge
Es sei weder der Blick in die Glaskugel, noch könne man es als Zukunftsforschung bezeichnen. Mit „Foresight“-Methoden will man vielmehr politische Entscheidungsprozesse unterstützen. Die futurezone sprach mit der deutschen Expertin Marion A. Weissenberger-Eibl, die am kommenden Dienstag, 15. Januar 2013, mit einem Vortrag in Wien zu Gast ist.

futurezone: Foresight ist ja noch kein gängiger Begriff. Wie wird sich das ändern und wie kann man einem Bürger auf der Straße erklären, was die Foresight-Experten tun?
Marion A. Weissenberger-Eibl: Es gibt auch den deutschen Begriff „Vorausschau", den verstehen die Bürger schon leichter. Dem Bürger auf der Straße könnte man unsere Arbeit etwa so erklären: Unser Wissen über die Zukunft ist recht beschränkt. Wir setzen uns mit Zukunft auseinander, weil wir sie verstehen möchten. Nur wenn wir wissen, was auf uns zukommt, welche Herausforderungen wir lösen müssen, können wir uns bestmöglich auf sie vorbereiten. Angesichts der Megatrends wird klar: die Herausforderungen, denen wir gegenüber stehen, übersteigen den gewohnten kurzfristigeren Planungshorizont, daher ist Vorausschau auch eine Auseinandersetzung mit den möglichen Zukünften, von denen wir bereits wissen.

Also doch ein Blick in die Glaskugel?
Wir am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI sagen nicht die eine Zukunft voraus, die dann genau so zutrifft. Wir erarbeiten mögliche unterschiedliche Zukünfte, die eintreffen könnten. Dann bewerten wir, auf welche wir uns vorbereiten wollen. Dabei arbeiten wir systematisch an langfristigen Problemlösungen, um unsere Zukunft so gut wie möglich zu gestalten. Diese Vorbereitung auf Zukunft kann dabei helfen, positive Entwicklungen zu verstärken und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Ein Rest an Unsicherheit bleibt jedoch immer.

Was unterscheidet Foresight von Visionen, wie sie ein Negroponte oder Naisbitt haben?
Nach unserem Selbstverständnis werfen wir durch Foresight den systematischen Blick in die unterschiedlichen Zukünfte und setzen uns damit auseinander. In der Regel sind unterschiedliche Akteure an einem solchen Prozess beteiligt und es werden wissenschaftliche Methoden eingesetzt. Naisbitt und Negroponte dagegen tragen Informationen aller Art zusammen, die nicht extern bewertet werden, sondern stark intuitiv zusammengestellt und von ihnen beiden selbst bewertet sind. Beide behaupten dann jeweils eine bestimmte Zukunft sei die kommende oder benennen einfach „Megatrends", legen aber nicht offen, wie Sie hierauf kommen. Wir am Fraunhofer ISI lassen nachvollziehbar bewerten. Foresight ist ergebnisoffen, beschrieben werden mögliche Zukünfte, positive wie negative.

dpa-Zentralbild/Ralf HirschbergeARCHIV - Der Physiker Rico Meerheim vom Institut für Angewandte Photophysik der Technischen Universität Dresden demonstriert am 28.10.2008 einen Testwürfel mit organisch licht-emittierenden Dioden (OLED).Die alte Glühbirne
Foto: dpa-Zentralbild/Ralf Hirschberge

Ist Foresight Zukunftsforschung? Wie weit blicken Sie in die Zukunft?
Seit Jahren wird darüber debattiert, was man unter Foresight (Vorausschau), eigentlich versteht und ob der Begriff „Zukunftsforschung" der passende ist. Es handelt sich nicht um dasselbe. In der Regel verläuft die Trennung der Begrifflichkeiten über den wissenschaftlichen Anspruch: Forschungseinrichtungen, wie etwa Universitäten, die „Forschung" auch im Namen tragen, stehen den eher beratenden Aktivitäten, die unter Foresight geführt werden, gegenüber. Der Begriff Foresight wird häufig auch im deutschsprachigen Sprachraum verwendet - beispielsweise im Foresight-Prozess des deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Unser Blick in die Zukunft ist grundsätzlich langfristig, auch wenn viele der Ableitungen mittel-, kurzfristig oder sogar gegenwartsbezogen sein können.

Was unterscheidet Foresight von Science Fiction? Inwieweit werden Science Fiction oder Filmvisionen in wissenschaftliche Prozesse integriert?
Foresight ist wissenschaftliches Arbeiten, ein systematischer Ansatz, der sich aller Methoden der Zukunftsforschung und gegebenenfalls auch anderer Methoden bedient. Es gibt einige Wissenschaftler, die Science Fiction zur Inspiration nutzen. Science Fiction selbst muss sich keinen Bewertungskriterien wie „Geht das überhaupt?" stellen, sondern kann frei von der Leber weg phantasieren.

Was sind die Zukunftsfelder, mit denen sich Forscher und in weiterer Folge Politiker befassen müssen?
Wenn wir über „Zukunftsfelder" sprechen, meinen wir größere Themenfelder aus Forschung, Technologie oder Bildung, die in der Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit eine Rolle spielen werden bzw. in denen es eine große Entwicklungsdynamik gibt. Es handelt sich um Themenfelder, die mit Hilfe der Methoden der Zukunftsforschung erarbeitet wurden – anhand eines festen Kriterienkataloges. Die während des Foresight-Prozesses der Bundesregierung aufgestellten „Zukunftsfelder neuen Zuschnitts" sind das Ergebnis dieser Arbeit helfen bei der Frage, welche Forschungsthemen in Deutschland vorangetrieben werden können. Da geht es etwa um existierende Innovationsbereiche, aber auch um Programmlogiken der Forschungsförderung. Am Ende kristallisierten sich Zukunftsfelder wie Mensch-Technik-Kooperationen, ProduzierenKonsumieren2.0 oder „Das Altern entschlüsseln" heraus.

Worauf wird sich die Wissenschaft und Forschung in den kommenden Jahren konzentrieren müssen? Was sind die Zukunftstechnologien?
Das wird die Entscheidung einer jeden Regierung oder eines jeden Unternehmens individuell sein. Jede einzelne Entscheidung wird ja erst vom Blick in die Zukunft abgeleitet. Viele Regierungen konzentrieren sich derzeit auf die großen Herausforderungen, die „Grand Challenges" und bündeln hier ihre Kräfte. Da können sehr unterschiedliche Zukunftstechnologien abgeleitet werden. Beim Klimawandel brauchen Sie die Modelle der Wissenschaft und leistungsfähige Rechenkapazitäten genauso wie bei der Erforschung oder Therapie neuer, erst im Entstehen begriffener Krankheiten.

Was verstehen Sie unter Konsumieren 2.0?
„ProduzierenKonsumieren2.0“ als eines der Zukunftsfelder des BMBF-Foresight-Prozesses zielt auf langfristig zukunftsfähiges „Produzieren und Konsumieren“ ab. Es geht um neue Wege zur bedarfsgerechten Leistungserstellung vor dem Hintergrund veränderter globaler Rahmenbedingungen. Ebenso entscheidend ist eine der größten Herausforderungen der Zukunft, nämlich die für den Menschen lebenswichtige Ökosphäre zu erhalten.

Welche Rolle kommt der Industrie zu?
Im Mittelpunkt der Forschung stehen zukunftsfähige Muster industriegesellschaftlicher Stoffumsätze. Etablierte Forschungsstränge aus Produktionsforschung, Dienstleistungsforschung, Umweltforschung, Biotechnologie und Materialwissenschaften arbeiten alle mit hoher Dynamik an Aspekten dieser Thematik. Sie können jedoch den notwendigen systemischen Wandel des Gesamtgefüges alleine nicht adäquat thematisieren. Zentraler Träger der Entwicklung und Umsetzung der Innovationen um ProduzierenKonsumieren wird sicherlich die Industrie sein. Der Kreis der zentralen Innovatoren reicht weit über die enge Forschungslandschaft hinaus und schließt Akteure der Zivilgesellschaft ein. Eine zentrale Rolle wird zudem die Politik spielen.

Was versteht man unter Zeitforschung?
Es ist so, dass der Faktor „Zeit“ immer noch nicht wirklich verstanden wurde, weswegen Zeit in vielen Entwicklungen den Engpassfaktor darstellt. Dabei ist die Erforschung der „Zeit“ der zentrale Aspekt des Zukunftsfeldes, der in viele Anwendungsgebiete hineinreicht. So stellt sich z. B. die Frage nach der Zeitabfolge komplexer Prozesse, um Anwendungen schneller, effizienter und kostengünstiger, aber auch intelligenter zu machen, Prozesse zu parallelisieren oder zu synchronisieren. Ebenso ist die Frage nach der Dynamik und zeitlichen Entwicklung, insbesondere nichtlinearer Prozesse, auf unterschiedlichen Zeitskalen nur langfristig zu klären. Zeitforschung beschäftigt sich aber auch mit den Menschen und seinen Rhythmen, der sogenannten „Chronobiologie" und was dies in Zeiten beschleunigter Prozesse bedeutet.

Wie könnten Mensch/Technik-Kooperationen aussehen?
Den Grundstein für die Entwicklung von Mensch-Technik-Kooperationen (MTK) legen Innovationen, die eine neue Qualität von reibungsloser technischer Unterstützung des Menschen ermöglichen. Zentrale Innovationsfelder für zukunftsfähige Durchbrüche sind etwa Ambient Intelligence, Robotik, kontextsensitive Dienstleistungen und Neuroprothetik. Konkrete Entwicklungsziele sind beispielsweise Modelle menschlichen Verhaltens und Verhaltensregeln zur Programmierung von adaptiven Assistenzumgebungen oder auch Konzepte zur gesellschaftlichen Einbettung der personalisierten Interaktion mit dem "Internet der Dinge".

Für wen sind die Foresight-Ergebnisse wichtig? Wodurch entstehen Wettbewerbsvorteile?
Sie können Foresight in den unterschiedlichen Bereichen einsetzen. Foresight hilft uns, uns mit der Zukunft auseinanderzusetzen – ohne so zu tun, als ob wir eins zu eins vorhersagen könnten, was an einem bestimmten Tag um eine bestimmte Uhrzeit passieren wird. Es ist so: Nur wer mögliche Zukünfte kennt, kann rechtzeitig Strategien für die Nutzung von Potenzialen und den Umgang mit Herausforderungen entwickeln. Dabei hilft Foresight bei der systematischen Auseinandersetzung mit relevanten und plausiblen Zukunftsbildern und bietet Unternehmen, Forschungseinrichtungen und anderen Organisationen ebenso wie der Politik eine solide Grundlage zur Überprüfung bisheriger Maßnahmen und eine gute Ausgangsbasis für die Entwicklung neuer Strategien.

Auf welche Forschungsgebiete sollte man sich konzentrieren, bzw. welche werden an Relevanz gewinnen?
Ich denke die Zukunftsfelder, die aus dem Prozess des BMBF-Foresight herausgearbeitet wurden, zeigen sehr gut, in welche Richtungen wir denken sollten, zumindest für die Bundesrepublik. Natürlich sind die jeweiligen Gegebenheiten und Ziele relevant, auch wenn diese für Österreich natürlich wieder ganz anders sein können. Es war ein aufwendiger Prozess, der nicht pauschal auf ein anderes Land übertragen werden kann. Aber zumindest die Stoßrichtung, lässt sich erkennen.

Das Fraunhofer ISI spricht ja von Märkten für übermorgen. Welche sind das und haben Sie für jeden dieser Märkte ein passendes Beispiel?
„Märkte von übermorgen“ ist ein internes Programm der gesamten Fraunhofer-Gesellschaft, um den großen gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können. Die Märkte von übermorgen orientieren sich an den Bedarfsfeldern der Gesellschaft. Wir entwickeln nicht mehr zuerst die Technologie, und fragen uns dann, wofür sie gut ist. Wir gehen von konkreten Bedürfnissen und Problemen aus, für die wir dann konkrete Lösungen entwickeln. In diesem institutsübergreifenden Portfolio-Prozess wurden fünf für die Fraunhofer Gesellschaft relevante Zukunftsthemen identifiziert, die forschungsintensive Wachstumsmärkte erwarten lassen: Elektrische Energie; Bezahlbare Gesundheit; Produzieren in Kreisläufen; Emissionsarme, zuverlässige Mobilität in urbanen Räumen; Erkennen und Beherrschen von Katastrophen. Für diese “Märkte von übermorgen“ will Fraunhofer integrierte Lösungsansätze anbieten.

Marion A. Weissenberger-Eibl hält am Dienstag, 15. Jänner 2013, in Wien den Eröffnungsvortrag bei der Veranstaltung „Die Zukunft Österreichs in der Welt von morgen: Was kann Foresight für politische Entscheidungsprozesse leisten?" im Haus der Musik.

Marion A Weissenberger-Eibl hält am 15. Januar einen Gastvortrag in Wien.

(futurezone) Erstellt am 12.01.2013, 06:00

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