Ein Erwachsener produziert rund 1,4 Liter Urin am Tag.

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Science
06/21/2016

Forscher extrahiert Biogas aus Urin

Ein mexikanischer Forscher hat ein Gerät konstruiert, das Urin in Biogas und Sauerstoff verwandelt. Selbst im Weltall könnte die Technologie genutzt werden.

Der Geistesblitz kam auf der Toilette: Gabriel Luna-Sandoval war gerade auf dem Klo, als er erkannte, dass Urin durchaus sinnvoll genutzt werden könnte. Neun Jahre später hatte der mexikanische Ingenieur ein Gerät konstruiert, das Urin in Biogas verwandelt. Damit kann nicht nur Duschwasser erhitzt oder der Herd in der Küche betrieben werden, ist der findige Wissenschafter überzeugt. Sogar im All könnte die Technologie Einsatz finden.

Dem Forscher der Universität von Sonora im Norden Mexikos gelang es durch Elektrolyse, aus Urin Wasserstoff und Sauerstoff zu extrahieren und ersteren in Biogas umzuwandeln. Dies könnte das Propangas ersetzen, das in mexikanischen Haushalten weit verbreitet ist und zur Luftverschmutzung und Erderwärmung beiträgt.

Sauerstoff

Auch für den Sauerstoff hätte der 41-jährige Forscher Verwendung. Dieser könnte im Notfall zur Beatmung dienen, vor allem für Astronauten auf langen Einsätzen im All: Sie könnten mithilfe eines kleinen Geräts aus ihrem eigenen Urin Sauerstoff herstellen. Die mexikanische Raumfahrtagentur nimmt die Idee durchaus ernst: Sie spricht von einer „großen Erfindung mit hohem Einsatzpotenzial in der Raumfahrttechnologie und für Spaziergänge im All“.

Dazu konstruierte der promovierte Maschinenbauer einen durchsichtigen Acrylbehälter zum Auffangen des Urins, der an eine quadratische Vase erinnert. Sein Prototyp misst etwa 20 Quadratzentimeter und ist mit Edelstahl-Elektroden ausgestattet, die die Wasserstoff- und Sauerstoffmoleküle extrahieren. Der Tank könnte an das Rohrsystem eines Hauses angeschlossen werden, das so gewonnene Biogas in der Küche und im Bad zum Einsatz kommen.

Geruchlos

Angst vor unangenehmen Gerüchen zerstreut Luna-Sandoval: Biogas ist geruchlos. Ob mit der gewonnenen Energie Bohnen gekocht oder das Duschwasser erhitzt werde - an den Ursprung des Brennstoffes erinnere dabei nichts, versichert er.

Um jedoch zu verhindern, dass es nach mehreren Tagen aufgrund der Konzentration von Ammoniak doch zu riechen beginnen könnte, soll der Urin durch einen Filter fließen, außerdem sei der Sammelbehälter gut abgedichtet, sagt der findige Forscher.

„Das ist ein Elektrolyt“

Auf das Potenzial der goldgelben Flüssigkeit hatten ihn Kollegen gebracht, die Harn als Anhänger der Eigenurintherapie als Allheilmittel nutzten. „Wir machten Witze darüber und sie erwähnten, wie salzig es schmeckte. Ich dachte sofort: Das ist ein Elektrolyt!“, erinnert sich Luna-Sandoval.

Dann rechnete er aus, wie viel Urin im Lauf der Zeit ungenutzt in der Kanalisation verschwindet: „Ein Erwachsener produziert 1,4 Liter Urin am Tag.“ Das wären also 25.550 Liter in 50 Jahren. Für eine 15-minütige heiße Dusche bräuchte man demzufolge mit seiner Technologie lediglich 13 bis 21 Milliliter Urin. Bohnen eine Stunde lang weich zu kochen verbrauche 70 bis 130 Milliliter Harnflüssigkeit.

Patent

Auch in Verbrennungsmotoren will der Wissenschafter den extrahierten Wasserstoff einsetzen. Außerdem testete Luna-Sandoval den Einsatz in kleinen Stromgeneratoren. Vor einem Monat ließ er seine kühne Erfindung patentieren. Auch der Nationale Rat für Wissenschaft und Technologie wurde bereits auf ihn aufmerksam und publizierte einen Artikel darüber. Der Elektrochemiker Ulises Cano vom Nationalen Forschersystem Mexikos befand, die Erfindung sei „technisch realisierbar“. Ihre Wirtschaftlichkeit müsse allerdings erst noch geprüft werden.