Science
07.04.2011

Hightech-Mikroskop für die Muskelforschung

Im Kampf gegen Muskelerkrankungen bekommen österreichische Mediziner nun ein Hightech-Werkzeug in die Hand. Mithilfe eines speziell adaptierten Nikon-Mikroskops können Forscher an der Medizinischen Universität Wien ab sofort Muskelgewebeproben bis auf Zellebene genau untersuchen. Sie erwarten sich dadurch neue Erkenntnisse, um die meist unheilbaren Krankheiten besser verstehen und eines Tages heilen zu können.

Bei dem gestern in Wien vorgestellten Mikroskop handelt es sich um ein Nikon-Gerät der Ti-Serie, welches mittels Laser-Mikrodissektion-Technologien speziell für die Muskelforschung adaptiert wurde. „Damit ist es möglich, aus Muskelgewebeproben einzelne Zellen oder Areale mittels Laser herauszuschneiden und weiteren biochemischen und molekularbiologischen Untersuchungen zuzuführen“, erklärt Reginald Bittner, Projektleiter an der Neuromuskulären Forschungsabteilung an der MedUni Wien im futurezone-Gespräch.

Erkenntnisse über Muskelerkrankungen
Die Forscher hoffen durch die verbesserte Bildgebung in Kombination mit der Laser Mikrodissektion neue Erkenntnisse über die Entstehung von Muskelerkrankungen und deren Verläufe zu erfahren. „Die Mikroskop-basierte Laser Mikrodissektion ist eine wichtige Voraussetzung für die molekulare Erforschung von Krankheitsursachen. Mit der hochpräzisen Analyse auf Zellebene ist der Grundstein für personalisierte Krankheitserkennungen und –behandlungen gelegt, was gerade auch in der Krebs- und Tumorforschung eine wesentliche Rolle spielt“, sagt Antje Plaschke-Schlütter von der Schweizer Molecular Machines & Industries AG (MMI), welche für die Laser-Adaptierung am Mikroskop verantwortlich zeichnet.

Das mit hochmodernen Objektiven ausgestattete Nikon-Mikroskop sorgt für eine besonders hochauflösende Bilddarstellung des Gewebes, was angesichts der angegriffenen hochkomplexen Muskelfaser-Struktur die Grundlage für die Arbeit der Forscher bildet. Über einen angeschlossenen Touch-Bildschirm können dann einzelne Zellen oder Gewebebereiche mittels Stift markiert werden. Der Laser schneidet das besagte Präperat heraus und bereitet es für die weitere Analyse im Labor vor.

Muskelerkrankungen noch unheilbar
Der überwiegende Großteil der Muskelerkrankungen ist unheilbar und verläuft ungeachtet von ersten Therapieerfolgen tödlich. In Österreich sind etwa 20.000 Menschen betroffen, beinahe die Hälfte der Fälle sind Kinder und Jugendliche. Mit fortschreitendem Verlauf der Erkrankung wandelt sich die Muskelmasse zunehmend in Binde- und Fettgewebe um. Viele Patienten sind deshalb schon im Kindesalter auf einen Rollstuhl angewiesen.

Neueste Forschungsergebnisse von Prof. Bittner deuten darauf hin, dass es sich dabei nicht um eine reine Erkrankung der Muskelfaser handelt, sondern hier molekulare Veränderungen vonstatten gehen, die tief in der Erbsubstanz verankert sind. Darauf deuten auch Forschungsprojekte mit Mäusen hin, die bei bestimmten Muskelerkrankungen im fortgeschrittenen Stadium Muskel-Tumore entwickeln.

Sponsoring ermöglicht Erwerb
Möglich wurde der Erwerb des 200.000 Euro teuren Mikroskops durch das Sponsoring-Engagement der beteiligten Technologiefirmen Nikon Instruments und MMI. Wesentliche finanzielle Unterstützung steuerte darüber hinaus der Harley-Davidson Charity-Fonds bei, der aus Spendengeldern von Tausenden Harley-Fahrerinnen und –Fahrern gespeist wird. Aus diesem Grund schmückt das Mikroskop nun die Bezeichnung „Harley-CharityScope“. Das Forschungsprojekt von Prof. Bittner wird vom gemeinnützigen Verein „Österreichische Muskelforschung“ (ÖMF) gefördert.

„Im Gegensatz zu angelsächsischen Ländern ist Sponsoring von Forschung in Mitteleuropa leider kaum verbreitet. Umso erfreulicher ist die Beteiligung der Unternehmen für die Finanzierung des Forschungsmikroskops“, meint auch Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinischen Universität Wien. Weltweit stehen nur ganz wenige derartige Mikroskope der Muskelforschung zur Verfügung.