© Christian Houdek/Wien Energie

Science
10/30/2020

In Wien wird aus Klärschlamm grüner Diesel gemacht

In Wien entsteht bis Sommer 2021 eine Anlage, die aus Holz und Plastikmüll Synthesegas erzeugen kann.

von Barbara Wimmer

Am Standort der Sondermüllverbrennungsanlage in Wien-Simmering entsteht eine neue Anlage. Diese soll in der Lage sein, aus Synthesegasen Diesel, Wasserstoff oder Erdgas zu machen.

Es ist geplant, die Anlage bis zum Sommer 2021 in Betrieb zu nehmen und die neuen Technologien, mit denen Brennstoffe verarbeitet werden, zu erforschen. Das Pilotprojekt wird von BEST gemeinsam mit Wien Energie und weiteren Industriepartnern durchgeführt und wird von der FFG gefördert. Insgesamt kostet die Anlage 9 Millionen Euro.

Altes Verfahren adaptiert

Zum Einsatz kommt dabei ein Verfahren, welches es schon im 2. Weltkrieg gegeben hatte: die sogenannte Fischer-Tropsch-Synthese. „Die ist in Vergessenheit geraten, weil sie einige Eigenheiten hat. Hier haben wir sie stark angepasst“, erzählt Markus Luisser, Forscher am BEST im Gespräch mit der futurezone.

Die Technologie beruht auf 2 Reaktoren, die mit dem Ausgangs- bzw. Brennstoff gefüllt sind. Das können Holzreste sein, Klärschlamm oder Plastikbestandteile. Zuerst wird dieser Brennstoff unter Zugabe von Dampf hoch erhitzt und damit ein Synthesegas mit einem hohen Anteil an Wasserstoff, Kohlenmonoxid und Kohlendioxid erzeugt. Im Anschluss wird dieses Synthesegas in einem zweiten Reaktor zu umweltfreundlichen Dieseltreibstoff, Wasserstoff oder Erdgas weiterverarbeitet.

Dieser zweiteilige Prozess wird auch als „Zwei-Bett-Wirbelschicht“-Technologie bezeichnet, die von BEST in den vergangenen 15 Jahren gemeinsam mit der TU Wien entwickelt wurde. „Das ist das Kernstück im Prozess und es handelt sich dabei um ein spezifisches Knowhow, das weltweit einzigartig ist“, sagt Luisser.

Neues Recycling

Für Wien Energie liegt der Vorteil darin, dass die Abfälle der Stadt damit in Diesel umgewandelt werden können, der wiederum in den Bussen der Wiener Linien eingesetzt werden kann. „Das ist eine neue Art von Recycling, etwas, das es bisher noch nicht gab“, erklärt Luisser. Bei der Pilotanlage handelt es sich auch um die „weltweit einzige Anlage“, die diesen Prozess bewältigen kann.

Doch Luisser glaubt, dass es sich in Zukunft lohnen wird, Blockheizkraftwerke, in denen aus Holz Wärme erzeugt wird, umzurüsten. „Die Nachfrage nach Wärme wird zurückgehen und dort könnte man künftig grünen Diesel oder grünen Wasserstoff erzeugen, der mehr wert ist als Wärme und die Abfallentsorgung günstiger macht“, so Luisser.

Erster Schritt: grüner Diesel

In einem ersten Schritt wird in der Pilotanlage grüner Diesel erzeugt. „Dieser kann künftig auch für Flugzeuge sowie die Landwirtschaft gebraucht werden. Diese Bereiche kann man, zumindest nicht von heute auf morgen, auf E-Betrieb umstellen.“

Für Erdgas gibt es bereits die Infrastruktur für die Weiterverteilung des gewonnenen Stoffes. „Bei grünem Wasserstoff gibt es noch kein Verteilnetz. Außerdem ist noch gar nicht klar, wo der Preis liegen wird und wie die steuerliche Gestaltung ausfallen wird. Hier spielt die Politik eine große Rolle. Genau davon wird es abhängen, welcher erzeugte Treibstoff am Ende am erfolgsversprechendsten ist“, sagt Luisser. All diese Überlegungen fließen in das Pilotprojekt ein, das vorerst bis März 2023 gefördert wird.

Vom grünen Kerosin aus Synthesegas ist man forschungstechnisch derzeit noch „4 bis 5 Jahre“ entfernt, so Luisser. „Bis dahin könnte man eine wirklich industrielle solide Anlage stehen haben, die so etwas kann“, so der Forscher. Allerdings setze dies ausreichend Budget und Partner voraus. Ansonsten würde die Entwicklung etwa 5 bis 8 Jahre dauern.

Anfragen aus den USA

Um Erdöl ganz zu ersetzen, müssten Hunderte solcher Anlage gebaut werden. „Dieser Zeitraum ist länger als die Forschungsförderung in der Regel andauert“, sagt der Experte. „Das ist ein schwieriges Dilemma.“ Gerade in Österreich befinde man sich aber in einer „sehr guten Position“.

Luisser ist überzeugt, dass die Technologie bald aus Österreich ins Ausland exportiert werden könnte. Erste Anfragen aus Kalifornien, USA gebe es laut Luisser bereits.

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