Alexander Van der Bellen und Vint Cerf

© Kurier / Gilbert Novy

Science
11/20/2019

"Vater des Internets" und Van der Bellen auf Wiener Schulbesuch

Der US-Informatiker und Internet-Pionier Vinton G. Cerf sprach in Wien über die Entstehung und Zukunft des Internets.

von Barbara Wimmer

Er gilt als einer der „Väter des Internets“: Vinton Cerf. Zusammen mit Robert Kahn hat der US-Informatiker 1974 eine der Grundlagen für das Internet geschaffen. Das sogenannte TCP/IP-Protokoll, das die beiden entwickelt hatten, wurde zum weltweiten Standard für die Kommunikation zwischen unterschiedlichsten Systemen. „Das darf man sich ähnlich vorstellen wie elektronische Postkarten. Da gehen auch manchmal Pakete verloren“, scherzt Cerf. Von den anwesenden Schülern haben diesen Techniker-Witz nur wenige verstanden. Gemeinsam mit dem österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen war der Internet-Pionier am Mittwoch bei der HTL Spengergasse in Wien zu Gast.

Cerf erzählt den Schülern, dass das Internet vor kurzem seinen 50. Geburtstag gefeiert hat. Am 29. Oktober 1969 hatte ein kühlschrankgroßer Computer an der Universität von Kalifornien erstmals mit einem Computer der Stanford Universität kommuniziert. „Und jetzt sind 50 Prozent der Weltbevölkerung mit dem Internet verbunden“, so der US-Informatiker, der jetzt als „Chief Evangelist“ bei Google tätig ist. Van der Bellen gab sich über diese Berufsbezeichnung sehr amüsiert und Cerf erklärte sogleich, was genau dabei zu seinen Tätigkeiten zählt.

Alexander Van der Bellen und Vint Cerf

Verschiedene Projekte

„Ich arbeite daran, dass jeder Zugang zum Internet bekommt.“ So hatte Google etwa beim „Project Loon“ einen Test durchgeführt, bei dem 50 Personen mit Hilfe von schwebenden Ballons mit Internet-Zugang versorgt wurden. Google hat zudem Milliarden Dollar in ein Netz aus Satelliten investiert, um in entlegenen Erdregionen stabilen Internetzugang zu ermöglichen. Dazu schweben Klein-Satelliten im Orbit.

Das Projekt, von dem Cerf selbst am aufgeregtesten spricht und man ihm seine Begeisterung regelrecht ansieht, ist Teil der Entwicklung eines interplanetaren Internets. Darunter versteht man eine geplante Erweiterung des Internets zu anderen Planeten unseres Sonnensystems. Die Arbeiten dazu laufen bereits seit 1997.

Internet im Weltraum

„Genau darum geht es beim Ingenieurwesen. Aus Science Fiction wird Realität“, sagt Cerf mit glänzenden Augen der futurezone. Der US-Informatiker, der großer Science-Fiction-Fan ist, erzählt, was dabei die größten Herausforderungen sind: „Die Signale müssen im Weltraum große Strecken zurücklegen und Planeten drehen sich. Das kann die Kommunikation komplett abschneiden.

Die Übertragung für Radiosignale dauert etwa 20 Minuten in eine Richtung, 40 Minuten in beide Richtungen. Die Netzwerkprotokolle müssen daher besonders tolerant gegenüber Verzögerungen sein und TCP/IP wurde dafür nicht geschaffen.“ In Zusammenarbeit mit der NASA und JPL hat Cerf dazu beigetragen, neue Protokolle zu entwickeln, die der einzigartigen Weltraumumgebung standhalten, in der die Mechanik der Umlaufbahn und die Lichtgeschwindigkeit die traditionelle Vernetzung extrem erschweren. „Wir sind in den USA dabei, die nächste Mission zum Mond für 2024 vorzubereiten. Bereits jetzt gibt es dazu im Vorfeld sehr viele Kooperationen und wir hoffen, dass die neuen Raumschiffe kompatibel sein werden, um miteinander interplanetär zu kommunizieren.“

Alexander Van der Bellen und Vint Cerf

Ratschläge für Gegenstrategien

Mit der Entwicklung des Internets auf der Erde ist Cerf, anders als viele seiner Kollegen, generell relativ zufrieden. „Es gibt so viel Information, und die ist leicht zu finden. Aber mit der Art und Weise, wie das Internet genutzt wird, bin ich nicht immer einverstanden“, so der Informatiker. Er spricht dabei etwa das Hacken von Banken an, ebenso wie schlechtes Verhalten von Mitmenschen. Nicht immer gebe es technische Lösungen. Als Gegenstrategie gegen das „Böse“ im Netz schlägt er daher vor, möglichst oft darauf hinzuweisen, dass man etwas nicht tun soll. „Das klingt schwach. Aber wenn wir eine große Masse an Menschen haben, die darauf hinweist, dass etwas falsch ist, kann man damit Druck ausüben.“

YouTube-Fans

Auch Bundespräsident Van der Bellen erwähnt besonders die positiven Aspekte des Internets. Früher habe man Briefe verschicken müssen und oft wochen- oder monatelang auf Antworten aus Übersee gewartet. Jetzt könne man E-Mails verschicken, die binnen weniger Sekunden beim Gegenüber landen. Früher habe er auf die Bibliothek gehen müssen, um als Studierender Fachliteratur zu benutzen. Heutzutage reichen wenige Klicks, um Inhalte online zu finden.

Kaufen würde er Bücher allerdings lieber bei seiner lokalen Buchhändlerin, als bei Amazon. Das liege daran, dass Facebook, Google und Amazon Daten über einen speichern und man nicht wisse, wie diese am Ende verwendet werden. YouTube erwähnt der österreichische Präsident positiv: „Ohne meiner Kampagne auf YouTube wäre ich vielleicht gar nicht Präsident geworden“, sagt Van der Bellen.

Alexander Van der Bellen und Vint Cerf

Auch Cerf bezeichnet sich mittlerweile als großen YouTube-Fan. „Ich habe mir anfangs immer gedacht, YouTube sei nur für Unterhaltung gut. Aber als wir neulich ein Rezept für ein Melanzani-Gericht gesucht haben, habe ich YouTube als Informationsquelle ausprobiert. Das Rezept habe ich dann gemeinsam mit meiner Frau nachgekocht“, sagt Cerf.

In den nächsten zehn Tagen wird er zusammen mit weiteren Internet-Experten in Berlin beim Internet Governance Forum (IGF) über die Zukunft des Internets diskutieren. „Wir müssen die Brennpunkte Privatsphäre, Sicherheit und Safety unter einen Hut bringen. Gerade im Bereich Rechtsdurchsetzung gibt es hier Konflikte“, sagt Cerf. Für ihn noch wichtiger als der Schutz der Privatsphäre, sei die Integrität von Daten. Den Schülern der Spengergasse gibt er am Schluss noch eines mit: „Ihr habt eine große Bürde auf euren Schultern. Denkt kritisch und hinterfragt alles, damit ihr eure Entscheidungen gut begründet treffen könnt!“