© istockfoto/montage

Science

Künstliche Intelligenz erkennt Fake-Shops automatisch

Sabrina sieht auf Facebook eine Werbeanzeige mit einem grünen Wintermantel, der perfekt zu ihrem Kleidungsstil passt. Ihr alter Mantel ist schon 5 Jahre alt und bekommt bereits Risse.

Eine Freundin von ihr hat den Shop, der ihn anbietet, bereits mit einem „Like“ versehen und Sabrina markiert, weil sie weiß, dass ihr diese Art von Mode gefällt. Das schafft Vertrauen. Doch Sabrina hat von dem Online-Store noch nie zuvor etwas gehört. Sie geht auf die Website von „Mogmoc.com“ und alles sieht aus ihrer Sicht seriös aus. Soll sie es wagen und den grünen Wintermantel, der ihr so gut gefällt, bestellen?

Bald wird Sabrina diese Entscheidung nicht mehr alleine treffen müssen: Sie bekommt Unterstützung von einer künstlichen Intelligenz (KI). Ein Browser-Plugin hilft ihr dann, zu erkennen, ob es sich dabei um einen echten, seriösen Web-Shop oder um einen sogenannten Fake-Shop handelt. Fake-Shops werden von Betrügern erschaffen, um günstige Produkte zu bewerben, in der Absicht, nie oder nur minderwertige Ware, zu schicken.

Ähnliche Masche

„Hinter den Fake-Shops steckt immer dieselbe Masche: Es werden aufgelassene Domains verwendet, um ein besseres Ranking bei Suchmaschinen zu erlangen. Die meisten Shops sind außerdem nach ein paar Tagen wieder offline. Es wird immer wieder derselbe Text mit denselben Bildern kopiert“, erzählt Louise Beltzung, Senior Researcherin am Österreichischen Institut für Angewandte Telekommunikation (ÖIAT), der futurezone. Sie leitet das Projekt „SIMBAD“, welches das ÖIAT gemeinsam mit dem Austrian Institute of Technology (AIT) durchführt und von Austrian Cooperative Research (ACR) unlängst ausgezeichnet wurde.

Bei dem geht es darum, Fake-Shops automatisch zu entlarven. „Es gibt kaum mehr Rechtschreibfehler, denn es wird seitens der Betrüger viel investiert, um Konsumenten zu täuschen. Aber die Betrüger hinterlassen dennoch digitale Fingerabdrücke und sei es nur ein Code im Kommentarfeld“, sagt Andrew Lindley. Er ist Research Engineer am AIT und unter seiner Leitung wurde die KI entwickelt, welche Fake-Shops erkennt. Diese durchforstet eine Website auf bestimmte Merkmale und schlägt Alarm.

Bei dem Online-Store, bei dem Sabrina ihren Mantel bestellen möchte, ist sich die künstliche Intelligenz unsicher: Die Chance, dass es sich dabei um einen Fake-Shop handelt oder nicht, wird mit „Medium“ bewertet. Das bedeutet für Sabrina., dass sie besser die Finger von dem Kauf lässt. Für die beiden Forscher reicht ein Blick auf die Seite, um zu wissen: „Mogmoc ist ein Fake-Shop, der minderwertige Ware liefert.“ Das bedeutet, dass die Designs der Mode geklaut sind und die Kleidung billig in China nachgeschneidert wird. Die Forscher tragen die Daten gleich in die „Watchlist Internet“ ein, mit der auch die KI gefüttert wird. Die Liste existiert seit 2013 und umfasst bereits 7.700 Fake Shops.

Browser-Plugin

Das Browser-Plugin soll noch vor Weihnachten, etwa Mitte Dezember, veröffentlicht werden. Das Plugin wird für Google Chrome und Firefox zur Verfügung stehen und muss selbstständig installiert werden. „Wenn man im Web beim Surfen einem Fake-Shop begegnet, bekommt der Nutzer eine Warnungmeldung zugeschickt“, beschreibt Lindley.

Schlägt das System an und zeigt zumindest einen „Medium“-Score an, wird die Meldung über den Shop auch zu Forschungszwecken an die Wissenschaftler weitergeleitet. Die Forscher können anhand der Daten weitere Schlüsse ziehen und neue Shops in die Warnliste aufnehmen, wie im Falle von „mogmoc.com". „Sonstige Daten werden allerdings keine erhoben“, so der AIT-Forscher. Damit ist ein „Live-Schutz“ gegeben, den man sich ähnlich wie einen Anti-Viren-Schutz vorstellen kann. „Das soll bei Nutzern für Vertrauen sorgen, denn keiner soll nur aus reiner Unsicherheit über die Seriosität eines Händlers ausschließlich bei Amazon einkaufen“, sagt Beltzung. Forscher und Anwender profitieren gleichermaßen.

Gute Trefferquote

Die künstliche Intelligenz liegt laut Angaben der Forscher bei den Fällen, bei denen die Erkennung eindeutig ist, zu 100 Prozent richtig. Bei einer Analyse von 1.350 Fake-Shop lag die allgemeine Trefferquote im Training zudem bei 97 Prozent. „Die künstliche Intelligenz tut sich vor allem noch schwer damit, Online-Shops von anderen Websites zu unterscheiden“, sagt Lindley. Trainiert wurde die KI anhand von 8.000 Fake-Shop-Daten. Diese wurden runtergeladen und ausführlich analysiert. „Diesen Datenschatz haben wir auch der wissenschaftlichen Welt zur Verfügung gestellt“, erklärt der AIT-Experte. Andere Forscher können damit nun weiterarbeiten.

Für Anfang 2021 sind sogenannte „Live-Blacklisten“ geplant, anhand dieser Nutzer abgleichen können, ob der Shop, den sie gerade besuchen, drauf steht oder nicht. „Auf der Seite der Watchlist Internet ist ein entsprechendes Suchfeld geplant“, so Beltzung vom ÖIAT. Außerdem wolle man herausfinden, wie Nutzer auf die betrügerischen Websites gelangen, um auch hier entgegen wirken zu können. Im Falle von Sabrina geschah dies über eine Werbeanzeige, die ihr auf Facebook und Instagram eingeblendet worden war. „Das ist eine übliche Masche“, so Projektleiterin Beltzung.

Kriminelle Netzwerke

Hinter den Fake-Shops befinden sich große, betrügerische Netzwerke, die je nach Jahreszeit mit unterschiedlichen Produkten aktiv sind. Neben Mode werden derzeit auch Masken, E-Scooter, Sneakers, oder Desinfektionsmittel beworben. Neben Anwendern könnten die KI auch für Polizeibehörden oder Zahlungsdienstleister interessant sein. Die Forschung wird noch die nächsten 2 Jahre vertieft. Die KI-Modelle sollen noch weiter verbessert werden und unter anderem wird versucht, durch proaktives Screening bereits bei den Domainreservierungen Muster zu erkennen. Damit soll das Online-Shoppen bald noch sichererer werden.

Auszeichnung

Louise Beltzung leitet am ÖIAT eines der 3 Siegerprojekte beim Innovationspreis von Austrian Cooperative Research (ACR). Ihre Forschung über Fake-Shops wird dazu beitragen, dass es Online-Betrüger künftig wesentlich schwerer haben, weil Nutzer frühzeitig gewarnt werden.

Ausgezeichnet wurde von ACR zudem ein Projekt, welches eine ökologische Alternative zum Stahlbeton entwickelt. Die Waldviertler Firma Willibald Longin sowie Holzforschung Austria verbinden Holz und Beton dabei auf eine neuartige Weise.

Ebenfalls einen Innovationspreis gewonnen hat das Projekt Aeropore, bei dem es um Lufthygiene in Reisebussen geht. Die neuartige Filtertechnologie soll auch Viren und Bakterien aus der Luft entfernen.  In Zeiten von Corona könnte das für eine ganze Branche eine bahnbrechende Entwicklung sein.

Veranstaltung

Von 2. bis 3. Dezember findet online das „International Digital Security Forum (IDSF)“ des AIT statt, bei dem das Thema „Fake Shops entlarven“ ebenfalls am Tapet steh,t neben Cybersecurity und Fake News.

 

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer redaktionellen Kooperation zwischen futurezone und ACR.

Hat dir der Artikel gefallen? Jetzt teilen!

Barbara Wimmer

shroombab

Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone, davor bei der ORF-Futurezone als Journalistin tätig. Interessiert sich für alle Themen, die das digitale Leben jetzt und in Zukunft bestimmen werden: Netzpolitik, Datenschutz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) "smart" ist. Elektronische Musik ist ihre größte Leidenschaft, sie arbeitete vor dem ORF auch für Musik-Magazine wie Breakbeat (Deutschland) sowie Radio FRO.

mehr lesen Barbara Wimmer

Kommentare