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Science
04/27/2020

Lassen sich Corona-Zahlen international vergleichen?

So aussagekräftig und verlässlich sind die Zahlen zu den Corona-Infizierten und Todesfällen.

von Andreea Iosa

Während sich die Corona-Todesfälle in den USA derzeit auf über 55.400 belaufen, sind es in China etwa 4.700. In Österreich gibt es aktuell 536 Todesfälle. Doch lassen sich diese Länderzahlen überhaupt vergleichen und sind sie wirklich aussagekräftig? Schließlich haben viele Staaten verschiedene Strategien zur Bekämpfung der Pandemie, unterschiedliche Gesundheitssysteme oder andere Testkapazitäten. Wiederum stehen manche autoritären Staaten unter Verdacht, die tatsächlichen Zahlen zu vertuschen.

Laut Florian Bachner, Leiter der Abteilung Gesundheitsökonomie und -systemanalyse bei Gesundheit Österreich und Mitglied bei der European Health Information Initiative (WHO), sei ein Ländervergleich nur eingeschränkt aussagekräftig: „Teststrategie und Erfassung der Fälle sind wesentliche Faktoren, die jeweils mitberücksichtigt werden sollten. Es empfiehlt sich hier das Ausmaß der Epidemie an so genannten Endpunkten zu messen, wie etwa Hospitalisierungen oder Todesfälle, unter der Annahme, dass die Indikation für eine Hospitalisierung unter den europäischen Ländern halbwegs vergleichbar ist“, sagt er.

Ebenfalls maßgeblich sei, wie Corona-Tote gezählt werden bzw. in welchem Ausmaß Obduktionen stattfinden. Ein Vergleich sei durch die jeweiligen nationalen Berechnungen daher schwer zu ziehen. „Hinzu kommt, dass die Aktualität der Daten sehr unterschiedlich ist und Nacherfassungen durchaus üblich sind. Wirklich valide Vergleiche sind also erst mit einigem Abstand möglich“, so der Sozialökonom. Ein Vergleich von Echtzeit-Zahlen bleibe aber eher fehlerbehaftet und benötige einen längeren Zeitraum. Für wirklich valide Aussagen sollte die wissenschaftliche Aufarbeitung abgewartet werden, sagt Bachner.

Gesamtbild erhoben

Laut Eva SchernhammerProfessorin für Epidemiologie an der MedUni Wien, würden die Länderdaten dennoch zumindest eine Tendenz aufzeigen. Grundsätzlich gehe man weltweit von einer Sterblichkeit von 0,5 bis 1 Prozent aus. Ist sie in einigen Ländern höher, sei das darauf zurückzuführen, dass wahrscheinlich weniger Tests gemacht wurden.

In Schweden wurde beispielsweise relativ wenig getestet und zumindest in Ansätzen eine Herdenimmunität angestrebt. Dort gibt es etwa 10 Mal mehr Todesfälle als in Österreich oder den Nachbarländern mit ähnlichen demografischen Daten. Dennoch ein Indiz: „Die verschiedenen Daten aus den verschiedenen Teilen der Welt helfen schon ein gewisses Gesamtbild zu formen, das je nach Tests und Intensität schwanken kann. Sie sind nicht so massiv abweichend, sodass enorme Widersprüche entstehen“, sagt sie.  

Offene Darlegung in Österreich

Österreich geht es vergleichsweise gut. Die Zahl der Neuinfizierten sinkt, jene der Genesenen steigt und wiederum jene der Todesfälle konnte vergleichsweise gering gehalten werden. Das amtliche Dashboard des Gesundheitsministeriums legt die Zahlen der Genesenen und der Todesfälle in Österreich übersichtlich offen.

Laut dem Ministerium wird aber jede verstorbene Person, die positiv auf das Virus getestet wurde, in der Statistik als „Covid-Toter“ geführt, auch wenn sie nicht an den tatsächlichen Folgen der Viruserkrankung, sondern „mit dem Virus“ verstorben ist. Hatte jemand also eine schwere Lungenentzündung und wurde zudem positiv auf das Virus getestet, gilt er als „Covid-Toter“. Sind die Daten also valide?

Österreich verfügt über ein Epidemiologische Meldesystem (EMS), welches eine gemeinsame Datenbank aller österreichischen Bezirksverwaltungsbehörden, aller Landessanitätsdirektionen, des Gesundheitsministeriums sowie der AGES ist“, sagt Florian Bachner. Das System diene den Bezirksverwaltungsbehörden, um Erhebungen über das Auftreten anzeigepflichtiger Krankheiten durchzuführen.

Zeitnah erfasst

„Labors müssen seit 2014 die Ergebnisse von Untersuchungen bezüglich meldepflichtiger Erkrankungen elektronisch in das EMS melden. Ärzte melden meldepflichtige Erkrankungen über das e-Card-Netz oder alternativ dazu via Bürgerkarten-Zugang bzw. Handy-Signatur in das EMS", ergänzt er. Auf Basis dieser EMS-Daten würden vom Gesundheitsministerium täglich auszugsweise Daten im amtlichen Dashboard COVID-19 des Gesundheitsministeriums veröffentlicht. 

Die Daten zu Neuerkrankungen seien aus diesem Grund als valide einzustufen, da nur tatsächlich positiv getestete Personen sehr zeitnah im System erfasst werden. Bachner zufolge könne es aber dennoch zu kleineren Zeitverzögerungen im Ausmaß von wenigen Tagen kommen.

Indirekter Zusammenhang

Laut Eva Schernhammer könne man zudem grundsätzlich von einem indirekten Zusammenhang mit der Viruserkrankung ausgehen, wenn jemand, der positiv getestet wurde, in relativ kurzer Zeit, also etwa vier oder acht Wochen danach, verstirbt. Für mehr Sicherheit hinsichtlich der Daten gebe nun es aber nicht nur in Österreich, sondern international, Bestrebungen, mehr zu obduzieren. So soll untersucht werden, ob Covid-Tote nachweislich das Virus in sich getragen haben. „Auch bei Genesenen lässt sich das Virus oft Monate später noch im Blut nachweisen“, so die Expertin.

Ob alle Personen erfasst werden, die das Virus tragen, sei aber schwierig zu beantworten, denn: „Es gibt einen erheblichen Teil an Personen, die keine Symptome aufweisen und dennoch an Covid-19 erkrankt sind“, sagt Schernhammer. Was ebenfalls verloren gehe, seien andere Tote, die etwa auch durch das Virus gestorben sind, aber nicht getestet wurden oder umgekehrt trotz Corona an einer anderen Erkrankung gestorben sind. „Ich gehe aber davon aus, dass vor allem bei Älteren mit einer Vorerkrankung eine Covid-19-Erkrankung vielleicht nicht die Ursache, aber der Anlass für den Tod war. Die Viruserkrankung war dann sozusagen das Zünglein an der Waage“, sagt die Epidemiologin.

Die Anzahl der Dunkelziffer in Österreich wurde zudem unlängst anhand der SORA-Zufallsstichprobe Anfang April ermittelt. „Die Anzahl war erwartungsgemäß klein, denn Österreich hat möglichst rasch Maßnahmen ergriffen. Von den 2.000 Probanden waren 0,32 Prozent positiv. Das sind etwa 5 Personen", sagt SchernhammerUmgerechnet auf die Gesamtbevölkerung geht man daher von etwa 28.500 Corona-Infektionen in diesem Zeitraum aus.

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