Science
09/21/2012

Maßgeschneiderte Videospiele für jede Krankheit

Computerspiele sind auf dem Weg, eine systematische Therapiehilfe zu werden. Sie sollen Patienten aufklären, unterhalten, das Wohlbefinden verbessern und somit den Heilungsprozess unterstützen. Dafür müssen die Spiele der Zukunft so sorgfältig entwickelt werden wie Medikamente, meinen Forscher.

Zu Beginn des PE-Games für die Sony Playstation 3 kommt der Superhero schon ein wenig schmalbrüstig daher. Doch je mehr Roboter-Krabben er erschlägt, desto kräftiger wird er. Zu Hilfe kommen ihm dabei bis zu drei Spielern. In diesem Fall: Krebskranke Kinder an der Klinik der University of Utah in Salt Lake City. Die Krabbe symbolisiert Krebs und muss besiegt werden. Die Spieler erschlagen sie, bauen einer Mauer um sie oder bringen sie dazu, sich so schnell um die eigene Achse zu drehen, dass sie abhebt und davonfliegt. Das Spiel erfordert zumindest ein Minimum an körperlicher Bewegung. Entweder mit der Hand oder, noch besser, mit dem ganzen Arm.

Patientenempowerment" durch Spiel
PE Game steht für „Patient Empowerment Exercise Video Game" und entstand in einer interdisziplinären Kooperation von Computerspiel-Experten und Onkologen der University of Utah. In „Patientenempowerment" – einem der neueren Schlagwörter in der Medizin – steckt viel auf einmal drinnen: Dass der Patient über seine Krankheit Bescheid weiß und aktiv am Therapieprozess teilnimmt. Für Krebspatienten freilich keine leichte Aufgabe. – Aber ein Spiel wie PE Game könne dabei helfen, meint die pädiatrische Onkologin Carol Bruggers. Das war die Grundidee zum PE Game. „Wenn Patienten wegen Chemotherapie und möglichen Komplikationen lange im Spital liegen, sind sie zermürbt. Sie sind physisch, emotional und spirituell geschwächt." Das Forscherteam in Utah überlegte, was das Wohlbefinden heben, Spaß machen und gleichzeitig zumindest ein klein wenig das Gefühl von Kontrolle vermitteln könnte. Und wenn es nur der Kampf gegen eine Krabbe in einem interaktiven Spiel ist.

Krankheitsspezifische Videospiele
Das PE-Game ist ein Beispiel für einen neuen Trend, den das Team in der aktuellen Ausgabe der angesehenen Fachschrift „Science Translational Medicine" beschreibt: Videospiele auf bestimmte Krankheiten zuzuschneiden. Das bedeutet vor allem bei Kindern auch den Verzicht auf so manches, was kommerziell populär ist. „Es darf keine Gewalt geben. Auch nicht eine begrenzte Anzahl von Leben, die man aufbraucht, und dann ist das Spiel vorbei", meint Carol Bruggers. „Die Kinder empfinden ja die sehr reale Angst vor dem Tod."

Das PE-Game ist nicht das erste, krankheitsspezifische Spiel, doch das erste, das von den Spielern zumindest auch körperlicher Aktivität verlangt. Ursprünglich sollte das Spiel für die Wii-Konsole konzipiert werden. Doch das Nintendo-System störte die Funktion der medizinischen Apparturen.

Ein früher Vorläufer dieser Kategorie: Das Super-Nintendo-Spiel „Packy & Marlon" als spielerische Aufklärung für Kinder mit Diabetes. Packy und Marlon, zwei zuckerkranke Elefanten, müssen lernen, ihre Ernährungsregeln einzuhalten. In „Re-Mission" kombiniert der weibliche Nanobot Roxxi zwei Funktionen: Aufklärung über die Krebsart und die Nebenwirkungen von Chemotherapie sowie die spielerische Komponente, Krebszellen zu vernichten. Eine funktionelle Magnetresonanztomografie an Testpersonen, die Re-Mission spielten, ergab: Das Spiel aktivierte das Belohnungszentrum im Gehirn. Wenn die Information ohne Spiel auf dem Bildschirm präsentiert wurde, war das nicht der Fall.

Empowerment = Kampfgeist + Durchhaltevermögen
Mit dem richtigen, maßgeschneiderten Spiel könnten Patienten körpereigene Resourcen aktivieren. Und das ganz ohne Medikamente. Eine positivere Einstellung wirkt sich auch auf Körperprozesse wie etwa das Immunsystem aus. Soweit die Überlegung des Forscherteams in Utah.

Dazu muss die komplexe Hirnchemie der Botenstoffe stimmen. Videospiele aktivieren bei Spielern u.a. Dopamin, - eines der so genannten Glückshormone. Doch wie lange muss man spielen? Und wieviel wird dabei freigesetzt? „All diese Details sind nicht systematisch erforscht", erklärt Carol Bruggers. Und genau das will die Forschergruppe nun erstmals mit dem PE Game versuchen. „Wenn man auf bestimmte Signalwege einwirken will, damit man beim Patienten Depression verhindert, braucht man ein ganz bestimmtes Niveau von beispielsweise Endorphinen, von Kortisol, vom Neuropeptid Y. Man muss austesten, wie lange man spielen muss. Denn wenn man zu früh aufhört, ist man der irrigen Meinung, dass die Spielmethode nicht funktioniert."

Dosis. Dauer. Genau Wirkung. Das sind Prinzipien, wie man sie von der Entwicklung von Medikamenten kennt. „Und genau nach diesen Prinzipien müssen wir künftig Spiele entwickeln", meint Carol Bruggers.