© Barbara Wimmer

Near Field Communication
09/29/2011

NFC: „Der richtige Zeitpunkt ist gekommen“

Das Match um den Übertragungsstandard Near Field Communication (NFC) ist gestartet: Mobilfunker und Internet-Unternehmen wie Google kämpfen mit unterschiedlichen technischen Lösungen um die Vorherrschaft beim mobilen Bezahlen der Zukunft. Die futurezone traf Daniel Gurrola, Vizepräsident bei Orange Mobile, zum Gespräch über die Zukunft von NFC in Europa.

von Barbara Wimmer

Die Technik hinter NFC ist nicht neu. Sie existiert schon seit Jahren. Trotzdem konnte sich NFC auf dem Massenmarkt bisher nicht durchsetzen. Es fehlte an Infrastruktur und Unterstützern. Nun wagen sich vermehrt Telekommunikations-, Kreditkarten- und IT-Unternehmen an das Thema, denn es gibt realistische Geschäftsmodelle und Standards. Auch die meisten Hardware-Hersteller ziehen mit und bringen neue Smartphones und Tablet-PCs mit der Technologie auf den Markt. Die Zahl der NFC-tauglichen Geräte wächst konstant. Dadurch wird eine rasche Verbreitung am Markt möglich.

In den USA startete Google zusammen mit dem US-Mobilfunker Sprint und dem Kreditkartenunternehmen MasterCard nach einer Testphase vergangene Woche mit

sein berührungsloses Bezahlsystem. Die Kontrolle über die Daten hat Google, das so auch weiß, was wann und wo gekauft wurde. In Europa wollen die Mobilfunkanbieter die Daten für sich und propagieren stattdessen das Konzept der SIM-Karte mit NFC. Dieses ist in Frankreich bereits seit 2010 im Einsatz. "Cityzi" heißt das
. Die futurezone traf Daniel Gurrola, Vizepräsident bei Orange Mobile, in Nizza.

futurezone: In Österreich hat man schon vor Jahren versucht, NFC zu etablieren, ist aber gescheitert. Es hat kaum einer genutzt. Warum sollte es dieses Mal anders sein?
Daniel Gurrola: Dieses Mal ist es anders, weil die Umgebung passt. Alle Puzzle-Stücke lassen sich jetzt zusammen fügen. Es kommen etwa in nächster Zeit genügend neue Smartphones auf den Markt, die mit NFC ausgerüstet sind. Außerdem ist eine gute Kundenerfahrung wichtig, wie etwa beim Abfragen von NFC-Tags. Dazu ist es beispielsweise wichtig, dass die Netze schnell genug sind. Mit HSDPA und 3G ist dies nun möglich.

Smartphones und die Netzverbindung alleine reichen wohl nicht aus...
Auch die Service-Provider machen jetzt bereitwillig mit. Früher musste man sie davon überzeugen, dass das Mobilgerät Chancen mit sich bringt. Nun, aufgrund der schlechten Wirtschaftslage, versuchen Service-Provider, Einzelhändler und Banken ihre Kunden auf alle erdenkliche Arten zu erreichen. Sie haben verstanden, dass mobile Lösungen neue Möglichkeiten mit sich bringen. Doch nicht nur die Anbieter-Seite ist bereit. Die Konsumenten sind es auch, denn sie sind jetzt mit der Welt der Apps vertraut. Heutzutage weiß jeder, dass man mit dem Smartphone mehr machen kann als telefonieren und SMS schreiben.

Außerdem gibt es jetzt Standards, die vorher nicht da waren. Wenn man all das zusammen rechnet, weiß man, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist. In den nächsten zwölf bis 18 Monaten wird viel passieren.

Was sind das für Standards, auf die man sich geeinigt hat?
Die fünf größten Mobilfunkbetreiber in Europa haben sich Anfang des Jahres auf Standards für die Geschäftsprozesse geeinigt. In Frankreich haben letztes Jahr drei Mobilfunkanbieter damit begonnen, NFC auf dieselbe Art und Weise zu implementieren. Das diente als Basis. Dabei findet der Kommunikationsprozess zwischen der SIM-Karte und dem NFC-Chip statt. Wir haben uns auf eine SIM-basierte Lösung festgelegt.

Stimmt es, dass eine NFC-SIM-Karte erheblich teurer ist als eine herkömmliche SIM-Karte?
Ja, die NFC-SIM-Karte ist deutlich teurer. Der Preis hängt aber  vom Markt und der Stückzahl ab, die produziert wird. Je mehr NFC-SIM-Karten zum Einsatz kommen, desto günstiger werden sie. In Frankreich kommen wir (Anm.: Orange Mobile) derzeit für die höheren Kosten auf, weil wir sie als Investition sehen. In den nächsten drei Jahren wird sich das schlagartig ändern. Erinnern wir uns an das Kamera-Handy. Das war vor Jahren auch selten und deshalb teuer. Mit NFC-SIM-Karten wird es sich ähnlich verhalten.

Orange hat in Frankreich aktiv an der Einführung von NFC mitgearbeitet, ist aber gleichzeitig mit zwei anderen Providern gestartet. Was haben Sie als Mobilfunkbetreiber eigentlich davon, wenn das alle zur selben Zeit anbieten?
Der Erfolg von NFC kann sich nur dann einstellen, wenn es interoperable Lösungen am Markt gibt und man möglichst den ganzen Markt erreicht. Service-Provider wollen ja nicht nur Orange-Kunden adressieren. Daher haben sich alle drei Anbieter an einen Tisch gesetzt und an einen Strang gezogen. Mit den Mobilfunkbetreibern konkurrieren wir nicht auf der Ebene der Technologie und der Standards, sondern auf der Service-Ebene. Wir wollen attraktivere Pakete für unsere Kunden schnüren als die anderen Anbieter.

Wie sieht es mit Google und Apple aus - sind das Konkurrenten für Sie? Schließlich setzt Google mit dem "Wallet" nicht auf ein SIM-Karten basiertes Modell und möchte die Kunden-Daten für sich behalten. Auch von Apple darf man in Zukunft wohl eher keine freizügige Zusammenarbeit mit Mobilfunkanbietern erwarten.
Im Moment geht es noch darum, mehr Bewusststein für NFC zu schaffen, den Markt größer zu machen, beziehungsweise überhaupt einen Markt zu generieren. Daher ist es erst einmal gut, wenn Google auf NFC setzt. Außerdem haben sowohl Apple als auch Google bereits eingewilligt, mit Mobilfunkanbietern zusammen arbeiten zu wollen. Darauf freuen wir uns. Wir wissen allerdings noch nicht genau, wie diese gemeinsame Lösung aussehen wird. Es haben noch keine Gespräche stattgefunden.

Das heißt, derzeit ist es auch für Orange bzw. für die Mobilfunkbetreiber gut, wenn Google NFC pusht. Wie sieht es auf lange Sicht aus?
Sie haben recht, am Ende wird es einen Kampf um die beste technische Umsetzung von NFC geben. Es gibt Sticker auf der Rückseite von Handys, SD-Karten mit NFC-Chip oder eben die NFC-SIM-Karte. Für den Kunden ist es natürlich nicht gut, wenn es viele verschiedene Lösungen gibt. Am Ende wird aber der Markt entscheiden, welche Lösung sich durchsetzen wird. Wir glauben, dass wir den Konkurrenzkampf rund um die beste technische Lösung gewinnen werden.

Es handelt sich bei NFC nämlich um einen lokales Spiel und keinen globales. Am Ende des Tages kauft man mit NFC ja lokal ein. Wenn einmal eine Transaktion nicht wie gewünscht funktioniert, muss man seinen Mobilfunkanbieter in seiner Muttersprache anrufen können. Es muss einem außerdem jemand im Shop kurz erklären, wie das Bezahlen mit NFC funktioniert. Google kann das in Europa nicht bieten. NFC ist ein sehr lokales Service und das ist für Mobilfunkbetreiber ein großer Vorteil.

Ihre Vision ist es, NFC in Europa als Standard zu etablieren.
Ja, unsere Vision ist es, NFC zur dritten Revolution bei der mobilen Kommunikation zu machen. Die erste Revolution war Sprache und Text, die zweite der Zugang zum Internet und die dritte wird NFC sein. Wir wollen, dass unsere Kunden früher oder später NFC am Handy so nutzen wie das Telefonieren oder Schreiben von SMS.

Wann erwarten Sie, dass NFC abhebt?
Im vierten Quartal kommen NFC-Smartphones von RIM, Nokia, LG, Samsung und wahrscheinlich auch von HTC raus. Nächstes Jahr wird es noch mehr geben. Ich glaube, dass die Zahl der Geräte bis zum Sommer 2012 signifikant steigen wird. Der Zyklus, in dem sich Menschen ein neues Handy kaufen, beträgt derzeit zwei bis drei Jahre. Wir gehen davon aus, dass bis 2015 20 Prozent unserer Kunden ein NFC-Smartphone besitzen werden.

Mehr zum Thema