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Mobilität der Zukunft

Vision: Smarter Fahrschein für alle Öffis

Max M. ist beruflich viel unterwegs, als Marketing-Manager hat er Termine, oft auch außerhalb Wiens. Mal ist er in der Stadt mit einem Citybike unterwegs, denn er ist begeisterter Radfahrer, mal mit der U-Bahn, mal mit einem Car2Go, ab und zu auch mit dem Zug. Derzeit ist dieses Nutzungsverhalten allerdings umständlich – für jedes Fahrzeug benötigt man ein eigenes Ticket mit einem eigenen Abrechnungssystem. Doch dies soll sich in der Zukunft ändern.

Mobilitätskarte für Wien

Für den Raum Wien planen die Wiener Linien etwa eine Mobilitätskarte, die zuerst für Jahreskartenbesitzer eingeführt werden soll. „Es geht dabei darum, zur Öffi-Nutzung ergänzende Mobilitätsangebote zu schaffen wie Carsharing, CityBike oder Park&Ride“, erklärt Dominik Gries, Pressesprecher der Wiener Linien, auf futurezone-Anfrage. „Das ist allerdings sehr aufwendig und logistisch schwierig. Es gibt noch keine spruchreife Umsetzung“, so Gries.

In einem Forschungsprojekt namens SMILE, das noch bis 2015 läuft, arbeiten unter anderem die Wiener Stadtwerke gemeinsam mit den ÖBB daran, einen Prototyp für eine integrierte Mobilitätsplattform und einen persönlichen Mobilitätsassistenten zu entwickeln. Mobilitätsanbieter und andere Partner wie die Verkehrsauskunft Österreich sollen dabei direkt über offene Schnittstellen an die Plattform angebunden sein. Ab 2014 wird mit „externen Personen“ getestet.

Max M. könnte dann etwa mit dem Citybike zum Bahnhof, mit der S-Bahn nach Mödling und von dort mit einem E-Auto zu seinem Ziel fahren. „Es wäre wirklich wünschenswert, dass wir künftig intermodale Wegeketten einfach bedienen können und wir nur noch die Verkehrsmittel verwenden, die gerade am praktischsten für uns sind“, erklärt Thomas Geiblinger, Pressesprecher der Wiener Stadtwerke.

Smartphone als Bezahlmedium

Wie realistisch es ist, dass das Szenario in den nächsten zehn Jahren Realität wird, wollte Geiblinger nicht verraten. „Sicher ist: Es wird sich über das Smartphone abspielen.“ Das sieht auch der Verkehrsspezialist Walter Hecke von der Firma Consualia so. „Das Smartphone wir das Bezahlmedium der Zukunft sein. Mit Smartphone und SmartCards wird der gesamte Mobilitätsverkehr abgewickelt werden können.“

Hecke vertritt die Interessen des US-Unternehmens Cubic in Österreich. Die Firma hat sich vor allem auf Software-Lösungen, die zu Abrechnungszwecken für E-Ticketing-Systeme verwendet werden, spezialisiert. Cubic ist beispielsweise für das System hinter der Londoner Oyster Card verantwortlich, ebenso wie es bei der verbundweiten Einführung des E-Tickets im deutschen Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) eine tragende Rolle spielt. Auch Cubic verfolgt mit „next city“ die Vision, künftig den Verkehr zu miteinander zu vernetzen und für Kunden „die beste Mobilitätslösung“ zu schaffen.

Video-Kundenterminal der Zukunft

Cubic hat dazu etwa einen Ticket-Automaten namens „Next Agent Video Ticket Office“ entwickelt. Das ist ein Video-Kundenterminal, welches den Kundendialog mit einem Call-Center ermöglicht, bei dem man unter anderem mittels NFC-Smartphone oder SmartCard zahlen kann. „Über dieses persönliche, kundenorientierte Service wird man Fahrscheine für alle Verkehrsmittel, die man benötigt, reservieren oder kaufen können – und zwar in der Sprache seiner Wahl. Auch Reservierungen für Carsharing können auf diesem Weg getätigt werden, ebenso wie das Abrufen von Fahrplandaten in Echtzeit möglich sein wird“, erklärt Dieter Wimmer, Verkehrsexperte und Manager bei Cubic Deutschland, das System. „Das können normale Ticket-Automaten nicht.“

Über kurz oder lang soll derartige Aufgaben jedoch auch das Smartphone beherrschen und der intelligente Ticket-Automat wird das ergänzende Angebot sein, für Menschen, die eine persönliche oder individuelle Betreuung benötigen. „In sechs bis zehn Jahren wird es soweit sein, dass sich das Smartphone auch im Mobilitätsbereich durchgesetzt haben wird. Derzeit verfügt die SmartCard noch über einige zusätzliche Sicherheitsfunktionen, doch der Trend zeigt klar in Richtung Smartphone.“

Automatisches Tracking via Smartphone

Mit Hilfe des Smartphones soll künftig auch der Fahrpreis für Tickets automatisch berechnet werden – und zwar mittels „Be in / Be out“. Im Rahmen des Forschungsprojekts eSIM, das von Cubic gemeinsam mit Partnern wie der Deutschen Bahn (DB) in Deutschland durchgeführt, soll untersucht werden, ob das automatische Ticketing ohne eine besondere Handlung des Kunden funktionieren könnte. Das Smartphone ist dabei permanent in einem WLAN-Netz eingewählt und trackt den Aufenthaltsort mit. Aktiviert wird diese Möglichkeit per App, abgerechnet wird im Anschluss.

„An der exakten Umsetzung wird im Moment gearbeitet“, erzählt Cubic-Manager Wimmer. „WLAN-Router in Bussen zu installieren, sind nur geringe Investitionskosten. Im U-Bahn-Verkehr könnte man die Router etwa an den Stationen platzieren. Da müssen wir aber erst die Ergebnisse abwarten“. Dass das automatische Tracking von der Masse abgelehnt werden könnte, glaubt Wimmer nicht. Auch beim Carsharing liege ein Nutzungsprofil vor. „Datenschützer sind natürlich bei der Entwicklung des Systems eingebunden“, so Wimmer.

Viele Fragen offen

Wiener Linien-Sprecher Gries glaubt hingegen nicht, dass ein derartiges automatisches Tracking von den Wienern akzeptiert werden würde und sieht auch viele Fragen technischer Natur offen. „Was macht man etwa, wenn das automatische Tracking nicht funktioniert hat? Ist dann der Kunde Schuld? Wir verfolgen hier außerdem ein ganz anderes Modell. Wir wollen die Leute dazu motivieren, Zeitkarten zu kaufen, mit denen sie fahren dürfen, so oft und so lange sie wollen. Wir wollen die Leute zu Stammkunden machen und nicht einzelne Wege abrechnen wie es in London gemacht wird“, sagt Gries.

Während der Online-Ticket-Verkauf bei den Kunden bereits gut angenommen wird und etwa zehn Prozent des Umsatzes ausmacht, sieht Gries beim Smartphone-Ticket-Verkauf noch „Potenzial für die Zukunft“. „Das hebt derzeit noch nicht so irrsinnig ab.“

Abrechnung hemmt Innovationen

Eine große Unbekannte bei der Vision, möglichst viele Verkehrsmittel mit möglichst einem Ticket benutzen zu können, ist auf jeden Fall die Abrechnung. „Eine österreichweite Abrechnung aller Verkehrsmittel ist ein sehr komplexes Ziel“, so Gries. Beim Forschungsprojekt SMILE spielt das Thema zwar eine Rolle, eine realistisch funktionierende und einfach umsetzbare Lösung erwartet man jedoch nicht. „Wie Betreiber untereinander das Geld aufteilen, wird mit SMILE nicht gelöst. Diese Herausforderung können wir damit nicht abdecken. Es sollte aber ein öffentlicher Betreiber der zentrale Anbieter derartiger Dienste sein, keine Firma wie ein Autokonzern“, sagt Geiblinger.

Hecke, der die Interessen von Cubic vertritt, hofft darauf, dass es in Österreich nicht wieder zu „zehn Insellösungen“ kommen wird. „Man braucht eine gemeinsame Schnittstellenregelung. Die sogenannte letzte Meile spielt auch hier eine Rolle. Wenn man drei Kilometer bis zum Haus hat, muss man die genauso einplanen wie die 300 Kilometer, die man zuvor mit der ÖBB zurückgelegt hat.“ Hecke ist „vorsichtig optimistisch“, dass Österreich dies hinkriegt. Wann – steht jedoch in den Sternen.

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