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Wie verifiziert man Bürger-Videos aus Krisenzonen?

„Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte, und ein Video sagt mehr als 1000 Bilder.“ Das ist der Wahlspruch von Christoph Köttl. „Und genau deshalb ist es so wichtig, dass man die Herkunft und Korrektheit von Bildern und Videos überprüft.“ Der Oberösterreicher bei Amnesty International in Washington ist schon seit Jahren darauf spezialisiert, Bildmaterial auf seine Brauchbarkeit zum Beweis von Menschenrechtsverletzungen zu überprüfen: vom Satellitenbild bis zum Schnappschuss.

Das kleine Einmaleins der Video-Verifizierung

Seit sich Smartphones durchgesetzt haben, nimmt die Flut von Videos zu, - sei es nun aus Ägypten, Nigeria, Syrien oder der Ukraine. Zwar gibt es mit dem Verification Guide ein solides Standardwerk, doch – so Christoph Köttl – da müsse man sich durchkämpfen. „Große Organisationen wie Amnesty International oder Medienriesen wie die BBC können sich den Luxus leisten, Bilder und Videos eigens verifizieren zu lassen. Doch ein einzelner Journalist oder ein Menschenrechtsanwalt hat dafür nicht die Ressourcen.“ – Und auch nicht die Zeit, sich die Methoden anzueignen.

Christoph Köttls Citizen Evidence Lab erleichtert die Sache ungemein. Am Anfang dieses nutzerfreundlichen „How-to“-Leitfadens steht eine Schnellanalyse der YouTube-Daten. Als erstes kopiert man die Adresse des Videos in den YouTube Data Viewer. So erfährt man, wann das Video hochgeladen wurde. Mit einer Liste von Vorschaubildern (Thumbnails) lässt sich dann eine Rückwärts-Bildersuche starten, um herauszufinden: Gibt es eine ältere Version des Videos?

Gestellt oder gelogen?

„Die wenigsten Videos sind gestellt“, weiß Christoph Köttl. „Aber das etwas als etwas anderes ausgegeben wird, - das passiert immer wieder.“ Ein besonders eklatantes Beispiel: Die Hinrichtung zweier Männern mit einer Kettensäge wurde als Gräueltat aus Syrien zirkuliert. Tatsächlich handelte es sich um ein schon älteres Video aus Mexiko. Drogenhändler hatten ein besonders grausames Exempel statuiert.

Nach dem Test der YouTube-Daten, bleibt einem die Recherche rund um das Geschehen auf dem Video nicht erspart. „Um welche Uniformen es sich handelt, ist eine sehr wichtige Information“, meint Christoph Köttl. Auch historische Wetterdaten sollte man nachprüfen. Wer weiß, - schien gerade an diesem Tag an der russisch-ukrainischen Grenze tatsächlich die Sonne? Christoph Köttl gelang es, den genauen Ort einer Tat in der nigerianischen Stadt Maiduguri zu bestätigen. Auf dem Video erschoss ein Soldat einen unbewaffneten Mann. Das passierte auf einer Asphaltstraße neben einer Verkehrsinsel. Mithilfe von Google Earth konnte er verifizieren: Ja, genau diesen Ort gibt es in Maiduguri tatsächlich.

Videos als Beweise vor Gericht

Zum Syrienkonflikt soll es mittlerweile zwischen 600.000 und 800.000 Videos geben. Wenn man alle Videominuten addiert – so eine Berechnung des Carter Centers – ergeben diese zusammengenommen mehr Zeit als der eigentliche Konflikt bisher andauert. Es gäbe also potenziell viel Material um Gräueltaten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu dokumentieren. Im Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof gegen Thomas Lubanga wurde erstmals ein Video zur Untermauerung der Anklage herangezogen. Dem Ex-Milizenführer wurde vorgeworfen, er habe Kindersoldaten rekrutiert. Das Video zeigte ihn mit Kindern in einem seiner Lager. Thomas Lubanga wurde schuldig gesprochen.

In diesem Fall lag noch eine Fülle anderer belastender Beweise vor. Doch was tun, wenn die Echtheit eines Videos tatsächlich über Schuld bzw. Unschuld entscheiden könnte? „Für Gerichte ist die so genannte Überwachungskette sehr wichtig,“ erklärt Christoph Köttl. Es muss also klar sein: Wer hat ein Video wo, unter welchen Umständen aufgenommen und an wen weitergeben? Die Möglichkeit einer Manipulation des Materials muss ausgeschlossen werden können. Dies wird künftig dank einer, von der Organisation Witness gemeinsam mit dem Guardian Project entwickelten App möglich sein. InformaCam registriert etwa GPS-Koordinaten, Seehöhe, Lichtverhältnisse, umliegende elektronische Geräte sowie Handymasten und verfügbare Netzwerke und speichert all diese Information verschlüsselt. Die App, die sich noch in der Testphase befindet, soll es auch ermöglichen, das gesamte Datenpaket direkt an die Adressaten des Vertrauens zu übermitteln.

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Madeleine Amberger

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