Start-ups
07.12.2016

Wie Nokias Niedergang einen Start-up-Boom auslöste

Start-ups boomen in Finnland. Jährlich werden rund 400 Tech-Unternehmen gegründet. Belebt wurde die Szene durch den Niedergang des einstigen Handy-Weltmarktführers Nokia.

Früher war an der Adresse Itämerenkatu 13 am Rande von Helsinki die Forschungsabteilung von Nokia beheimatet, heute tummeln sich in den Räumlichkeiten des in Glas verkleideten Bürogebäudes zwischen Legosteinen und schick designtem Weihnachtsschmuck die Entwickler von Supercell. Vier Spiele für Smartphones hat das 2010 gegründete Firma bislang veröffentlicht. Sie heißen "Clash Royale", "Clash of Clans", "Boom Beach" und "Hay Day" und werden von hundert Millionen Menschen weltweit gespielt. "Supercell ist ein gutes Beispiel für die neue finnische Wirtschaft", sagt Jukka Häyrynen, Leiter der finnischen Start-up-Förderagentur Tekes. Produziert werden nicht mehr greifbare Güter, sondern Software und Spiele.

Zwei Milliarden Umsatz, 210 Angestellte

Zwei Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet Supercell im Jahr. Wie einst Nokia zählt die junge Firma heute zu den größten Steuerzahlern des Landes. Während Nokia in seinen besten Zeiten aber mehrere Zehntausend Beschäftigte zählte, arbeiten bei Supercell, das auch Niederlassungen in San Francisco, Shanghai, Tokio und Seoul unterhält, gerade einmal 210 Leute, 140 davon in Finnland.

"Unser Ziel ist es das Unternehmen so klein wie möglich zu halten", sagt Supercell-Mitgründer und Geschäftsführer Ilkka Paananen. Nur so könne die auf flachen Hierarchien basierende Unternehmenskultur funktionieren. Kleine Teams arbeiten innerhalb des Start-ups weitgehend autonom an ihren Spielideen. Supercell brauche keinen Chef sagt Paananen. Seine Aufgabe sei es das Umfeld für den Erfolg der Firma zu schaffen. "Bei Supercell ist jeder sein eigener Boss".

"Viel Geld und Talente freigesetzt"

Der Verkauf der Handyfertigung des einstigen Weltmarktführers Nokia an Microsoft habe viel Geld und Talente freigesetzt, sagt Tekes-Leiter Häyrynen. Für die finnische Wirtschaft sei er das beste Geschäft gewesen. Bis zu 4000 Start-ups werden jährlich in Finnland gegründet, drei- bis vierhundert davon kommen aus dem Tech-Sektor. Weil der Markt des 5,5 Millionen Einwohner zählenden Landes zu klein ist, haben sie den globalen Erfolg im Visier.

In Finnland habe in den vergangenen Jahren ein Kulturwandel stattgefunden, erzählt Häyrinen. Viele junge Leute würden sich für die Gründung eines Unternehmens entscheiden. Dass durch Start-ups auch viele Arbeitsplätze entstehen, glaubt er nicht. "Das ist die falsche Frage", sagt er zur futurezone. "Die Geschäftsmodelle von Start-ups funktionieren anders." Das ist wohl auch ein Mitgrund dafür, dass in Finnland die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommen diskutiert wird. Ein Pilotprojekt soll nächstes Jahr starten.

"Viel entstanden"

Neben Spielen und Software - auch der "Angry Birds"-Entwickler Rovio stammt aus Helsinki - sind Medien-Start-ups und Health-Tech-Firmen unter den jungen aufstrebenden Unternehmens des skandinavischen Landes ebenso vertreten wie Hersteller von Technik für das Internet der Dinge und Entwickler künstlicher Intelligenz. Es gibt in Finnland kaum ein Start-up, das nicht zumindest von einem ehemaligen Nokia-Mitarbeiter mitgegründet worden ist", sagt Kevin Linser. "Aus dem Nokia-Scherbenhaufen ist alles entstanden."

Auch Linsers Start-up selma.io hat einen Ex-Nokia-Mitarbeiter als Mitgründer an Bord. Das Fintech des in Tirol aufgewachsenen Gründers, der seit zwei Jahren in Helsinki lebt, will demnächst mit automatisierten Investments, zunächst in der Schweiz und später in Finnland starten. Seinen Sitz hat das von der Förderagentur Tekes unterstützte Jungunternehmen im Maria 0-1, dem größten Start-up Hub Skandinaviens.

Jungunternehmen im Spital

In dem ehemaligen Spital am Rande Helsinkis, das vergangenes Jahr als Gründerzentrum neu eröffnete, haben bislang 60 junge Firmen ihre Büroplätze, 10.000 Quadratmeter sind bereits für die neue Nutzung adaptiert. In den nächsten Jahren sollen es 30.000 werden, erzählt Ville Riola, Chief Operating Officer des Start-up-Hubs. 200 Start-ups hätten sich heuer um einen Platz in dem Gründerzentrum beworben. Auch sieben Risikokapitalgeber haben sich in dem von der Stadt Helsinki zur Verfügung gestellten Gebäude angesiedelt.

"Viele der Leute, die hier arbeiten sind ein bisschen seltsam", sagt Atte Hujanen: "Uns gefällt das. Es gibt einen regen Austausch zwischen den Start-ups. Jeden Freitagabend trinken wir gemeinsam Bier", erzählt der Gründer des Start-ups Singa, das von seinen Büros im ehemaligen Operationssaal des Krankenhauses aus als eine Art "Spotify für Karaoke" durchstarten will.

Hujanen ist auch Mitgründer desSlush-Festivals. Der Start-up-Treff, der 2008 als Gedankenaustausch unter Gründern begann,lockte Ende November mehr als 17.000 Besucher in das nasskalte Helsinki. "Vor fünf Jahren war es für Start-ups schwer an Geld zu kommen, das Slush-Festival hat das geändert und viele Investoren auf Finnland aufmerksam gemacht", erzählt Maria O-1-Chef Riola: "Geld ist kein großes Problem mehr."

Superfood

Aber nicht nur Tech-Start-ups boomen in Finnland. Auch junge Unternehmen, die sich dem sogenannten Superfood verschrieben haben, feiern Erfolge. Sie heißen Favamill, Ambronite oder Gold&Green Foods und erzeugen proteinreiche Nahrung aus Getreide, Kräutern, Hafer oder Bohnen. Shooting-Star in der Szene ist Gold&Green Foods, das mit Hafer- und Bohnenflocken ("Pulled Oats") einen regelrechten Hype in Finnland auslöste und mittlerweile eine eigene Lebensmittelfabrik betreibt. Das 2015 gegründete Start-up macht bereits eine Million Euro Umsatz im Jahr. Im nächsten Jahr wolle man nach Schweden, später global expandieren, erzählt Gründerin Maija Itkonen. Sorgen bereitet ihr lediglich die große Nachfrage : "Wir haben zehn Mal so viele Bestellungen, wie wir erfüllen können."

Disclaimer: Die Reiskosten zum Slush Festival und die Kosten für die Unterkunft in Helsinki wurden von der finnischen Agentur Finnfacts übernommen.