Berlin wuchs zwar zu einer Start-up-Hochburg heran, musste sich in Europa aber immer mit Platz zwei zufrieden geben

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Brexit
06/24/2016

Berlin soll London als Europas Start-up-Hauptstadt ablösen

London gilt bisher als das Start-up-Zentrum in Europa. Doch mit dem Brexit könnte die Zeit von Berlin kommen. Das hoffen zumindest die Berliner Start-ups.

Deutsche Internet-Unternehmer befürchten Nachteile für Europa im Wettbewerb mit der US-Konkurrenz durch einen Austritt Großbritanniens aus der EU. Zugleich könnte als eine Folge des Brexit Berlin London als wichtigstes Start-up-Zentrum in Europa ablösen.

"Wir sind europäische Gründer"

„Die deutsche Start-up-Hauptstadt Berlin ist der Gewinner des Brexit, London der Verlierer“, meinte der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Startups, Florian Nöll, am Freitag. Zugleich sei das kein Sieg, den man feiern werde: „Wir sehen uns schon lange nicht mehr als deutsche oder britische Gründer. Wir sind europäische Gründer. Unsere Startups gründen wir für internationale Märkte.“ Auch der Verband der Internetwirtschaft eco erwartet einen Auftrieb für Berlin, weil London als Brückenkopf in Europa an Attraktivität verliere.

Doch im globalen Wettbewerb insgesamt sieht die Branche mit dem Brexit einen Rückschlag für die Europäer, weil der geplante digitale Binnenmarkt nun kleiner werde. „Einem fragmentierten Markt fehlt jede Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich mit Ländern wie die USA“, warnte der für Politik und Recht zuständige eco-Vorstand Oliver Süme.

Auswirkungen gering halten

Der eco stellt sich auf Geschäftseinbußen schon in der Zeit der mehrjährigen Austrittsverhandlungen ein. „Das bringt eine enorme Rechtsunsicherheit auch für Unternehmen aus der Internetwirtschaft mit sich - und damit voraussichtlich auch Umsatzrückgänge“, prognostizierte Süme.

„Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die Auswirkungen auf die deutsche und europäische Digitalwirtschaft möglichst gering bleiben“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Digital-Verbands Bitkom, Bernhard Rohleder. Es sei zu erwarten, dass sich Großbritannien von den Standards des digitalen Binnenmarkts entfernt. „Für Unternehmen aus Deutschland bedeutet das, dass sie sich mit abweichenden Regeln in Großbritannien beschäftigen müssen. Gerade für Mittelständler und Start-ups ist das oft kaum möglich.“

Schwerer Stand für Google und Co.

Der amerikanische Branchenexperte Ben Thompson rechnen nun zugleich mit einem schwereren Stand für amerikanische Internet-Riesen in der EU. Frankreich und Deutschland, aus denen deutlich mehr Druck etwa auf Google und Facebook komme, bekämen damit mehr Gewicht in der Union, argumentierte Thompson in seinem Newsletter „Stratechery“. „Das ist wahrscheinlich von besonderer Wichtigkeit für Google: Das Vereinigte Königreich ist einer deren besten Märkte und das Unternehmen braucht in dem zunehmen misstrauischen Europa, das mehrere Wettbewerbsverfahren gegen den Suchmaschinen-Giganten führt, alle Unterstützung, die es kriegen kann.“