Start-ups
19.11.2014

Österreicher entwickelt Satelliten-Revolution

Mit "Spire" hat der Österreicher Peter Platzer ein Start-up gegründet, das das Orten von Schiffen, Containern und Flugzeugen revolutioniert und Wetterprognosen verbessert.

Mit Hilfe seines Systems hätte man nicht nur das seit März verschollene Flugzeug der Malaysia Airlines MH 370 gefunden, sondern man könnte jedes Schiff im Dreiminutentakt orten, genau wie viele der etwa 100.000 Container, die pro Jahr spurlos verschwinden. Mit seinem Start-up Spire hat der Österreicher Peter Platzer (45) ein Unternehmen gegründet, das in kürzester Zeit nicht nur 30 Millionen Dollar aufstellen konnte, sondern das sogar von der US-Regierung und der NASA als eines der Top-Hoffnungsunternehmen der Gegenwart bezeichnet wird. Spire nutzt dabei eine Möglichkeit, die es erst seit einigen Jahren gibt: Nanosatelliten.

Die Satelliten sind etwa so groß und so schwer „wie eine Flasche Champagner“. Die Satelliten werden in eine metallene Box gesteckt, an deren Boden eine Sprungfeder montiert ist. Dieser Metallkasten mit Deckel und Schnalle wird an der Seite des Hauptsatelliten befestigt, in einer bestimmten Höhe bzw. Umlaufbahn wird der Deckel geöffnet und der Satellit hüpft praktisch raus ins All. „Die ersten Satelliten haben wir auf eine sehr günstige Umlaufbahn geschickt, also im Umfeld der Weltraumstation, die sich auf etwa 400 km befindet“, erklärt Platzer. Je nach Größe verglüht ein Satellit nach drei oder neun Monaten in der Atmosphäre. Einer der Spire-Satelliten befindet sich in einer Höhe von 600 km und bleibt dort für fünf bis sechs Jahre. Überhaupt ist das Spire-System darauf aufgebaut, die Satelliten nach Ende ihrer Lebenszeit mit der neuesten verfügbaren Technologie auszuwechseln – was im Vergleich zu herkömmlichen Satelliten, die nicht nur riesig sind, sondern auch hunderte Millionen Dollar kosten, ein Riesenvorteil ist. Mitunter befinden sich Satelliten bereits bis zu 20 Jahre im All – mit veralteter Technik von der Jahrtausendwende.

120 Nanosatelliten

Mit 20 Satelliten kann Spire seine Dienste anbieten. „Dann können wir mit einem Produkt starten, das es heute noch nicht gibt und in naher Zukunft auch nicht geben wird“, sagt Platzer. Das Spire-System errechnet aus einer Vielzahl an Daten, die mittels Sensoren, Antennen, optischen und Infrarot-Kameras erfasst werden, zuverlässige Informationen und auch Positionen. Pro Tag werden mehr als zehn Terabyte an Daten verarbeitet. „Mit dem Spire-System ist es möglich, jedes Schiff, das auf einem der Weltmeere unterwegs ist, alle 15 Minuten zu orten bzw. zu sehen.“ Verwendet werden die bereits in den Schiffen installierten AIS-Geräte (Automatische Identifikationssystem/Automatic Identification System/AIS) .

Ortung im 3-Minuten-Takt

Derzeit können Schiffe nur maximal viermal pro Tag geortet werden, wodurch eine lückenlose Kontrolle schwer oder gar nicht möglich ist. Bis 2016 werden 25 bis 50 Spire-Satelliten ins All geschossen. Die maximale Ausbaustufe, die in den kommenden drei Jahren erreicht werden soll, besteht aus 100 bis 120 Satelliten. Objekte - vom Schiff über Container bis zu Flugzeugen - können dann alle drei bis fünf Minuten geortet werden.

Großes Einsatzspektrum

Das mögliche Einsatzspektrum ist riesig. So könnte Spire im Kampf gegen Piraterie eingesetzt werden – „ganze Öltanker werden in Singapur gestohlen“, erklärt Platzer, „allein in diesem Bereich beträgt der Schaden zehn Milliarden Dollar pro Jahr.“ Auch illegale Fischerei könne aufgedeckt oder verhindert werden. „Das ist ein 20-Milliarden-Dollar-Problem“, so der Spire-Erfinder. Damit werde nicht nur die Nahrungsversorgung an sich bedroht, sondern ganze Fischarten würden ausgerottet, da durch die derzeit technisch nicht mögliche Kontrolle Fischer innerhalb weniger Stunden in verbotene Gewässer vordringen und diese rasch wieder verlassen können.

Interessenten stehen Schlange

Etwa 80 Prozent des Welthandels passiert immer noch mit Schiffen – und hier komme die Treibhaus-Problematik zum Tragen. Da man nicht oft genug Schiffsdaten erhält, seien Schiffe zwar von A nach B unterwegs, allerdings nicht immer auf der optimalen Route; was wiederum angesichts der verwendeten Diesel-Schiffsmotoren Umweltschäden verursache. „Mit unseren Daten kann man – in Kombination mit aktuellen Wetterdaten, die über unsere Satelliten ebenfalls erhoben werden - die Schiffsrouten optimieren“, sagt Platzer. Für Spire interessiert sich aber nicht nur die Schiff-, sondern auch die Luftfahrt, das Militär und die gesamte Transport-Branche. Im vergangenen Jahr war Platzer einer von fünf „White House Champion of Change“ – weil er mit seinem Start-up Spire versucht, die Welt zu verändern.

Mit Wetterdaten zum Riesengeschäft

Spire könnte künftig auch ein „Big Player“ im Wetterdaten-Geschäft werden. 94 Prozent der Wetterdaten stammen von Satelliten, etwa Bilder von geostationären (35.786 km) Satelliten und atmosphärische Daten von erdnahen LEO-Satelliten (Low Earth Orbit/200 bis 600 km). 2016 werden aber die meisten Wettersatelliten ausgedient haben, Austauschprogramme werden sich verspäten oder sind ganz abgesagt worden. „Wir werden auch in diesem Bereich zuverlässige Daten liefern können“, sagt Platzer.

Innerhalb von eineinhalb Jahren hat Platzer Investitionen in der Höhe von 30 Millionen Dollar aufgestellt. Spire hat derzeit 35 Mitarbeiter, Tendenz steigend. Bei der Auswahl seiner Mitarbeiter ist Platzer sehr penibel. Jeder Kandidat muss 200 Fragen beantworten. Nur wer eine bestimmte Punkteanzahl erreicht, bekommt den Job, was zur Folge hat, dass bis dato noch kein Mitarbeiter das Unternehmen verlassen hat.

Suche nach der Europa-Zentrale

Die US-Zentrale von Spire befindet sich in San Francisco, in Singapur gibt es die Asien-Niederlassung und die europäische steht noch nicht fest. Platzer hätte gerne die Europa-Zentrale in Wien oder Wiener Neustadt. Erste Gespräche mit AWS und FFG seien aber nicht sehr erfolgversprechend verlaufen. „Von Singapur haben wir fünf Millionen Dollar erhalten – als erfolgsabhängigen Kredit über acht Jahre, der daran gebunden ist, dass wir zehn Millionen investieren.“ Eine europäische Stadt, die Platzer nicht verraten will, hat bereits ein Angebot unterbreitet - über 2,5 Millionen Euro. „Im Gegenzug müssen wir zehn Millionen Euro investieren“, sagt Platzer. „Mit den gleichen Informationen haben wir von zwei anderen Ländern zwei Angebote bekommen. Für jeden Euro, den ich investiere, hätte ich gerne einen Euro an Förderung; für Arbeitsplatzschaffung, für Satellitenbau etc.“ Der europäische Standort wird ein Drittel des Umsatzes des Unternehmens machen, und der ist 2016 mit 50, 2017 mit 200 und 2018 mit 500 Millionen Dollar prognostiziert.

CubeSats machen die Revolution im All möglich

Das Programm wurde von der California Polytechnic State University (Cal Poly) gestartet, damit andere Unis und private Unternehmen kostengünstige Satelliten herstellen und diese auch kostengünstig ins All bringen können. Die kleinste Standardgröße eines CubeSat ist 1U (one unit) und hat die Maße von 10x10x10 cm und darf nicht schwerer als 1,33 Kilogramm sein. Es gibt auch größere Standardgrößen, wie 2U (20x10x10 cm) und 3 U (30x10x10 cm). Am verbreitetsten ist die Größe 6U (10x20x30 cm oder 12x24x36 cm). So wie der PC den Computerbereich revolutioniert hatte, weil Rechner frei konfiguriert werden konnten, gelten auch CubeSats als Revolution im Satelliten-Business.

Preis

Ein Satellit kostet „einige hunderttausend“ Euro und ist mit einer speziellen Batterie, die im Vakuum funktioniert, mit Funk-Komponenten etc. ausgestattet. Ein Launch mit einer Rakete kostet „deutlich weniger“ als 1 Million Dollar, pro Launch können zwischen 2 und 12 Satelliten ins All transportiert werden

Launch

Die Nanosatelliten werden mit Raketen wie japanischen H-IIA oder H-IIB Raketen (erzeugt von Mitsubishi Heavy Industries), Falcon 9 von SpaceX, Antares von Orbital Sciences, oder russischen Sojus-Raketen. Die Raketen heben von den bekannten Weltraum-Bahnhöfen Baikonur in Kasachstan, Kourou, Andhra Pradesh in Indien, vom Kennedy Space Center in Merritt Island, Florida oder von der japanischen Insel Tanegashima ab.

Von Mödling ins All

Vor zwei Jahren hat Peter Platzer mit zwei Studienkollegen Joel Spark und Jeroen Cappaert sein Unternehmen Spire (vormals NanoSatisfi) gegründet. Heute ist sein Unternehmen eines von jenen, die es geschafft haben, so genannte Nanosatelliten im All auszusetzen. Platzer, im niederösterreichischen Mödling geboren, studierte an der TU Wien, war beim CERN und Max Planck Institut tätig, sammelte bei der Boston Consulting Group Management-Erfahrung in Asien und war einige Jahre bei einem Investment-Management-Startup in New York beteiligt.

Singularity

Platzers persönliche Veränderung passierte 2009, als er die Singularity University in Mountain View besuchte. „Seit damals ist mir bewusst geworden, dass unser gesamtes Leben von mehr und mehr exponentiellen Technologien beeinflusst wird. Der Vorteil oder Nachteil ist, dass sie sich schneller verändern, als unser Hausverstand, als unser Bauchgefühl“, sagt der Unternehmer.

Auf der Singularity University hat er Neil Jacobstein (Robotik und Künstliche Intelligenz) und Peter Diamandis (Luftfahrtingenieur und Gründer der Space-University) kennengelernt, die im Weltraum massive Veränderungen prognostiziert haben. Einerseits hätten die USA kein Geld mehr, um ihre Programme zu finanzieren. Andererseits gäbe es zum ersten Mal in der Geschichte 25-Jährige, die Milliarden haben und auf der Suche nach Wegen seien, ihre Spuren zu hinterlassen. Die Milliardäre haben sich auf den Weltraum gestürzt.

Raketentechnik studiert

In Strassburg schließlich hat er von Raketen-, über Satellitentechnik bis zu Mission Control und Bodenstationen alles gelernt, was es über den Weltraum zu lernen gibt. "Dort habe ich mich auch intensiv mit Nanosatelliten beschäftigt. Etwa mit Fähigkeitskurven", so Platzer. Wie viel Energie hatte ich vor 10 Jahren, 8 Jahren oder 5 Jahren. Wie hat sich die Kommunikationsbreite entwickelt. Wie viele akademische Papiere über CubeSats werden geschrieben. "Alle Kurven haben steil nach oben gezeigt, da habe ich gewusst, da gibt’s grad eine Technologie, die abhebt und sich exponentiell weiterentwickelt. Ich habe dann 40 bis 50 Geheiminterviews mit Vertretern von Weltraumagenturen und Weltraumfirmen durchgeführt, um zu erfahren, wie sie die Entwicklung sehen." Dann kam der Entschluss.

Der Traum vom Weltraum

„Ich hatte immer schon den Wunsch, im kommerziellen Weltraumgeschehen etwas zu machen. Die Mischung Wissenschaft, Produkt und Wirtschaft fand ich immer sehr wichtig. Damals war die Weltraumgeschichte zu langsam, doch seit Beginn der Smartphone-Ära im Jahr 2007 explodieren die Investitionen in den Consumer-Electronics-Bereich. Es werden Milliarden in Robotik, Drohnen und auch Raumfahrt-Technologie investiert. Die Voraussetzungen für solche Innovationen basieren immer darauf, dass die Elektronik kleiner, leichter und leistungsfähiger wird und gleichzeitig immer weniger Energie verbraucht. „Diese vier Kriterien gelten im Weltraum auch, das Know-how aus dem Elektronik-Bereich lässt sich 1:1 ins All übertragen“, sagt Platzer.