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16.01.2018

refugees{code}: Flüchtlinge lernen in Wien programmieren

Ein Wiener Verein bringt Flüchtlingen das Programmieren bei, um so die Chancen auf einen Job zu erhöhen. Die Ausbildung dauert neun Monate.

Fast vier Monate lang, von Oktober bis Jänner, ist der 24-jährige Agazia Nabizada nun jeden Tag in die Nordbahnhalle gekommen, um dort im Rahmen des Projekts refugees{code} seine Programmierkenntnisse zu vertiefen. Er ist einer von insgesamt 21 Flüchtlingen, die eine neunmonatige Ausbildung absolvieren, um künftig am Arbeitsmarkt bessere Chancen zu haben.

Das Projekt, das von Stefan Steinberger, Daniela Wolf und Alexander Hartveld ins Leben gerufen wurde, gibt es seit knapp einem Jahr. Im Oktober startete der dritte Schwung an Auszubildenden. 21 Teilnehmer, darunter drei Frauen, wurden im Rahmen eines Assessment Centers aus mehr als 150 Bewerbern ausgewählt. Diese absolvieren bis vor kurzem den dreimonatigen Online-Harvard-Kurs „CS50“, bei dem sie die Programmiersprachen C, Python und Javascript kennenlernen, bevor es in eine dreimonatige Projekt- und danach dreimonatige Praktikumsphase geht.

Regelmäßige Treffen

Auch der Online-Kurs muss nicht im stillen Kämmerlein absolviert werden, sondern den Flüchtlingen steht dafür ein eigener Raum am alten Gelände des Nordbahnhofs im zweiten Wiener Bezirk zur Verfügung. Dort können sie sich nicht nur mit den anderen Teilnehmern austauschen und gegenseitig weiterhelfen, sondern es gibt auch regelmäßige Termine mit den Begleitern des Projekts. „Montagfrüh gibt es eine Coaching-Einheit, bei der in Kleingruppen Ziele und Vorhaben besprochen werden. Am Freitag gibt es ein 360-Grad-Review, wo jeder der Gruppe erzählt, was er gelernt und erreicht hat“, erzählt Projektleiter Hartveld im Gespräch mit der futurezone.

Unter der Woche können sich die Flüchtlinge noch zweimal pro Woche zusätzlich an der TU Wien Rat bei Studierenden holen, die ihnen als Tutoren zur Verfügung stehen. „Dann gibt es noch Workshops zu den Feldern, die gerade aktuell gebraucht werden. Vor zwei Wochen hatten wir etwa Programmierer von Github bei uns“, ergänzt Hartveld, der das Projekt derzeit hauptberuflich betreut. Rund 55 Stunden seiner Zeit fließen in das Projekt. Er sieht sich selbst als „Lernbegleiter“. „Es ist toll, die Energie zu spüren, die hier entsteht und dabei zuzusehen, wie sich alle gegenseitig unterstützen“, erklärt er.

Erfahrungsberichte

Die 21 Teilnehmer kommen großteils aus Syrien, dem Iran, Afghanistan oder dem Irak. Einige hatten vor dem Kurs bereits Programmiererfahrung, andere sind komplette Neulinge. Die meisten von ihnen sind als Flüchtlinge bereits „anerkannt“ worden, andere wiederum nicht. Ein Aufnahmekriterium für die Zulassung zum Kurs sei dieses keines gewesen, erklärt Doaryl Chou, die als Projektmanagerin bei refugees{code} tätig ist.

Teilweise leben die Kursteilnehmer auch schon länger in Österreich, so wie Nabizada. Der gebürtige Afghane ist seit zehn Jahren in Vorarlberg und hat auch in Österreich seine Matura gemacht. Er spricht fließend Deutsch und erzählt über seine Ausbildungswege. „Ich habe ein Wirtschaftsinformatik-Studium an der WU Wien begonnen, musste es aber aus finanziellen Gründen abbrechen“, erzählt Nabizada. Das AMS zahlte ihm nach einer längeren Beschäftigungsphase eine Ausbildung als „diplomierter Softwaredeveloper“. „Der Kurs bei refugees{code} ermöglicht es mir, noch weitere Programmiersprachen zu erlernen. Im Jänner habe ich außerdem bei einer Firma als Analyst angefangen. Ich freue mich schon sehr und bin begeistert“, erklärt Nabizada, der seit einem Jahr in Wien lebt.

Erste Erfolge

„Bei refugees{code} sind viele Talente dabei und ich bin sehr froh, dass es solche Programme in Österreich für Flüchtlinge gibt“, erzählt Nabizada. Finanziell unterstützt wird das Projekt derzeit vor allem vom AMS. Das erste Jahr wurde rein geprägt von Ehrenamt und mit der erstmaligen Zusammenarbeit mit dem AMS sind die Kosten für den jetzigen Kurs ganz abgedeckt. "Für unser weiteres Projekt arbeiten wir mit der Wirtschaftsagentur zusammen", heißt es. Das Projekt bekam zudem finanzielle Unterstützung durch diverse Programme, wie den HR-Award oder SEED. Das Programm „SEED: Hier wachsen Ideen“ fördert derzeit 14 Projekte für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Communities und wird getragen vom Teach for Austria Alumni Verband, sowie Western Union und ÖAMTC. Genauere Angaben zu den Finanzen von refugees{code} wollte Projektleiter Hartveld allerdings nicht tätigen.

Nabizada ist mit dem Kursprogramm laut seinen Angaben sehr zufrieden, einzige Anregung seinerseits: „Ich würde mir wünschen, dass es bei der Projektphase eine Möglichkeit gibt, auch mit österreichischen Programmierern zusammenzuarbeiten, um auch die Kultur auszutauschen.“

Nabizada ist nicht der erste aus dem Projekt refugees{code}, der einen Job bekommen hat. Als erster Student der Wiener Flüchtlingsinitiative konnte der 25-jährige Majd Zaour an das österreichische Unternehmen Shpock, eine Flohmarkt-App, vermittelt werden. Das Projektteam hofft, dass noch viele weitere Vermittlungen folgen.