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Peter Glaser: Zukunftsreich Stirbt die Schrift?.

Foto: luna - Fotolia
Das Netz läuft über vor Bildern und Tönen. Wichtigster Bedeutungsträger ist immer noch der Text – auch in Zukunft?

Die Zukunft ist ein einsamer Ort. Niemand wird je dort sein. Es gibt nur die Gegenwart, und Vergangenheiten verlaufen auf diese Gegenwart zu. Ich bin etwas zurückhaltend mit Prognosen, weil ich viele dieser Vorausschauen kenne und die meisten als etwas milde Belächeltes geendet haben. Aber als ich vor einiger Zeit einen Fernsehbericht über einen Web-Designer im afrikanischen Mali gesehen habe, fand ich das erst einmal fabelhaft. Er hat seine Bildschirmseiten mit einheimischen Symbolen gestaltet – so, dass auch Analphabeten sie verstehen und bedienen konnten.

Später habe ich mich gefragt, ob das nicht vielleicht auch etwas ganz anderes, ziemlich Beunruhigendes bedeuten kann. Dass es nämlich in Zukunft Menschen, vielleicht ganze Völker geben könnte, die, um an der Spitze der technischen Zivilisation anzukommen, gar nicht mehr den Weg über die Alphabetisierung gehen müssen. Vielleicht stellt sich heraus, dass die Technologie - und die Welt um sie herum - mit Hilfe von Symbolen so einfach zu verstehen ist wie ein internationaler Flughafen über die Bilderweltsprache der Piktogramme.

Und vielleicht stellt sich damit gleichzeitig heraus, dass die Entwicklung der Schrift und die Alphabetisierung der Menschheit nur eine vorübergehende Phase der Kulturentwicklung war, ein paar interessante, aber vorübergehende Jahrtausende, und wir uns auf eine transalphabetische Ära zubewegen. Die digitale Technologie scheint es Analphabeten zu ermöglichen, die Alphabetisierung einfach zu überspringen. Statt mit dem Speer gehen sie jetzt mit dem Mauspfeil auf die Jagd.

Fürs erste jedenfalls wird geschrieben, getextet, kurzbenachrichtigt und Content generiert wie blöde. Dem Schriftsteller und Soziologen Michael Rutschky kommt im Zusammenhang mit dem Internet als neuem Aufschreibesystem sogar vor, als ob scheinbar keiner mehr lesen mag – alle wollen nur noch schreiben. Wir hören des Weiteren von einem George Joachim Goschen, dem 1. Viscount Goschen:

„Manchmal scheint es, als ob die moderne Welt an ihrer eigenen Fülle erstickt ... Die Texte in den „Quarterlies“ [einem gehobenen Magazin] reichen oft über 30 Seiten, aber 30 Seiten sind nun zu viel. Also werden wir Zeugen eines weiteren Schrumpfungsprozesses, und wir haben den „Fortnightly“ und den „Contemporary“, die jeweils 30 Seiten auf 15 reduzieren, sodass man eine größere Anzahl von Texten in einem kürzeren Zeitraum und in kürzerer Form lesen kann. Und als ob dieser Schrumpfungsprozess noch nicht genug wäre, werden die komprimierten Texte dieser Publikationen von Tageszeitungen neuerlich komprimiert, die einem eine Kurzfassung der Kurzfassung von allem geben, das über alles geschrieben worden ist. Diejenigen, die an so vielen Themen nur nippen und Informationen in einer zusammengefassten und oberflächlichen Form zu sich nehmen, verlieren die Fertigkeit, große Werke zu unternehmen. Eiliges Lesen kann niemals gutes Lesen sein.“

Der Ton der Klage kommt einem bekannt vor? Sie ist von 1894, ziemlich genau 100 Jahre bevor das Internet in den Fokus der Weltöffentlichkeit geriet.

„Geistige Bequemlichkeit und die Geschwindigkeit unseres Zeitalters haben ein Verlangen nach Texthäppchen erzeugt“, hören wir eine andere Stimme. „Das benommene Gehirn ist zu geschwächt für nachhaltiges Denken. Noch nie gab es eine Zeit, in der so viele Menschen in der Lage waren, so schlecht zu schreiben.“ 

Schrieb der britische Schriftsteller Israel Zangwill im Jahre 1891. Wer mag, kann das natürlich auch als eine gelungene Vision der Gegenwart lesen. Mit der kulturpessimistischen Perspektive liegt man nie falsch. Ein endloser, unlektorierter, unredigierter, unkuratierter Textstrom ergießt sich nun aus dem Internet über uns. Die Leute schreiben, was sie wollen.

Facebook im 19. Jahrhundert

Wer übrigens glaubt, dass Schreiben und Lesen früher beschaulicher war und erst heute von dieser wilden Beschleunigung ergriffen worden ist, sollte einen Blick auf die britische Schriftstellerin Jane Austen werfen, die, während sie Anfang des 19. Jahrhunderts in London lebte, mehr als 3000 Briefe an ihre Schwester Cassandra geschrieben hat. Man sollte nicht denken, dass die Post damals langsam war: Die Schwestern korrespondierten ständig miteinander; in dem Augenblick, in dem eine einen Brief fertiggeschrieben hatte, begann sie bereits den nächsten zu schreiben. Sie teilten, ganz modern, jede Minute ihres Lebens miteinander, nur dass ihre Timeline werbefrei war. Zu Lebzeiten von Jane Austen wurde in London sechsmal pro Tag Post zugestellt. Manchmal kam ein Brief, der am Morgen abgeschickt worden war, bereits am Nachmittag an.

Das neue Leben am Fluss, an den Textströmen von Facebook und Twitter, ist also auch nicht wirklich neu. Alle schreiben drauflos. Ist es die große Demokratisierung des Schreibenkönnens oder zumindest des Schreibendürfens, auf jeden Fall aber des mit Internethilfe gleichzeitigen Veröffentlichenkönnens? (Und da das ganze am Bildschirm passiert, ist man zugleich auch noch im Fernsehen!).

Das Dauerschreiben hat einen Preis. „Früher“, sagt ein Verlagsmann, „hatten wir einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand.”

Im Übrigen arbeiten IT-Entwickler längst an immer intelligenteren Maschinen für immer dümmere Anwender. Entwickeln die Amerikaner diese Technologie vielleicht deshalb so intensiv, damit auch künftige analphabetische Generationen, die ihr desolates Bildungssystem hervorbringt, mit den Segnungen der Hochtechnologie noch etwas anfangen können? Dinge wie Maschinenintelligenz und Virtual Reality sind im Grunde genommen Hightech für Hohlköpfe. Man braucht nur noch auf irgendetwas zu zeigen, schon passiert etwas. Zum Beispiel, dass eine Maschine etwas schreibt.

(futurezone) Erstellt am 26.12.2015, 06:00

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