Meinung

Warum Pokemon Go alles andere als lächerlich ist

“Nein, also, da melde ich mich sicher nicht an. Bei dem Hype spiel ich nicht mit”, sagte eine gewisse Person, auch bekannt als: ich - nur, um sich genau zwei Tage später dann erst recht die Pokémon-Go-App zu installieren. Das ist jetzt ca. zwei Wochen her und ich habe mich auf Level 18 monstergejagd. Es war eine durchwachsene Zeit begleitet von massiven Stimmungsschwankungen zwischen: “Geh bitte, das ist so nervig, können die Leute mal wieder von was anderem reden?!” und der Tatsache, dass mir das Entdecken und Einsammeln neuer Pokémon de facto einfach Spaß gemacht hat und immer noch macht.

Ähnlich gespalten ist auch die allgemeine öffentliche Stimmung. Da sind jene, die das Augmented-Reality-Spiel exzessiv betreiben, jene, die auf dem Arbeitsweg nebenbei ein paar Monster einfangen und jene, die sich schrecklich darüber beschweren, was für ein unendlicher Schwachsinn Pokémon Go nicht sei und dass es mit der Menschheit nun wohl endgültig zu Ende gehen müsse. Es steht außer Frage, dass es natürlich jeder und jedem Einzelnen vollkommen frei steht, ob man sich nun für ein solches Spiel (oder irgendein anderes) begeistern will oder nicht. Ich würde auch nicht auf die Idee kommen, mich in meiner Freizeit mit einem Egoshooter-Game zu beschäftigen. Es interessiert mich einfach nicht.

Was ich an dieser Stelle aber nicht gelten lassen will, ist die Behauptung, dass Pokémon Go und dessen Nutzerschaft, die sich quer durch alle Alters- und Bildungsschichten zieht, lächerlich seien. Zumal diese Behauptung vorwiegend gerne von Menschen aufgestellt wird, die noch keine Minute Zeit mit dem Game verbracht haben und eigentlich gar nichts darüber wissen. (Auch das ist ja ein bekanntes Phänomen unserer Zeit.)

Sozial und gesund

Vorweg ist einmal festzuhalten, dass an dem menschlichen Bedürfnis nach Unterhaltung und Spiel - im konkreten Fall in besonders bunter Ausführung - grundlegend schon nichts verkehrt ist, im Gegenteil. Und das gilt für alle Altersschichten. Es ist ja nicht einzusehen, warum Spielen etwas sein sollte, dass uns als Menschen nur vorbehalten ist, solange wir die Volljährigkeit noch nicht erreicht haben. Also nein, sicher nicht. Was für ein trauriges und bedrückendes Leben wäre es, müssten wir im sogenannten Erwachsenenleben in vollkommener und immer währender Ernsthaftigkeit aufgehen. Oder immer nur tun, wovon irgendjemand anderer behauptet, dass es “nützlich” oder “sinnvoll” sei.

Für Pokémon Go gibt es nun durchaus einiges, das es zu einem besonders sympathischen, bejahenswerten Game macht. Das Prinzip der Augmented Reality, also die Verknüpfung von realem und virtuellem Raum, treibt die Leute weg von der Couch hinaus ins Freie. Mehr noch, sie müssen sich bei der Monsterjagd sogar ziemlich viel bewegen, wer Kilometer um Kilometer durch die Gegend streift, wird mit entsprechenden Spielelementen zusätzlich belohnt. Der alte Klischeevorwurf an Gamer, die in abgedunkelten Zimmern sitzen, Junkfood essen und nichts für ihre körperliche Gesundheit tun, gilt hier nicht mehr.

Das Spiel ist sozial, Menschen spielen es gemeinsam, oft in großen Gruppen. Menschen lernen dabei neue Menschen kennen, woraus auch neue Freundschaften entstehen. Letzteres kann ich als ehemalige Spielerin des Pokémon-Go-Vorläufers Ingress nur ausdrücklich bestätigen: Ein paar meiner heute engsten Freunde hab ich vor ein paar Jahren mehr oder weniger über das Spielen von Ingress kennengelernt. Darüber hinaus bestätigen Wissenschaftler auch, dass ein Game wie Pokémon Go nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige Fitness fördert, wenn man es in angemessenem Maße spielt.

Echtes Geld

Ein weiterer Aspekt, der Pokémon Go alles andere als lächerlich macht, ist der wirtschaftliche. Dass das Game Bezahlelemente eingebaut hat, über die sich Spieler gegen Geld Vorteile verschaffen können, kann man aus moralischer Sicht nun so oder so sehen. Dass ein Spieleentwickler natürlich auch Geld verdienen und uns nicht bloß die Freizeit gestalten will, liegt ebenso auf der Hand. Das alles will ich an dieser Stelle gar nicht bewerten. Klar ist aber, dass hinter Pokémon Go, genau wie generell hinter vielen Games, großes finanzielles Potenzial steckt. Es wird auch nicht lange dauern, bis Partnerfirmen an Bord kommen und das Spiel für ihre Zwecke nutzen werden - erste “inoffizielle Aktionen” gab es bereits.

Ich selbst habe in der vergangenen Woche bereits berufliche Telefonate geführt, bei denen Worte wie “Pokestop” und “Lockmodul” in vollkommen ernsthaftem Zusammenhang fielen. Und ja, ich musste selbst darüber schmunzeln, wie Pokémon Go plötzlich in einem Gespräch auf geschäftlicher Ebene angekommen war. Das und die anderen aufgezählten Aspekte machen es aber nicht zum lächerlichen Schwachsinn, sondern zu einem für mich sehr spannenden gesellschaftlichen, sozialen und auch wirtschaftlichen Thema.

Ich bin nach wie vor und je nach Laune immer noch manchmal genervt von dem Spiel. Dafür tragen unterschiedliche Dinge die Schuld, aber am wenigsten Pokémon Go selbst. Denn das, was nervt, ist nicht das Game, sondern der Hype. Was nervt, ist die derzeit nahezu erdrückende Präsenz des Spiels, an der wir, weil wir die immense Nachfrage beobachten können, auch als Medium selbst fleißig mitwirken. Ich will nicht so viele Pokémon-Geschichten lesen, sagte eine gewisse Person, auch bekannt als: ich - nur um im nächsten Augenblick wieder drei Links an das Team zu verschicken, was man nicht alles darüber berichten könnte. Denn das immense Interesse am Spiel und die teils bizarr anmutenden Auswüchse machen es zu einem umso spannenderen journalistischen Thema.

Mehr als 75 Millionen Downloads verzeichnete Pokémon Go Anfang dieser Woche bereits, im Wiener Stadtpark sitzen wie an vielen Orten dieser Welt täglich Gruppen von mehreren hundert Menschen, die nichts anderes tun als in Festival-ähnlicher Stimmung mit ihrem Handy Monster einzufangen. Man kann da jetzt mittun oder nicht, man

kann sich genervt fühlen
oder nicht, man kann es auch komplett ignorieren. Nur eines kann man halt echt nicht: Pokémon Go als lächerlich abtun.
Klicken Sie hier für die Newsletteranmeldung

Hat dir der Artikel gefallen? Jetzt teilen!

Claudia Zettel

ClaudiaZettel

futurezone-Chefredakteurin, Feministin, Musik-Liebhaberin und Katzen-Verehrerin. Im Zweifel für den Zweifel.

mehr lesen