B2B
22.05.2015

Ab Juni wird das Handy zur Bankomatkarte

Die Österreicher lieben ihr Bargeld. Die heimische Finanzbranche, die das jahrelang gefördert hat, drängt nun zum kontaktlosen Bezahlen mit Bankomatkarte und Handy.

Während in skandinavischen Ländern wie Schweden schon über die Hälfte aller Zahlungen mit Karte durchgeführt werden, sind die Österreicher beim Bezahlen Kartenmuffel. Nur elf Prozent des gesamten Zahlungsvolumens werden bargeldlos abgewickelt, die überwiegende Mehrheit bezahlt weiterhin lieber mit Papiergeld und Münzen. Das soll sich jetzt ändern. Bereits im Juni erfolgt der Startschuss zur Bankomatkarte am Handy. Mit dem Smartphone, auf dem die Karte digital hinterlegt wird, kann dann wie mit einer NFC-Bankomatkarte („paypass“) kontaktlos in Geschäften bezahlt werden. Dazu hält man das Handy einfach an das Terminal.

In Österreich entwickelt

„Wir haben es geschafft, gemeinsam mit den österreichischen Banken, Mobilfunkanbietern und dem Handel eine Lösung zu entwickeln, die auch weltweit funktioniert. Wir bringen die Bankomatkarte aufs Handy“, erklärt Rainer Schamberger, CEO bei PSA Payment Services Austria, im Gespräch mit der futurezone. Das Unternehmen, das für die Servicierung der Bankomaten und Bankomatkarten verantwortlich ist, wird die mobile Bankomatkarte im Juni im Rahmen eines Feldtests in Linz offiziell präsentieren. Die futurezone bekam schon vorab einen Einblick in die geplante Entwicklung.

In einem ersten Schritt werden nur NFC-fähige Android-Smartphones unterstützt. Apple-Geräte bleiben außen vor, da der US-Konzern die NFC-Schnittstelle für Dritte nicht zur Nutzung freigibt. Die Bankomatkarte wird in einem gesicherten Element auf der SIM-Karte gespeichert. Laut PSA-Chef Schamberger haben weder die Mobilfunker noch Terminal-Betreiber Zugriff auf persönliche Daten der Kunden. Umgekehrt erhält auch die Bank keine Informationen über das Telefonieverhalten der Nutzer. Auch die Geschäfte, die bei der mobilen Bezahllösung mitmachen, erfahren nicht, welcher Kunde hinter den eingegangenen Beträgen steckt.

Wie bei den bestehenden Lösungen zum kontaktlos Bezahlen muss bei Beträgen über 25 Euro sowie spätestens nach dem sechsten kleineren Bezahlvorgang der PIN am Kassenterminal eingegeben werden. Dass dies auf dem physischen Terminal und nicht am Handy erfolgt, soll die Sicherheit erhöhen. Die Übertragung funktioniert zudem nur auf wenige Zentimeter Entfernung. Wer das Handy allerdings verliert, muss nicht nur seine SIM-, sondern auch die Bankomatkarte sperren lassen.

6,3 Millionen NFC-Zahlungen

Mit der mobilen Bezahllösung sollen noch mehr Leute zum kontaktlosen Bezahlen animiert werden. Die Zahlen sind stark steigend. Allein im ersten Quartal 2015 wurden in Österreich mehr als 6,3 Millionen Zahlungen kontaktlos mit Bankomatkarte getätigt, das ist schon mehr als die Hälfte der 2014 mit NFC durchgeführten Drahtlos-Transaktionen.

Der Umsatz konnte laut dem Terminal-Betreiber card complete seit dem Jahr 2013 von zehn auf Hundert Millionen Euro verzehnfacht werden. „Die flächendeckende Ausstattung mit NFC-fähigen Terminals ist schon weit fortgeschritten, die Akzeptanz unter Karteninhabern und Partnern ist enorm“, sagt Heimo Hackel, Vorstand bei card complete, zur futurezone.

Laut einer aktuellen PSA-Statistik hat der Lebensmittelhandel bei der technischen Aufrüstung die Nase vorn. Über 70 Prozent der dort im Einsatz befindlichen 17.700 Terminals sind bereits NFC-fähig, gefolgt von Drogerien und Apotheken mit 33,3 Prozent und der Gastronomie, in der bereits mehr als ein Viertel der Terminals das kontaktlose Zahlen beherrschen. Selbst in Trafiken ist jedes fünfte Terminal bereits mit NFC ausgerüstet.

Auch Apple und Banken in Startlöchern

Neben der mobilen Bankomatkarte drängen weitere Bezahlservices aufs Handy. Während Apple mit seiner NFC-basierten Bezahllösung und den Kreditkartenanbietern Visa und MasterCard in den USA gerade viel Staub aufwirbelt, muss sich der US-Konzern im Bankomatkarten-dominierten und regulierten EU-Finanzmarkt erst mit Banken und Handel einig werden.

Die EU hat erst kürzlich die Transaktionsgebühren („Interchange“) auf 0,2 bis 0,3 Prozent (Debit-Bankomat vs. Kreditkarten) der bezahlten Summeherunterreguliert, um das Zahlen mit Karte günstiger zu gestalten. Da Apple eine Zusatz-Gebühr pro Überweisung einstreift, bleibt abzuwarten, ob das System vom europäischen Handel und den hier ansässigen Finanzinstituten so angenommen wird. „Ich denke nicht, dass das von Apple in den USA etablierte Business-Modell, das zudem den Hauptfokus auf Kreditkarten hat, 1:1 auf Europa übertragbar ist“, meint etwa PSA-CEO Schamberger.

Erste Bank bringt App mit Barcode

Aber auch die Banken wollen den Trend zum mobilen Bezahlen nicht verschlafen. So plant die Erste Bank mit BlueCode eine eigene Bezahl-App, mit der Kunden an der Kassa bezahlen können. Anders als bei der NFC-basierten mobilen Bankomatkarte, die ebenfalls unterstützt wird, erfolgt das Bezahlen bei BlueCode über einen Barcode in der App. Zum Bezahlen wird dieser vom Kassenpersonal einfach gescannt, ein vier- bis sechsstelliger PIN-Code in der App gewährleistet die Sicherheit. Laut Erste Bank dauert dieser Vorgang nicht länger als das Scannen einer Ware. Das Service wird zudem in die neue Banking-Plattform George integriert.

„Der Mobile World Congress im März in Barcelona hat klar gezeigt, dass das Thema mobiles Bezahlen längst bei Usern angekommen ist. Auch wir sind überzeugt, dass sich das Bezahlen mit dem Smartphone durchsetzen wird“, erklärt Petra Postl von der Erste Bank im Gespräch mit der futurezone. Dass mit der mobilen Bankomatkarte oder Apple Pay verschiedene technische Lösungen auf dem Tisch sind, sieht man bei der Ersten Bank als positive Entwicklung. „Am Ende wird jene Lösung erfolgreich sein, die für Kunden am einfachsten und für Händler am attraktivsten ist“, sagt Postl.

"Wollen Bargeld nicht abschaffen"

Dass Österreich in wenigen Jahren zur bargeldlosen Zone wird, glaubt in der Branche allerdings niemand. Das sei auch nicht der Beweggrund für die jetzt gestarteten Initiativen. „Wir sind ganz entschieden gegen die Bargeld-Abschaffung, Kunden sollen in jedem Fall die Wahlmöglichkeit haben“, sagt PSA-CEO Schamberger. Die kürzlich veröffentlichten Zahlen, dass knapp 90 Prozent der Österreicher immer noch mit Bargeld zahlen und das auch mit Kosten für die Volkswirtschaft verbunden sei, sieht Schamberger als wichtige Bestandsaufnahme für eine rational geführte Diskussion.

„Dass Bargeld sicherer und noch dazu für den Handel gratis ist, ist ein Trugschluss“, sagt Schamberger. Trotz Millionen von NFC-Transaktionen seit 2013 sei bisher kein einziger Betrugsfall gemeldet worden. Auch der Pensionistenverband begrüße die Möglichkeit des kontaktlosen Zahlens. „Das Hantieren mit Bargeld an der Kassa fällt weg, man muss weniger Bargeld in der Geldbörse mitnehmen und gibt die Bankomatkarte beim Bezahlen erst gar nicht aus der Hand“, ortet Schamberger gerade auch für ältere Kunden Vorteile.

Für Händler wiederum sei das Management des Bargelds nach Kassaschluss mit hohem Aufwand und Kosten verbunden. Neben der anfallenden Zeit, die allein zum Geldzählen aufgewendet werden muss, koste auch der sichere Abtransport per Abholung Geld. Sicherheitsaspekte für das Kassenpersonal, aber auch die Cent-genaue Abrechnung, die bei Fehlbeträgen meist dem Personal angelastet wird, würden ebenfalls für bargeldloses Bezahlen sprechen, ist Schamberger im futurezone-Interview überzeugt.