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Start-up

CIA will Zukunft mit Web-Tool vorhersagen

Ein kleiner Cartoon-Analyst vor dem Computer geht in der Informationsflut unter. Wie soll er aus dem Datenchaos bloß plausible Zukunftsanalysen für seine Kunden, darunter Regierungen und Firmen, erstellen? Da kommt auch schon die Lösung daher: Eine magische Kristallkugel, die das Wissen des Webs über zukünftige Ereignisse sammelt, strukturiert und analysiert. Ob Marktforscher, Unternehmer oder Geheimdienstler: Wer einen Blick in die Zukunft werfen will, der soll doch den Web-Dienst Recorded Future zur Hand nehmen. So wirbt zumindest ein buntes YouTube-Video.

Dass Recorded Future, mit Büros in Göteborg, Washington DC und Cambridge vertreten, mehr als 20 Millionen Dollar Investment von Google und der CIA-Tochter In-Q-Tel abgestaubt hat, war dem Mysterium rund um die 2009 gegründete Firma ebenfalls zuträglich. Wirft man aber einen Blick hinter die Kulissen von Recorded Future, wird klar, dass sich die Firma von CEO Christopher Ahlberg (ein Ex-Militär) schlicht und einfach dem großen Trend “Big Data” - also der Analyse von großen Datenbeständen -  verschrieben hat und damit ordentlich Geschäft machen will. Die futurezone konnte Recorded Future bereits ausprobieren.

IN-Q-Tel hat übrigens einschlägiges Interesse an Firmen wie Recorded Future: So investierte die CIA-Tochter auch in den Big-Data-Dienst Palantir. Recorded-Future-CEO Christopher Ahlberg selbst hat von IN-Q-Tel bereits Investments für seine erste Firma Spotfire (visuelle Daten-Analyse) erhalten, die der gebürtige Schwede 1996 als Student in Maryland gründete und 2007 an TIBCO verkaufte.

Der Web-Dienst zapft zehntausende Nachrichtenquellen im Netz an: große News-Portale wie das der New York Times, Presseaussendungen von Regierungen und Unternehmen, CIA-Informationen, Blogs und sämtliche Twitter-Meldungen, die die Kürzel von 3000 Firmen beinhalten (z.B. MSFT). Online-Netzwerke wie Facebook oder LinkedIn werden aufgrund von Privatsphäre-Einstellungen außen vor gelassen.

Die Texte (derzeit Englisch, Arabisch, Chinesisch, Russisch und Spanisch) werden in Echtzeit nach Wörtern durchsucht, die auf zukünftige Entwicklungen hindeuten - z.B. “next month”, “two weeks from now” oder “in 2013”. Die Meldungen werden dann nach den verschiedensten Kriterien sortiert, etwa nach politischen Konflikten, Firmen, Staaten, Personen oder Produkten. Künftig ist auch angedacht, die Transkripte von YouTube-Videos zu durchsuchen.

Analyse, die kostet
Wer nun auf die Analyse-Dienste von Recorded Future zugreifen will, der sollte größeren Investments aufgeschlossen sein. Nach einer zweiwöchigen Testphase sind 149 Dollar/Monat fällig, und will man die API von Recorded Future anzapfen, um deren Daten mit den eigenen Datenbanken zu vernetzen, sind pro Monat zwischen 2500 und 9000 Dollar zu berappen. Prinzipiell steht dem Nutzer dann ein Analyse-Dienst zur Verfügung, der verschiedenste Abfragemöglichkeiten bietet.

So kann man etwa abfragen, was von der Firma Facebook in den nächsten zwölf Monaten zu erwarten ist. Auf einer Zeitleiste werden nahende Ereignisse dargestellt - so soll im Juli 2013 etwa ein Facebook-Handy, hergestellt von HTC, auf den Markt kommen. Zusätzlich kann man sich anzeigen lassen, aus welchen Ländern die Quellen stammen, eine Netzwerk-Grafik gibt außerdem Auskunft, welche anderen Firmen besonders oft in Zusammenhang mit Facebook genannt werden.

Überraschungen brachte die Analyse zu Facebook zumindest im futurezone-Versuch nicht. Auf schnelle Abfragen zu einem möglichen Bombenangriff im Iran, Anschlagsdrohungen in den USA oder einem neuen Album der Band Metallica wusste Recorded Future im Test keine Antwort. Es gab nicht einmal eine Info dazu, wann die nächsten Wahlen in Deutschland stattfinden - mit einer einfachen Google-Suche kommt man hier schneller voran.

Spannend dürfte der Einsatz des Analyse-Dienstes erst werden, wenn man ihm komplexe Aufgaben stellt. Wie der Sicherheitsforscher Aaron Anderson in einem Blog-Eintrag beschreibt, konnte er mit Hilfe von Recorded Future die Stimmungsschwankungen in der Bevölkerung gegenüber US-Drohnenangriffe in Pakistan analysieren. In seiner Dissertation zeigte er auf, dass die öffentliche Meinung die Zahl der Drohnenattacken und damit die US-Außenpolitik beeinflussen konnte.

Ein weiteres Beispiel, das von Recorded Future selbst stammt: Die aktuellen Ausschreitungen in der arabischen Welt nach dem Schmähfilm können live getrackt werden. Dabei ermöglicht der Analyse-Dienst auch, die Geschehnisse auf einer Landkarte zu verorten bzw. die handelnden Akteure/Organisationen und Quellen in einer Netzwerkgrafik darzustellen.

Problem der Quellenlage
Wer Recorded Future benutzen möchte, dem sollte klar sein, dass der Web-Dienst natürlich nicht nur nicht in die Zukunft sehen kann - nein, er kann auch keine Prognosen zu künftigen Ereignissen treffen. Der Dienst sammelt lediglich öffentlich zugängliche Informationen - ob diese stimmen oder nicht, muss der Anwender selbst herausfinden. Recorded Future kann dabei zwar helfen: So kann man sich anzeigen lassen, wann und was eine Quelle (z.B. der Blogger Min Chi Kuo, der oft Apple-Produkte leakt) in der Vergangenheit publiziert hat, und darauf basierend eine persönliche Einschätzung machen, ob ihr zu trauen ist.

Einem Recorded Future-Sprecher zufolge wird das Service von Regierungsstellen genauso verwendet wie von Analysten in Banken, Hightech-Konzernen oder Medienunternehmen. Genauere Angaben zum Kundenstamm werden nicht gemacht.

Das Maximum aus Recorded Future dürften aber wohl nur jene Kunden holen, die sich den teuren Zugang zur API-Schnittstelle leisten. Nur dann kann man eigenes Datenmaterial (z.B. Unternehmensstandorte, Finanzdaten, Forschungsdaten, etc.) mit jenen von Recorded Future gesammelten Informationen gegenrechnen und interne Erkenntnisse an der Großwetterlage abprüfen. Belässt man es bei der normalen Premium-Variante, bekommt man im Prinzip eine Suchmaschine, die ausgewählte Quellen visuell darstellen kann.

Mehr zum Thema

Der CEO von Recorded Future, Christopher Ahlberg, ist Gast des Pioneers Festival. Die Veranstaltung, die vom 29. bis 31. Oktober 2012 in der Wiener Hofburg über die Bühne geht, bringt neben Ahlberg eine ganze Reihe an internationalen Internet-Unternehmern nach Wien. Mehr Infos dazu gibt es

hier
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Jakob Steinschaden

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