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"Die Pandemie hat bewiesen, dass mobiles Arbeiten funktioniert"

Johann Martin Schachner ist CEO von ATOS Österreich.

"Homeoffice ist ein Instrument, das uns in eine ganz neue Gesesellschaftsordnung führen wird", sagt Johann Martin Schachner. Wie sich die Arbeitswelt durch die Pandemie verändert und wie sich die Corona-Krise auf die Digitalisierung auswirken wird, erzählt er im Gespräch mit der futurezone. 

futurezone: Die Corona-Pandemie hat die Bedeutung der Digitalisierung in vielen Bereichen offensichtlich werden lassen. Dabei wurden auch viele Defizite sichtbar. Wo gab es Probleme?
Johann Martin Schachner: Die Pandemie hat speziell im Frühjahr dramatisch aufgezeigt, dass es in vielen Bereichen Defizite gibt. Ein Beispiel: Viele Unternehmen waren nicht in der Lage, ihre Produkte online zu vertreiben. Alles ist stillgestanden. In der Zwischenzeit haben viele Firmen aufgeholt oder sich zumindest Webshops in irgendeiner Form geschaffen, mit teils unterschiedlich ausgereiften Logistik-Prozessen im Hintergrund. Ein zweites großes Thema war das Homeoffice.

Wie ist das gelaufen?
Viele Unternehmen waren sehr gut in der Lage, auf Remote Working umzustellen, andere hatten aber auch hier Defizite. Die infrastrukturelle Ausstattung war gar nicht so sehr das Problem. Das konnten viele rasch lösen. Das eigentliche Problem war, dass bei vielen Unternehmen die Unternehmensprozesse nicht mobil abgebildet werden konnten, weil die Applikationsplattformen nicht dafür ausgestattet sind. Wenn ich auf meine Firmeninfrastruktur nicht zugreifen kann, wenn ich meine Firmenprozesse nicht abwickeln kann, dann hilft mir die beste Infrastruktur nichts. Es gibt aber viele Unternehmen, die darauf vorbereitet waren, dazu zählen auch wir. Bei Atos sind wir es seit vielen Jahren gewohnt, in einem mobilen Umfeld zu arbeiten. Alle Prozesse sind digital auf einer weltweit einheitlichen Plattform aufgesetzt. Damit ist es kein Problem, unternehmensspezifische Prozesse und Aufgaben mobil zu erledigen.

Wenn alle im Homeoffice sind, kommt es noch mehr darauf an, dass die Führungskräfte sie richtig führen. Damit meine ich, dass man lernen muss, den MitarbeiterInnen zu vertrauen.

Digitale Möglichkeiten, wie etwa Videocalls, wurden von vielen Leuten angenommen. Werden Sie Bestandteil des Alltags bleiben?
Es wurde deutlich, dass es unglaublich einfach ist, einen Videocall aufzusetzen und schnell ein Gespräch zu führen. Man hat durchaus das Gefühl, das man miteinander spricht, man sieht sich, man hat nicht nur eine Telefonleitung, es sind alle bei der Sache und konzentriert. Das ist durchaus ein Instrument, das für viele Gespräche in der Zukunft genutzt werden wird. Insgesamt wird die Anzahl zwar zurückgehen, man wird sich auch wieder physisch treffen, aber es wird nicht mehr auf das Niveau gehen, auf dem es vor der Pandemie war.

Viele Arbeitnehmer wollen auf das Homeoffice nicht mehr verzichten. Wie wird das die Arbeitswelt verändern?
Die Pandemie hat bewiesen, dass mobiles Arbeiten funktioniert. Ich bin der festen Überzeugung, dass Homeoffice ein Instrument ist, das uns in der Zukunft in eine ganz neue Gesellschaftsordnung führen wird. Wir können beispielsweise damit Menschen, die in Karenz sind, und frühzeitig wieder in den Arbeitsprozess eingebunden werden möchten, den Einstieg vereinfachen und vielleicht auch Phänomene wie der Landflucht entgegenwirken, weil wir damit MitarbeiterInnen zumindest tageweise besser in das Unternehmen integrieren können. Das führt auch dazu, dass MitarbeiterInnen an das Unternehmen gebunden und neue Fachkräfte gefunden werden können, weil ich ein attraktiver Arbeitgeber bin.

Wie wird sich das Verhältnis zwischen Präsenz am Arbeitsplatz und Homeoffice künftig gestalten?
Es ist wichtig, dass man auch eine gewisse Zeit im Büro verbringt – ob zwei oder drei Tage oder auch nur einen Tag in der Woche. Es geht aber nicht darum, dass Führungskräfte das anordnen, sondern dass dadurch Projekte und Zusammenarbeit an Wert gewinnen. 

Was hat sich bei Atos geändert?
Wir sind seit 10 Jahren in einem solchen mobilen Set-up tätig. Das war natürlich nicht so intensiv ausgeprägt, wie das in den vergangenen 10 Monaten der Fall war. Allerdings haben die MitarbeiterInnen in den vergangenen Monaten diesen Vorteil sehr genau verstanden.

Bei den arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen gibt es noch einige offene Punkte.
Es gibt dabei eine Reihe von Themenstellungen. Wir haben beispielsweise ein Versicherungsthema, aber es geht auch um die Möglichkeit, die Arbeitszeit flexibel gestalten zu können. In manchen Kollektivverträgen fallen Zuschläge an, wenn ich eine Arbeitsstunde um 19.00 Uhr erbringe. Das führt dazu, dass Unternehmen das vermeiden wollen oder falsche Angaben machen. Viele Menschen wollen aber diese Art von Flexibilität. Damit meine ich nicht, dass man Arbeitszeitregeln aushebeln soll. Aber man muss Rahmenbedingungen schaffen, die diese Flexibilität abbilden. Das geht bis zur Förderung der Kindesbetreuung und der steuerlichen Absetzbarkeit des Homeoffice, die ja bald kommen soll. 

Welche Anforderungen stellt das Homeoffice an Führungskräfte? Wie verändert sich ihre Rolle?
Wenn alle MitarbeiterInnen im Homeoffice sind, kommt es noch mehr darauf an, dass die Führungskräfte sie richtig führen. Damit meine ich, dass man lernen muss, den MitarbeiterInnen zu vertrauen, dass sie auch zuhause ihre Aufgaben entsprechend erledigen. Wenn man sie nicht regelmäßig sieht, muss man aber über Instrumente wie Videokonferenzen die Kommunikation mit ihnen intensivieren. Ich muss als Führungskraft viel öfter mit meinen MitarbeiterInnen kommunizieren. Ich muss sehen, wo sie gerade stehen, was sie für Probleme sie haben und wo sie Unterstützung brauchen.

Wie sieht das bei Atos konkret aus?
Ich habe alle 14 Tage mit dem gesamten erweiterten Führungsteam einen umfangreich vorbereiteten Call, in dem wir die Tagesthemen diskutieren. Wir schicken täglich oder jeden zweiten Tag Mitarbeiterinformationen über aktuelle Entwicklungen aus und laden auch das gesamte Unternehmen regelmäßig zu Meetings ein, bei denen alle MitarbeiterInnen und die Geschäftsführung zusammenkommen. Wir haben parallel Vorbereitungscalls, um das abzustimmen. Es ist sehr aufwendig und passiert nicht von selber. Aber wenn man es tut, nehmen es die MitarbeiterInnen an.

Was raten Sie anderen Unternehmen die in solchen Prozessen stecken, bzw. solche Veränderungen noch vor sich haben?
Der wichtigste Punkt ist, dass man sie offen zulässt. Es sollte nicht darum gehen, bestehende Prozesse und Arbeitsweisen 1:1 in die virtuelle Welt zu übertragen und nach Ende der Pandemie wieder zur analogen Form zurückzukehren.
Das ist falsch. Wir haben eine dramatische Veränderung. Nehmen wir als Beispiel, wie Unternehmen jetzt ihre Produkte verkaufen. Die Online-Kanäle werden als Instrument bleiben. Je mehr man auch die Prozesse dahinter anpasst, desto besser wird das auch funktionieren und Bestand haben. Wer solche Veränderungen zulässt und annimmt, verschafft sich einen Riesenvorteil. Wer das nicht tut, wird Probleme bekommen.

Viele haben verstanden, dass Technologie grundsätzlich helfen kann, die Situation zu verbessern. Es ist nicht nur das Thema COVID. Wenn die Pandemie vorbei ist, werden auch wieder die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz in den Vordergrund treten.

Wird die Digitalisierung nach der Pandemie einen Schub erfahren?
Wir haben schon vor der Pandemie gemerkt, dass sich viele Unternehmen mit großen Projekten beschäftigen, bei denen es um die grundsätzliche Umstellung zu neuer Technologie und Software geht. Das wurde durch die Pandemie nicht gestoppt, sondern einer Neubewertung unterzogen. Viele haben sich gefragt, wie Technologie mehr und besser helfen kann. Viele Unternehmen haben ihre Prozesse dabei neu überdacht. Und diese Projekte werden jetzt umgesetzt und zwar mit einer riesigen Dynamik. Das bedeutet sinnvolle Technologie in die Produkte, die Services und die Prozesse. Das ist ein großes Thema, quer durch die Branchen hinweg.

Wann werden wir die Ergebnisse sehen?
Viele haben verstanden, dass Technologie grundsätzlich helfen kann, die Situation zu verbessern. Es ist nicht nur das Thema COVID. Wenn die Pandemie vorbei ist, werden auch wieder die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz in den Vordergrund treten. Wir werden einen Schub erleben, vielleicht nicht 2021, aber 2022 oder 2023. Es mag sein, dass nicht alles in den nächsten Wochen passiert, aber die Transformation wird jetzt systematisch verstärkt.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer redaktionellen Kooperation zwischen futurezone und Atos.

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Patrick Dax

pdax

Kommt aus dem Team der “alten” ORF-Futurezone. Beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Innovationen, Start-ups, Urheberrecht, Netzpolitik und Medien. Kinder und Tiere behandelt er gut.

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