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B2B
11/21/2019

„Google weiß noch immer nicht, was eine Katze und was ein Hund ist"

Ob die Angst vor Automatisierung am Arbeitsplatz berechtigt ist, diskutierten Experten am futurezone Day.

von Martin Stepanek

Wie verändern Technologie und Digitalisierung unsere Arbeitsplätze bzw. das dort herrschende Arbeitsklima? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion am futurezone Day. Die Angst vor der Automatisierung und dem damit einhergehenden Wegfall von Arbeitsplätzen sei groß. Auch die Befürchtung, dass Maschinen unser Leben weit über das eigene Arbeitsumfeld beherrschen könnten, beschäftige viele Menschen, war sich das Panel einig.

Mensch schlägt Maschine

„Der Mensch wird verschwinden, die Roboter kommen - so wird das nicht passieren“, sagt Hilda Tellioglu von der TU Wien. Zweifelsohne seien Computersysteme und Maschinen mittlerweile mächtig. Gleichzeitig seien sie aber niemals mit dem Menschen gleichgestellt. „Wir programmieren die Maschinen, sie sind also so intelligent, wie wir sie machen. Und so weit, wie viele glauben, sind wir ohnehin noch nicht. Google weiß ja immer noch nicht, was eine Katze und ein Hund ist“, sagt Tellioglu.

Auch Agnes Streissler-Führer von der Gewerkschaft GPA-djp plädiert für eine Entmystifizierung vom hochstilisierten Kampf Mensch gegen Maschine. Das eigne sich zwar für Hollywood und Science-Fiction, in der heutigen Arbeitswelt würden hinsichtlich der Technologisierung aber andere Dinge eine Rolle spielen. „Die Risiken sind natürlich nicht von der Hand zu weisen: Beschleunigung, Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit, Informationsüberflutung, Stress, Burnout. Auf der anderen Seite eröffnen sich dadurch viele Chancen“, ist Streissler-Führer überzeugt.

Guter, böser Algorithmus

Als Beispiel nennt sie den in Österreich heftig kritisierten Algorithmus des AMS, der von vielen bei der Arbeitssuche als diskriminierend eingestuft wurde. In Frankreich sorge eine ähnliche Technologie mit künstlicher Intelligenz dafür, dass Menschen aufgrund ihres Beschäftigungsprofils Auskunft erhalten würden, in welcher Region oder in welchem Ort ein gesuchter Job wahrscheinlicher sei bzw. wer mit welchen Fähigkeiten sich am besten wofür bewerben solle.

„Bei der Technologieentwicklung kommt es immer darauf an, ob der Mensch in den Mittelpunkt gestellt wird. Darauf müssen wir achten und im besten Fall sorgt das dann sogar dafür, dass es beim Arbeitsklimaindex wieder eine Verbesserung nach oben gibt“, sagt Streissler-Führer. Das bekräftigt auch Tellioglu: „Wenn wir Technologie weiterentwickeln, muss das partizipativ erfolgen. User müssen von Anfang an, und zwar schon bei der Konzipierung, mit eingebunden und  berücksichtigt werden. Sonst bekommen sie Angst und werden am Arbeitsplatz krank.“

Angst vor dem Überwachungskapitalismus

Simon Schumich von der AK Wien wies ebenfalls auf die große Diskrepanz zwischen neuen Möglichkeiten und potenziellem Missbrauch durch die Technologisierung hin. „Dass angesichts von Alexa und Siri bereits vom Überwachungskapitalismus gesprochen wird, der langsam auch die Arbeitswelt erfasst, zeigt das Problem auf. Andererseits können derartige Technologien verwendet werden, um bei Mitarbeitern früh zu erkennen, ob es ihnen nicht gut geht und ihnen etwa mit Weiterbildungsmaßnahmen geholfen werden könnte. Das ist das Spannungsfeld“, sagte Schumich.

Digitalisierung und moderne Technologien könnten zudem auch in Berufen, wo man es eigentlich gar nicht erwarte, Verbesserungen bringen, wie etwa bei klassischen Handwerksberufen. „Das Berufsbild des Spenglers hat sich seit 1980 kaum verändert. Gleichzeitig stehen auch in diesen Berufen neue Hilfsmittel zur Verfügung. Drohnen können eingesetzt werden, um gefahrlos Dachrinnen zu inspizieren. Aber auch Datenbrillen ermöglichen neue spannende Einsatzmöglichkeiten“, ist Schumich überzeugt. Bei der dafür notwendigen Kompetenz ortet der AK-Experte allerdings noch eine große Kluft zwischen einzelnen Arbeitnehmern, aber auch ganzen Berufssparten.

Interne Prozesse als Problem

Für David Gezzele von Erste Bank und Erste Group bleibt in Unternehmen noch viel Potenzial der Mitarbeiter liegen. Derzeit werde viel darüber theoretisiert, inwiefern die Digitalisierung den Arbeitsplatz verändern und vielleicht sogar obsolet machen könnte: „Diese Unsicherheit ist wenig zielführend. Es geht auch nicht darum, lauter Datenanalysten und Programmierer einzustellen. Vielmehr sollten Mitarbeiter verstehen, was man mit Daten prinzipiell machen kann.“

Denn wenn es um hochkomplexe Aufgaben, aber auch kreative Zugänge gehe, seien Menschen den Maschinen immer noch weit überlegen. Oft würden Ideen, aber auch das Engagement von Mitarbeitern an internen Unternehmensprozessen scheitern bzw. dadurch ins Leere laufen. Das sieht auch Tellioglu von der TU Wien so: „Nicht die Digitalisierung bzw. der digitale Wandel sind das eigentliche Problem, sondern die vorherrschenden Unternehmenskulturen. Es ist also mehr ein Organisations- und Wissensproblem“.