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Online-Journalismus

Huffington Post: "Facebook wichtiger als Google"

2011 von AOL um 315 Mio. US-Dollar übernommen und 2012 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet, ist der einstige Polit-Blog Huffington Post zu einer führenden News-Seite im Internet aufgestiegen. Mehr als 25 Millionen Leser klicken regelmäßig auf die Artikel, die zu einem Großteil von unbezahlten Schreibern zugeliefert werden. Verhältnismäßig kleine Redaktionsteams sind intensiv damit beschäftigt, den Content für die Webseite aufzubereiten - und zeigen damit vor, wie Journalisten im Netz immer häufiger arbeiten.

Die futurezone hat mit HuffPo-Manager Jimmy Maymann über den Einfluss von Social Networks, mobilen Geräten und Apps auf das Geschäft mit den Online-News gesprochen.

Auf der DLD-Konferenz Tel Aviv haben Sie auf der Bühne über die Zukunft des Journalismus gesprochen. Wie sieht die denn nun aus?
Jimmy Maymann: Die Zukunft des Journalismus sieht gut aus, aber hängt stark von den Geschäftsmodellen ab. Die Print-Welt verliert Leser und Werbekunden an die Online-Welt, das ist eine Spirale nach unten. Die traditionellen Printverlage müssen sich online neu erfinden - einerseits müssen sie herausfinden, wie Online-Werbung funktioniert und es andererseits schaffen, Abonnements abzuschließen. Die Kostenstruktur der Printverlage ist aber nicht für die Online-Welt ausgelegt. Der Guardian etwa ist im Netz zwar sehr innovativ, aber er hat zuletzt wieder ein Minus eingefahren wie die fünf Jahre zuvor.

Wie sieht die künftige Finanzierung von Online-Journalismus aus: Werbung oder Abonnements?
Wer investigativen Journalismus betreiben will, braucht eine gewisse Größe und hat bestimmte Kosten. Ich glaube an kostenlosen Content, aber die Geschäftsmodelle derzeit funktionieren dafür nicht. Langfristig gesehen wird es aber schon funktionieren. Das ist ein wenig wie bei YouTube: Als es gestartet ist, gab es dort unzählige blöde Katzenvideos gratis, und heute gibt es dort bezahlte Kanäle, die die Nutzer abonnieren können. Etwas Ähnliches könnte in der Zeitungsbranche passieren. In ein paar Jahren werden sie die Nutzer davon überzeugen können, dass sie etwas zahlen müssen, wenn sie qualitativen Content wollen.

Internet-Nutzer scheinen auf mobilen Geräten eher gewillt zu sein, etwas zu zahlen - Stichwort Apps.
Nein, Apps sind nicht die Lösung für das Problem. Die Huffington Post etwa könnte nichts von ihren Lesern für Apps verlangen. Nur 25 bis 30 Prozent unseres Contents produzieren wir selbst, und das ist nicht genug, um eine Paywall aufzustellen, weil die Nutzer den Content dann eben woanders suchen. Man braucht etwas, das es nicht an der nächsten Ecke gratis gibt.

Gratis-Inhalte finden sich im Netz eben sehr sehr leicht.
Das stimmt nicht immer. Sehen Sie sich die Premier League in Großbritannien, die NFL in den USA an. Die sind sehr gut darin, Content zu verkaufen, und die Leute zahlen dafür. Sicher bekommt man ein kostenloses Ein-Minuten-Video, aber wenn man das ganze Spiel sehen will, muss man zahlen. Daran könnten sich die Zeitungsverlage orientieren.

Wie entwickelt sich die mobile Nutzung bei der Huffington Post?
Derzeit lesen etwa zehn Prozent die Huffington Post auf Smartphones. Das bleibt aber konstant, es ist also nicht so, dass "Mobile" gerade explodiert. Da wächst die Nutzung am iPad stärker. Kurze Nachrichten werden sicher am Smartphone konsumiert, aber wenn man eine Zeitung lesen will, dann braucht man ein iPad dafür. Für lange, investigative Berichte werden die Leser immer zum Desktop oder zu Tablets zurückkehren.

Die Huffington Post baut sehr stark auf Online-Netzwerke - 8 Millionen Nutzer kommen pro Monat via Facebook zu Artikeln Ihrer News-Seite. Wird "social" einmal mehr Traffic bringen als "search"?
Ja, das hoffe ich. Facebook ist wichtiger als Google, die Nutzerinteraktion ist viel größer, wenn jemand via Facebook auf die Webseite kommt, als wenn er etwas googelt.

Das heißt, die Nutzer bleiben länger auf der Seite, lesen mehr Artikel, kommentieren mehr?
Ja genau.

Die Integration von Facebook in News-Seiten hat Konsequenzen für die Identität der Nutzer. Wie steht die Huffington Post zum Thema "anonyme Kommentare"?
Ich denke, das jeder mit seiner echten Identität eingeloggt sein sollte. Es ist falsch, andere Leute einfach zu beschimpfen. Es ist ok, eine Meinung zu haben, solange man respektvoll mit anderen umgeht. Online braucht man bessere Kontrollmöglichkeiten, weil schnell etwas aus dem Ruder laufen kann. Bei der Huffington Post muss man sich identifizieren, sonst darf man nichts zur Diskussion beisteuern.

Die Facebook-Integration in News-Seiten wirft noch ein anderes Problem auf - die "Filter-Blase", also maßgeschneiderte Nachrichten, die dazu tendieren, nur den Interessen und Meinungen der Leser zu entsprechen und Gegenteiliges ausblenden.
Es ist schwer, die Evolution aufzuhalten. Social Networks werden nicht wieder verschwinden. Wir bei der Huffington Post sind uns des Problems bewusst, aber wir haben heute auch nicht die Lösung dafür.

Zurück zum Journalismus an sich: Wie verändert sich die Arbeitsweise der Redakteure durch das Internet? Es scheint, dass sie sich von Schreibern zu Content-Managern entwickeln.
Ja, da haben Sie recht. Bei der Huffington Post sind wie gesagt nur 25 bis 30 Prozent der Artikel selbst geschrieben. Man ist nicht mehr nur ein Reporter, sondern kuratiert die Inhalte auf der Webseite. So arbeiten die meisten unserer Leute.

Twittern, Facebook-Updates schreiben, YouTube-Videos hochladen: Müssen Journalisten künftig all das zusätzlich zum Schreiben des Artikels tun?
Ja, alle unsere Reporter müssen ein Profil im Netz haben, sie müssen Aufmerksamkeit auf ihren eigenen Plattformen als auch auf den Plattformen der Huffington Post schaffen. Social-Media-Seiten sind enorm wichtig, wenn es darum geht, eine Story zu verbreiten, das gehört heute zum journalistischen Handwerk dazu. Ich denke, die Zeiten, an denen man an seinem Schreibtisch saß und jeden Tag eine Geschichte getippt hat, sind vorbei.

Journalisten müssen also online selbst zu Marken werden, denen die Nutzer folgen.
Ja und nein. Ich glaube nicht, dass jeder eine Brand sein muss, aber wichtig ist es schon. Nehmen Sie Arianna Huffington, sie ist eine enorm starke Marke in den USA. In allen Märkten, in denen wir bisher gestartet sind, haben wir eine lokale Arianna geholt - renommierte Journalisten etwa in Frankreich, in Spanien oder in Italien. Diese Persönlichkeiten sind zentral für unseren Erfolg.

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