B2B
04.11.2014

Naver: Wie Korea Google Widerstand leistet

Südkorea ist eine der wenigen Nationen, in denen sich Google einem lokalen Suchmaschinendienst geschlagen geben muss. Die futurezone hat Naver in Seoul besucht.

Es gibt neben Russland und China nicht viele Länder auf der Welt, in denen Google mit seiner Suchmaschine nicht absolut marktdominierend ist. Eine dieser wenigen Nationen ist Südkorea. In dem ostasiatischen Land muss sich der US-Konzern seit Jahren einem lokalen Anbieter mit großem Abstand geschlagen geben: Naver. Das Unternehmen, das im Jahr 1999 gegründet wurde, kommt heute auf etwa 110 Millionen Suchanfragen täglich und hält in Korea bei einem Marktanteil von über 70 Prozent.

Im Wettbewerb südkoreanischer Firmen hat es Naver, das knapp 7700 Mitarbeiter zählt, mittlerweile auf Rang sechs geschafft - beachtlich für einen Markt, auf dem ansonsten die sogenannten Jaeboel-Konzerne (Samsung, LG, Hyundai, etc.) dominieren und groß gewachsene Start-ups nach wie vor eher die Ausnahme bilden.

Google-Flair

Schon beim Betreten des Naver-Hauptquartiers in Seoul macht sich der Start-up-Charakter des Unternehmens und eine unübersehbare Ähnlichkeit zur Raumgestaltung bei Google bemerkbar: Im Eingangsbereich des Glas-Towers hängen riesige, bunte Maskottchen, nach links hin erstreckt sich ein Cafe, zur anderen Seite hin schließt eine große Bibliothek an - das Design der Möbel ist hip und man legt viel Wert auf Umweltfreundlichkeit - überall sind Pflanzen, die das Raumklima verbessern sollen. Ähnlich geht es dann in den weiteren Stockwerken weiter, es gibt viele offene Workspaces, Meetings werden auf bequemen Sofamöbeln abgehalten und auch für adäquate Freizeitgestaltung in den Pausen ist gesorgt.

Auf einem Stockwerk finden sich schließlich jede Menge Plüschtiere in Lebensgröße auf den Gängen. “Wir haben diese Tiere aufgestellt, um die Mitarbeiter an bedrohte Tierarten und einen sorgsamen Umgang mit der Natur zu erinnern”, heißt es im Rahmen der Tour durch das Bürogebäude. Bei allen Parallelen zu bekannten Firmen aus dem Silicon Valley fällt jedoch ein großer Unterschied auf: Kaum jemand der Naver-Mitarbeiter spricht fließendes Englisch, auch als der zuständige PR-Mitarbeiter die Eckdaten zum Unternehmen vorträgt, wird eine Übersetzerin bemüht. Das liegt wohl in erster Linie daran, dass die Suchmaschine selbst sich trotz oder auch gerade aufgrund ihres nationalen Erfolges in Korea auf das asiatische Land beschränkt.

Auf Nachfrage der futurezone heißt es schließlich auch, dass man bislang keinerlei Pläne hege, die Suche in anderen Sprachen anzubieten oder ins Ausland zu expandieren.

Umfangreiche Services

Das heißt jedoch nicht, dass Naver keine internationale Strategie verfolgt. Mittlerweile betreibt Naver neben der Suche auch andere Angebote wie eine Bloggingplattform, Location-basierte Apps und eine eigene Plattform für Kinder. Außerdem hat das Unternehmen eine Comics-Plattform ins Leben gerufen und bietet eine Bücher-App an. Einige dieser Angebote werden auch auf den internationalen Markt getrimmt, und entsprechend zählt Naver inzwischen auch mehr als 4000 Mitarbeiter in internationalen Zweigstellen zum Unternehmen.

Line

Am bekanntesten und - anders als die Suchmaschine - auch international erfolgreich ist der WhatsApp-Konkurrent Line, der mit Sitz in Japan als hundertprozentige Tochterfirma von Naver operiert. Hier finden sich auch die meisten internationalen Angestellten.

Line ist auf allen großen mobilen Betriebssystem-Plattformen verfügbar und zählt heute rund 560 Millionen registrierte Nutzer weltweit, davon gelten aktuell jedoch nur etwa 170 Millionen als aktive Accounts. Der Dienst kann auch auf Deutsch genutzt werden. Gestartet ist der Dienst im Jahr 2011 und hat danach insbesondere in asiatischen Ländern ein explosives Wachstum erlebt.

“Google ist unserem Beispiel gefolgt”

Den Erfolg in Südkorea und den weiten Abstand zu Google erklärt man bei Naver damit, dass man von Anfang an “wertvollere Suchergebnisse” geliefert habe als der US-Konkurrent. Anders als bei Google ursprünglich üblich, wurden und werden bei Naver zu einer Suchanfrage nicht nur Links zu Webseiten angezeigt, sondern diverse Infos geliefert, die alle direkt auf einer Ergebnisseite zu sehen sind. “Google ist in dieser Hinsicht unserem Beispiel gefolgt”, heißt es bei Naver in Anspielung auf den sogenannten Knowledge Graph. “Wir haben den Fokus immer schon auf das individuelle Nutzerverhalten und nicht auf die bloße Auflistung von Webseiten gelegt.”

Wie die Marktentwicklung künftig weitergehen wird, bleibt abzuwarten, bisher kann Naver dem schier übermächtigen US-Konzern in Korea jedoch guten Widerstand leisten und lässt Google bislang keine Chance. Das Geschäftsmodell des Unternehmens funktioniert indes ganz ähnlich: Neben den Suchergebnissen werden Werbeanzeigen platziert.

Disclaimer: Die futurezone war im Rahmen der Foreign Investment Week auf Einladung der staatlichen Organisation Invest Korea in Seoul zu Gast. Flug- und Hotelkosten wurden von Invest Korea übernommen.