Digital Life
17.06.2016

IS-Propaganda: Welche Rolle spielen Twitter & Co?

Die Familie eines Terror-Opfers klagt Twitter und YouTube wegen der Unterstützung von IS-Propaganda. Welche Rolle spielen die Netzwerke bei der Rekrutierung von Terroristen?

„Ich kenne keinen einzigen Fall in Österreich, wo jemand ausschließlich über soziale Medien radikalisiert worden wäre. Es gibt immer auch einen persönlichen Kontakt“, sagt der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger von der Universität Wien zur futurezone. Online-Netzwerke wie Facebook seien aber wichtige Propaganda- und Informationswerkzeuge für Leute, die bereits mit dem IS sympathisieren würden.

"Gefühl einer Gemeinschaft"

„Es wird das Gefühl einer Gemeinschaft erzeugt und vermittelt, dass man Teil einer globalen Bewegung ist“, erklärt der Politologe, der in seinem Buch „Jihadismus“ (Mandelbaum Verlag) Strategien zur Deradikalisierung islamistischer Jugendlicher untersucht . „Online-Netzwerke spielen in der Gesamtstrategie von Gruppen wie dem IS durchaus eine Rolle, sie sind aber sicherlich nicht der wichtigste oder gar der alleinige Faktor bei der Rekrutierung von Anhängern.“

Die Familie eines Terroropfers der Anschläge von Paris dürfte das anders sehen. Sie hat vor einem Bundesgericht in San Francisco Klage gegen Twitter, Facebook und die YouTube-Mutter Google eingebracht. Den Netzwerken wird in der Klageschrift vorgeworfen, die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bei der Rekrutierung von Anhänger unterstützt zu haben. Ohne die Unterstützung durch Twitter & Co. wäre das „explosionsartige Wachstum“ der Terrormiliz nicht möglich gewesen, ist dort zu lesen. Die Online-Netzwerke wiesen die Anschuldigungen zurück und verwiesen darauf, Inhalte von Profile von Terroristen und ihren Sympathisanten nach Bekanntwerden umgehend zu löschen.

„Vorsicht bei Zensur“

„Ich tue mir schwer zu beurteilen, wie schwierig es ist gegen IS-Propaganda in den sozialen Medien vorzugehen“, sagt Schmidinger. Er rät aber dazu, „bei allem was in Richtung Zensur geht“, vorsichtig zu sein. Der Trennstrich zwischen terroristischen Organisationen und anderen Gruppen könne nicht immer eindeutig gezogen werden. Nicht nur der IS oder Al-Quaida, sondern auch gemäßigte Gruppen würden die sozialen Netzwerke nutzen.

Gegenargumente gegen radikalisierende Botschaften hält Schmidinger für weit effektiver als das Löschen von Profilen und Inhalten. Man dürfe sich aber auch davon keine Wunder erwarten. „Leute, die für die Propaganda anfällig sind, fühlen sich von der Gesellschaft entfremdet und suchen eine solche identitätsstiftende, dem Westen den Krieg erklärende, Interpretation des Islam.“

Man müsse sich auch von der Illusion lösen, dass man Internet frei von Propaganda bekommen könnte, sagt Schmidinger: „Solange man die Vorzüge des freien Netzes nutzen will, werden das auch Gruppen, wie der IS tun.“