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Generali Mit Fitnessdaten günstige Versicherungsprämie erkaufen.

Versicherungen wollen sich Daten, die mit Fitnessarmbändern gesammelt werden, zu Nutze machen
Versicherungen wollen sich Daten, die mit Fitnessarmbändern gesammelt werden, zu Nutze machen - Foto: AP/Richard Drew
Der Vorstoß der Generali, Fitnessdaten seiner Versicherungskunden auszuwerten, sorgt für geteilte Meinungen. Wohin führt der Trend der Gesundheitsüberwachung?

Smartwatches, Fitnessarmbänder und sogenannte Aktivitätstracker erfreuen sich unter Lifestylebegeisterten großer Beliebtheit. Damit werden etwa zurückgelegte Schritte, Aktivitäts- und Schlafphasen aufgezeichnet sowie Herzfrequenzen oder Blutdruckwerte erhoben und verglichen. An diesen hochsensiblen Daten sind allerdings auch Versicherungsunternehmen interessiert.

Große US-Versicherungsunternehmen wie United Health, Humana oder Cigna experimentieren schon seit längerer Zeit mit Initiativen, bei denen Aktivitätstracker (Bewegungszähler) integriert werden. Jetzt startet in Europa die Generali Versicherung damit. Die daraus erhobenen Daten werden dann an ein Online-System der Versicherungen übertragen. Durch Erreichen der festgelegten Fitnessziele werden finanzielle Anreize in Aussicht gestellt.

Belohnungssystem

Da in den USA die Arbeitnehmer hauptsächlich durch die vom Arbeitgeber bezahlte Prämien krankenversichert sind, ist es dort längst keine Seltenheit mehr, dass es den Angestellten schmackhaft gemacht wird, Aktivitätstracker zu tragen. Dadurch wird versucht, die Teilnehmer dieser sogenannten Wellness-Programme zu einem gesünderen Lebensstil zu motivieren. Wer das festgelegte Gesundheitsziel erreicht, dem wird ein Teil der Versicherungsprämie nachgelassen.

Auf diese Weise hat sich beispielsweise ein Mitarbeiter des Ölkonzerns BP ganze 1200 US-Dollar der jährlichen Krankenversicherungsprämie erspart, ein durchaus starker Anreiz. "Heute wird darüber nachgedacht, wie sich mit Belohnungssystemen Kosten im Gesundheitswesen reduzieren lassen", sagt der Soziologe Stefan Selke, Autor des Buches "Lifelogging: Der vermessene Mensch", dem KURIER. "Aber wenn sich diese Systeme verbreiten, werden wir auch die Schattenseiten kennenlernen, nämlich, dass Leute bestraft werden, die solche Systeme nicht nutzen."

Pay-As-You-Drive

Ein Beispiel für personalisierte Versicherungsangebote sind auf den Fahrstil abgestimmte Autoversicherungen. Dabei wird das Fahrzeug der Kunden mit Sensoren ausgestattet, die etwa zurückgelegte Strecke, genaue Position, Fahrzeiten, Geschwindigkeiten sowie Werte zu Brems- und Beschleunigungsverhalten an die Versicherung übermitteln. Vorangetrieben wird dies auch mit der EU-Richtlinie, die für alle neuen Autos ein sogenanntes "eCall" vorschreibt. Dieses löst bei Unfällen einen automatischen Notruf an Rettung und Polizei aus. Autohersteller bauen allerdings meist nicht nur den eCall, sondern ein Daten-GPS-System ein, das alle Fahr-Informationen liefert.

Weltweit wurden bereits rund fünf Millionen benutzerbasierter Versicherungen verkauft, für 2020 werden über 100 Millionen Polizzen prognostiziert. Obwohl sie erst am Anfang stehen, wird durch personalisierte Tarife eine Stoßrichtung deutlich: Versicherungen versuchen das Risiko zu individualisieren. Wer auf seine Gesundheit achtet oder vorsichtig und wenig fährt, wird mit Rabatten belohnt. Wer ungesund lebt, sich im Straßenverkehr aggressiv verhält oder seine Aktivitäten nicht überwachen lassen will, soll mehr zahlen. "Dadurch wird das Prinzip Versicherung ad absurdum geführt", gibt Wolfie Christl, Autor der aktuellen Studie "Kommerzielle digitale Überwachung im Alltag", zu bedenken.

"Der ursprüngliche Sinn von Versicherungen ist es, dem Einzelnen das Risiko zu nehmen und durch die Allgemeinheit absichern zu lassen." Noch beruht die Teilnahme an Experimenten mit individualisierten Versicherungstarifen auf Freiwilligkeit. Hohe finanzielle Anreize könnten diese Freiwilligkeit jedoch rasch in eine Notwendigkeit wandeln. Christl befürchtet Schlimmes: "Es besteht die Gefahr, dass wir in einer Wellness-Sklaverei unter der Knute der Selbstoptimierung aufwachen und uns für das Erreichen der täglichen Fitnessziele abrackern."

Analyse

Die idealen Kunden: Fit, jung und schlank

Die Überlegung der Versicherungskonzerne ist einfach: Für Kunden, die durch und durch gesund sind, fallen weniger Krankenversicherungsleistungen an. Mit Anreizsystemen – meist in Form geringerer Prämien –  werden die Versicherten daher darauf getrimmt, sich fit und schlank zu halten. Die Generali Versicherung will diese Fitness künftig per App über das sogenannte Telemonitoring kontrollieren. Kunden müssen Daten über ihren Gesundheitszustand liefern. Eine App dokumentiert Vorsorgeuntersuchungen, zählt Schritte und sportliche Anstrengungen. In Österreich  will die Generali Details zu dem neuen Konzept, für das sie mit dem südafrikanischen Versicherer Discovery zusammenarbeitet, Mitte nächster Woche präsentieren.

So weit wie der Generali-Konzern, der die Gesundheit der Kunden – natürlich auf freiwilliger Basis – künftig online überwachen will, wollen andere Assekuranzen aber nicht gehen. „Wir werden eine solche App schon allein aus Datenschutzgründen nicht anbieten“, betont Wiener Städtische-Sprecher Christian Kreuzer. Die Versicherten würden sich dadurch bedrängt fühlen.   Anregungen, fitter zu werden und gesünder zu leben, gibt es trotzdem bei der Städtischen. Das Zusatzprodukt „Besser leben“ bietet eine Reihe von Trainings, Ernährungsprogramme und Fitness-Vorschläge an. Wer diese befolgt und ein Jahr hindurch die Krankenversicherung nicht in Anspruch nimmt, bekommt zwei Monatsprämien rückerstattet.

Uniqa setzt auch auf Fitness

Krankenversicherungs-Kunden der UNIQA, die den Tarif „Sonderklasse Select Plus Optima 1“ haben, können bis zu 200 Euro Jahresprämie sparen, wenn sie regelmäßig einen Fitness-Check machen. Dabei wird Körperfett, Beweglichkeit, Koordination und Kraft überprüft.  Die Daten des Fitness-Checks nimmt der Versicherer als Basis für die Prämie. Eine App gibt es bei der UNIQA dafür noch nicht.

Anders bei der UNIQA-Kfz-Haftpflicht „SafeLine“. Damit werden Autofahrer nicht nur versichert, sondern gleichzeitig auch per GPS überwacht. UNIQA-Sprecher Norbert Heller betont allerdings, dass die Versicherung nur die Zahl der gefahrenen Kilometer erhält und keine anderen Daten. Wer weniger als 15.000 Kilometer im Jahr fährt, kann bis zu einem Viertel der Prämie zurückbekommen. Beliebt sei diese Versicherung nicht wegen der niedrigeren Prämie sondern wegen der Notfalls-Vorsorge, sagt Heller. Denn ein Crash-Sensor meldet jeden Aufprall an den ÖAMTC, der mit dem Fahrer sofort Kontakt aufnehme. Antworte dieser nicht, werde die Rettung verständigt.

Vor allem ältere Menschen würden dieses Produkt wählen,  aber auch sehr junge Fahrer. „Da sind wohl die Eltern dafür“ meint Heller. 50.000 solcher Kfz-Haftpflichtprodukte hat die UNIQA bisher verkauft. Mit dem „Daten-Kastl“ im Auto ist aber viel  messbar. Britische Versicherer etwa sammeln in dieser Form die detaillierten Fahrgewohnheiten: tags oder nachts, zur Disco oder zur Arbeit usw. Je nach diesen Daten wird die Prämie festgelegt.

(futurezone) Erstellt am 21.11.2014, 17:00

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