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Digital Life

Soll ich von WhatsApp auf Signal wechseln oder nicht?

WhatsApp holt seit einigen Tagen von seinen Nutzern die Zustimmung zu aktualisierten Nutzungsbedingungen und einer neuen Datenschutzrichtlinie ein. Die Aufregung darüber ist groß, weil WhatsApp-Mutterkonzern Facebook nun mehr persönliche Daten aus seinem Messenger-Dienst absaugt. Laut offiziellen Angaben geschieht dies, damit Facebook seine Dienste optimieren kann, u.a. um die Kommunikation zwischen Unternehmen und Nutzern zu verbessern. Ein Teil der Nutzer traut dieser Behauptung nicht.

Vor allem der Umstand, dass man WhatsApp gar nicht weiter nutzen kann, wenn man die neuen Nutzungsbedingungen nicht akzeptiert, lässt sie argwöhnisch werden. Die "Friss, oder stirb"-Strategie scheint WhatsApp auch einige Verluste zu bescheren. Viele Nutzer sehen sich nun nach Alternativen um. Als beliebtestes Ziel hat sich der Dienst Signal hervorgetan. Die rein spendenfinanzierte, nicht profitorientierte, quelloffene App gilt als Musterbeispiel für Datenschutz und Werbefreiheit. In den vergangenen Tagen hat er in einigen Ländern die Spitze der App-Store-Charts erklommen. Sollte man nun dem Trend folgen und umsteigen?

Öffnung für neue Geschäfte

Schauen wir uns zunächst einmal an, was wirklich hinter der Einführung neuer Nutzungsbedingungen bei WhatsApp steckt. Den Schlüssel dazu findet man laut Forbes in einem Blogeintrag von WhatsApp, der im Oktober 2020 erschienen ist. Darin wird angekündigt, dass Unternehmen künftig in WhatsApp in der Lage sein sollen Waren und Dienstleistungen anzubieten. Nutzer sollen also in WhatsApp direkt shoppen können. Der Betrieb und das Management solcher WhatsApp-Shops soll über eigene Unternehmenslösungen von Facebook laufen. Geschäftskunden will Facebook darin sämtliche Funktionen anbieten, um die Kundenkommunikation auf allen Facebook-Diensten (also u.a. auch WhatsApp oder Instagram) abzudecken.

Mit Facebook Pay hat Facebook einen eigenen Zahlungsdienst, um Einkäufe in allen Facebook-Diensten abzuwickeln. In Österreich gibt es Facebook Pay schon für den Facebook Messenger und Instagram, auf WhatsApp fehlt die Zahlungsmöglichkeit noch. Für die Inanspruchnahme der Facebook-Dienstleistungen (etwa den Betrieb eines Shops bei WhatsApp) müssen Unternehmen künftig zahlen. Facebook will damit sein Geschäftsmodell, das bisher hauptsächlich aus Werbeeinnahmen bestand, erweitern. Die immense Verbreitung von WhatsApp - über 2 Milliarden Menschen verwenden die App - zu nutzen, um Unternehmen eine neue Verkaufsplattform zu bieten, liegt für Facebook auf der Hand.

Daten an den Mutterkonzern

WhatsApp wurde bisher u.a. deshalb geschätzt, weil der Dienst Unterhaltungen End-to-End verschlüsselt und selbst keinen Einblick in die übertragenen Nachrichten und Dateien nehmen kann. Was schon bisher übertragen wurde, sind Metadaten. Dazu zählen etwa Nutzer-ID, Telefonnummer, Geräte-ID und Angaben über die Nutzung von WhatsApp. Der Dienst weiß etwa genau wann du ihn wie lange für welche Tätigkeit verwendest.

Bisher hat WhatsApp mit Facebook bereits einige dieser Metadaten geteilt. Von Facebook wurden sie bisher aber nicht genutzt, um z.B. personalisierte Werbung für den individuellen Nutzer auf anderen Facebook-Diensten anzuzeigen. In der EU war dies auch eine Auflage, um die Übernahme von WhatsApp durch Facebook im Jahr 2014 überhaupt zu genehmigen, erklärt Karl Gladt, der Leiter der Internet Ombudsstelle.

Rechtslage "ein bisschen komplex"

Die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) bewahrt europäische Nutzer auch in Zukunft vor einigen Implikationen der neuen Nutzungsbedingungen. Laut Niamh Sweeney, der Chefjuristin von WhatsApp, ist es Facebook auch weiterhin verboten, durch WhatsApp-Daten personalisierte Werbung zu erzeugen. Laut Karl Gladt beruft sich WhatsApp aber auch in seinen neuen Datenschutzbestimmungen auf "berechtigte Interessen", Daten zur Förderung von Produkten von Facebook-Unternehmen zu verwenden. Theoretisch gebe es die Möglichkeit, dass ein Nutzer bei WhatsApp Widerspruch gegen diese Datenverwendung erhebt. Das sei allerdings ein langwieriger Prozess mit ungewissem Ausgang.

Die Rechtslage sei laut Gladt "ein bisschen komplex". Eigentlich sei es bereits eine Verletzung der DSGVO, wenn man einem Messenger-Dienst Zugriff auf die eigene Kontaktliste gewährt, weil die darin vorhandenen Kontakte ja niemals eine Einwilligung erteilt hätten, dass ein Dienst nun ihre Daten erhält. Das trifft aber nicht nur auf WhatsApp, sondern auf fast alle Messenger-Dienste zu. Gladt: "Es ist ein Phänomen des Datenschutzrechts, dass Soll- und Ist-Zustand weit auseinander klaffen."

Apple zeigt mit dem Finger

Zurück zur Praxis: Wer WhatsApp benutzt, hat Facebook bisher bereits einiges an Metadaten geliefert. Eindrucksvoll aufgezeigt wurde das von Apple. Im Dezember wurden im App Store die so genannten "Privacy Labels" eingeführt. Diese Hinweise schlüsseln genau auf, welche Daten, die auf den individuellen Nutzer zurückzuführen sind, eine App erzeugt. Signal überzeugt dabei durch besonders niedrigen Datenhunger, Apples iMessage erzeugt ein paar Daten mehr, bei WhatsApp ist die Liste schon länger und beim Facebook Messenger bereits riesig.

Konkrete Empfehlungen

"Wenn ich den Dienst ohnehin schon genutzt habe, hätte ich keine Bedenken, WhatsApp weiter zu nutzen", meint Gladt. "Denn auch nach den alten Nutzungsbedingungen konnten Daten über mich ausgewertet werden." Durch die neuen Nutzungsbedingungen "werden möglicherweise einfach mehr Daten über mich ausgewertet". Die große Aufregung um die neuen Richtlinien sei deshalb wenig verständlich.

Wer allerdings die Wahl hat, einen Messenger-Dienst wie Signal zu nutzen, der von vornherein keine Daten über das Nutzerverhalten sammelt, so solle man den verwenden, rät Gladt. Es sei das Geschäftsmodell von Facebook, persönliche Daten zu verwenden, um Geschäftskunden besondere Dienste anzubieten, etwa personalisierte Werbung. Das Angebot wird gerne genutzt, denn "diese Werbung wirkt". Wer nicht will, dass seine Daten zu solchen Zwecken verwendet werden bzw. wer generell weniger Daten über sich selbst preisgeben will, der solle lieber einen anderen Messenger-Dienst nutzen.

Umstieg erleichtern

Das größte Hindernis, dass Gladt sieht, ist, ob man das eigene soziale Umfeld bei einem bestimmten Dienst wiederfindet. "In dem Dienst, den ich wähle, müssen die Kontakte, mit denen ich kommunizieren will, vorhanden sein." Durch seine hohe Nutzerzahl sei WhatsApp dabei klar im Vorteil. Die aktuelle Kritik an WhatsApp könnte hier eventuell einen Anstoß geben, um ganze Freundesgruppen zum Umstieg zu bewegen. Signal und andere Dienste machen dies auch leicht. So kann man etwa ganze Gruppenunterhaltungen, die man derzeit auf WhatsApp führt, mit Leichtigkeit zu Signal transferieren.

Für all jene, die nach einer Alternative zu WhatsApp suchen, haben wir einen kleinen Vergleich zwischen Signal und fünf weiteren Messenger-Apps zusammengestellt.

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David Kotrba

Ich beschäftige mit großteils mit den Themen Mobilität, Klimawandel, Energie, Raumfahrt und Astronomie. Hie und da geht es aber auch in eine ganz andere Richtung.

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