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Interview
11/23/2011

Spotify: „Musikpiraterie noch nicht besiegt“

Den Musik-Streaming-Dienst Spotify hat er vergangene Woche nach Österreich gebracht. Im exklusiven futurezone-Interview spricht Spotify-Chef Daniel Ek über den Facebook-Zwang, die Einnahmen der Musik und seine eigene Plattensammlung.

von Jakob Steinschaden

Daniel Ek wird neben den Erfindern von Schallplatten, CDs und Musik-Downloads in die Musikgeschichte eingehen.” Im britischen TV wird der 28-jährige Schwede bereits als lebende Legende gehandelt, weil er mit seiner Internet-Firma Spotify Musikkonsum und damit eine Milliardenbranche revolutionieren könnte. Ek will jene Generation, die seit Napster an die Musikpiraterie verloren ging, wieder dazu zu bringen, für digitale Musik Geld auszugeben. Sogar seine eigenen, 450 Mitarbeiter lässt er für das Service bezahlen, damit diese ihn wertschätzen lernen.

Den Beweis für seine ehrgeizigen Ziele muss er aber noch bringen - denn ob auch in Österreich die Massen bereit sind, eine Monatsgebühr für den mobilen Zugriff auf den 15 Millionen Titel starken Spotify-Katalog zu entrichten, bleibt abzuwarten. Ek selbst jedenfalls ist mit der Musik-Nutzung im Netz bestens vertraut. Als ehemaliger Chef der populären Bittorrent-Software µTorrent, über die auch sehr intensiv illegal unzählige Songs im Web ausgetauscht werden, weiß er genau über die Interessen junger Internet-Nutzer Bescheid. Wie und warum er das Problem der Musikpiraterie in den Griff kriegen will, erklärt er im Exklusiv-Interview mit der futurezone.

Sie treiben digitale Musik-Streaming im Netz stark voran. Haben Sie Ihre CD- oder Plattensammlung schon aus dem Haus verbannt?
Nein, ich habe immer noch meine Plattensammlung. Ich glaube, es wird immer einen physischen Träger für Musik geben, und ich liebe wie viele andere Audiophile mein Vinyl. Allerdings muss ich zugeben, dass ich die meiste Musik mit Spotify höre, weil es einfach ist und ich gerne Playlisten mit Freunden erstelle.

Wie hören Sie zu Hause die Musik-Streams?
Ich habe Sonos-Lautsprecher im ganzen Haus verteilt, auf die ich Spotify streamen kann.

Die Lautsprecher des Computers reichen Ihnen also nicht.

Spotify ist für die Nutzung am Computer oder am Handy designt worden. Durch Partnerschaften mit Hardware-Herstellern können wir die Nutzung aber verbessern und ermöglichen es, dass man die Musik in hoher Qualität auf den besten Lautsprechern anhören kann. Firmen wie Sonos, Logitech, INQ, Onkyo, Western Digital oder Boxee sind bereits Partner, und wir schauen uns immer nach neuen Kooperationsmöglichkeiten um.

Hören Ihre Kunden eigentlich lieber neue, unbekannte Musik oder stöbern sie eher in der eigenen Musikvergangenheit?

Die Leute nutzen Spotify für beides. Unser Angebot ist so groß, dass es kein Wunder ist, dass unsere Nutzer nicht einfach nur die Top 100 anhören, sondern auch die Back-Kataloge erkunden.

Kritiker meinen, dass Musik durch Streaming-Dienste ihren Wert verliert, weil man sich wahllos wie an einem Buffet bedient.

Meiner Meinung nach steigt für uns der Wert der Musik, wenn wir Playlisten erstellen und die Musik mit unseren Freunden teilen. Ich glaube, dass die Leute es angemessen finden, ihre Lieblingsbands zu belohnen, und zehn Euro pro Monat ist ein guter Deal sowohl für die Musikindustrie als auch für unsere Abonnenten. Zehn Euro entsprechen ein paar Sandwiches im Monat. Insgesamt gibt man aber 120 Euro im Jahr aus, und das ist deutlich mehr als die ARPU der großen Mehrheit von Musikkonsumenten.

Dann kommt also nicht nur Lady Gaga, sondern auch eine Underground-Band zum Zug?

Ja. Nur sechs Prozent der abgespielten Songs sind aus den Top 100. Da Spotify ja Einnahmen für die Rechteinhaber immer dann generiert, wenn einer ihrer Songs gespielt wird, kann ein einzelner Titel viele Jahre lang Geld abwerfen.

Viele Kritiker zweifeln am Geschäftsmodell von Spotify. Kann ein Musiker von den Einnahmen leben, die Spotify abwirft?

Ja, absolut. Künstler bekommen bereits sehr substanzielle Einnahmen von Spotify, und wenn wir weiter wachsen, wachsen diese Einnahmen mit. Laut IFPI (Weltverband der Phonoindustrie, Anm.) ist Spotify in Europa bereits die zweitgrößte Einnahmequelle für Plattenfirmen, was den digitalen Vertrieb angeht. Seit unserem Start vor drei Jahren haben wir mehr als 100 Millionen Euro an die Rechteinhaber der Musik ausgezahlt.

Geben Sie mal ein Beispiel.

Der schwedische Künstler Nomy etwa, der seine Musik zu Hause im Schlafzimmer aufnimmt. Über Social-Media-Dienste hat er eine so große Fanbase aufgebaut, dass er seinen Job kündigen konnte und sich jetzt voll auf seine Musik konzentriert.

Tom Waits, Coldplay oder Adele sehen das offensichtlich anders. Sie wollen ihre Alben nicht bei Spotify anbieten, weil Streaming-Dienste nicht genug abwerfen würden.

Wir haben breite Unterstützung von der Musikindustrie, und die Künstler, die Sie genannt haben, sind sehr spezielle, isolierte Beispiele. Wenn ein Künstler entscheidet, seine Musik nicht bei Spotify anzubieten, dann bleibt uns nur zu hoffen übrig, dass er seine Meinung ändert. Die große Mehrheit der Künstler und Labels sehen Streaming-Dienste als die Zukunft der Musikindustrie, weil es neue Möglichkeiten schafft, eine große Fanbase, virales Marketing und Einnahmen aufzubauen.

Auch einige Independent-Label wie Napalm Records, Metal Blade, Century Media oder Prosthetic Records haben sich aus Spotify zurückgezogen, weil die Einnahmen daraus so verschwindend klein seien, dass sie weder ihnen selbst noch ihren Künstlern helfen würden.
Auch bei den Independent-Label haben wir den Support der großen Mehrheit, weil wir gute Beziehungen zur Indie-Community aufgebaut haben.

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Haben Sie eigentlich Plattenfirmen erlaubt, Anteile Ihrer Firma zu kaufen?
Es ist öffentlich bekannt, dass sowohl Majors als auch Indie-Labels ein kleines Stück von Spotify gehört. Wir haben das gemacht, damit die Musikindustrie einen direkten Profit vom Erfolg unserer Firma hat – den sie wiederum an ihre Künstler und Komponisten weitergeben können.

Sehen Sie sich als Bezinger der Musikpiraterie?

Wir haben Spotify als Alternative zur Piraterie kreiert, dieses Problem anzugehen, ist also quasi in der DNA verankert. Wir glauben, dass dass wir die Jugend, die wir an die Piraterie verloren haben, mit unserem Gratis-Dienst zurückgewinnen können. Ein aktueller Bericht von Musiksverige (schwedischer Verband der Musikindustrie, Anm.) zeigt, dass Musikpiraterie in Schweden seit 2009 um 25 Prozent zurückgegangen ist, größtenteils eben wegen Streaming-Diensten wie Spotify. Musikpiraterie ist aber weiterhin ein großes Problem, ich glaube also nicht, dass wir sie schon besiegt haben. Ich glaube aber, dass Spotify jetzt und in Zukunft einen großen Unterschied machen wird, wir haben bereits Millionen Menschen dazu gebracht, wieder für Musik zu zahlen.

Ein weiterer Kritikpunkt an Spotify ist, dass zur Nutzung eine Facebook-Mitgliedschaft vorausgesetzt wird. Haben Ihre Investoren, von denen sehr viele auch bei Facebook investiert haben (z.B. Accel, DST, Li Ka-shing, Founders Fund), dazu gedrängt?
Ich fürchte, dass ich zu unseren Investoren keinen Kommentar abgeben kann, aber Spotify trifft alle Business-Entscheidungen basierend auf unseren strategischen Langzeit-Zielen.

Spotify ist eine der wenigen europäischen Internet-Firmen, die in den USA Fuß fassen konnte. Hat das sehr eingeschworene Silicon Valley positiv oder negativ auf Ihren Start reagiert?

Ich glaube, dass digitale Firmen alle sehr ähnlich gesinnt sind und gemeinsame Ziele verfolgen, und es ist nicht relevant, von wo eine Firma kommt – vor allem in einem Zeitalter, in dem die Welt immer näher zusammenrückt. Silicon-Valley-Firmen waren sehr empfänglich und interessiert, und ir haben es ziemlich genossen, eng mit Facebook zusammenarbeiten zu können.

Der Start von Spotify in den USA hat sich immer wieder verzögert. Warum haben Sie so lange gebraucht?
Spotify ist ein voll lizensierter und legaler Dienst, und für den Launch haben wird Vereinbarungen mit bestimmten Rechteinhabern wie Labels, Verlagen und Verwertungsgesellschaften treffen müssen. Die USA haben eine 300 Millionen große Bevölkerung und sind der größte Musikmarkt der Welt. Wenn man dort an den Start geht, muss man sichergehen, dass alles perfekt funktioniert.

Wie sehen die Zukunftspläne Ihrer Firma aus? Würden Sie etwa in den Ticketverkauf einsteigen oder auf den Bereich Musikvideos expandieren?
Ich würde nichts davon ausschließen, aber derzeit konzentrieren wir uns stark darauf, weiter den besten Musikdienst der Welt in Ländern wie Österreich anbieten zu können.

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