Zur mobilen Ansicht wechseln »

Siri-Gründer "Sprachsteuerung ist noch nicht gut genug".

Foto: Jakob Steinschaden
Adam Cheyer hat 2007 den Sprachsteuerungs-Hersteller Siri mitgegründet und 2010 für mehr als 200 Millionen Dollar an Apple verkauft. Bis Sommer 2012 war er leitender Entwickler bei dem iPhone-Hersteller. Im Rahmen des Pioneers Festival, das derzeit in Wien stattfindet, hat Cheyer der futurezone sein erstes Interview nach dem Ausstieg bei Apple gegeben.

Haben Sie heute schon mit Siri gesprochen?
Nein, aber gestern Abend, als ich in Wien angekommen bin. Ich hab gefragt, wie ich zum Hotel komme.

Ich nehme an, Sie verwenden die Sprachsteuerung des iPhone jeden Tag.
Ja klar.

Heute lassen sich nicht nur das iPhone, sondern auch viele andere Smartphones per Sprache steuern. Bei der Masse ist das aber noch nicht angekommen.
Das Verhalten der Menschen zu ändern, ist immer schwer. Mit Siri hat ein Zeitalter begonnen, in dem die Leute sich daran gewöhnen, mit Computern zu sprechen. Natürlich spricht nicht jeder dauernd und über alles mit seinem Handy, aber ich glaube, dass Spracherkennung in den nächsten drei bis fünf Jahren abheben wird. Heute ist sie gerade gut genug, um genutzt zu werden, aber sie ist noch nicht gut genug. Die Leute werden sich daran gewöhnen. Es gibt Geschichten von Kindern, die eine Touchscreen-Geste auf Flat-TVs machen und dann glauben, dass das Gerät kaputt ist. In Zukunft werden die Menschen erwarten, dass sie mit ihren Geräten sprechen können.

Damit die Leute die neue Technologie verwenden, muss sie einen Vorteil bieten. Was ist für Sie der große Vorteil von Sprachsteuerung?
Wenn etwas auf einem Bildschirm dargestellt werden kann, ist die einfachste Art der Bedienung "Touch". Wenn es nicht auf einem Screen ist, dann ist der einfachste Weg, eine Frage zu stellen. Im Auto etwa hat man die Hände nicht frei zum Tippen. Das ultimative Interface kombiniert beides. Es gibt viele alte Leute, die sich vor Touchscreen-Geräten fürchten, weil sie nicht wissen, wie die Bedienung funktioniert. Meine Mutter hat erst per Sprachsteuerung gelernt, SMS mit einem Smartphone zu schicken. Sprachsteuerung ist eine viel einfachere Art der Bedienung als mit Apps und Touch-Gesten.

Siri-Gründer Adam Cheyer
Foto: Jakob Steinschaden

Als Sie Siri programmiert haben - war es Ihnen da wichtig, der Sprachsteuerung eine Persönlichkeit zu geben, die einen Namen hat und Witze erzählt?
Es war eine Überraschung, wie sehr die Leute es amüsiert hat, Siri dumme Fragen zu stellen. Für mich war Siri anfangs einfach ein Ding, mit dem man Dinge effektiv erledigen kann. Wir haben zuerst nicht überlegt, ob Siri wie ein Mann oder eine Frau, wie ein Mensch oder ein Computer wirken soll.

Google hat den digitalen Assistenten "Google Now" in sein Android-Betriebssystem integriert. Ist das nicht das, was Siri eigentlich sein sollte - ein digitaler Chefsekretär?
Ich hab es noch nicht probiert. Aber Google ist eine exzellente Firma, und Google Now soll sehr schnell und gut funktionieren. Alles, was dem Nutzer hilft, Dinge schneller und einfacher zu erledigen, ist gut. Jede Firma hat ihre eigene Version, wie so etwas aussehen soll.

Heute ist Sprachsteuerung hauptsächlich auf Smartphones nutzbar. Wird die Technologie auf sämtlichen Geräten kommen, vom TV zum Auto bis zur Kaffeemaschine?
Ich weiß nicht, ob ich mit einer Kaffeemaschine plaudern sollte. Im Endeffekt geht es darum, was die einfachste Art der Bedienung ist. Bei einer Kaffeemaschine reicht es, einen Knopf zu drücken, aber wenn man etwas nicht auf einem Touchscreen darstellen kann oder ein Gerät zu viele Knöpfe hat und zu kompliziert ist, dann spielt Sprachsteuerung eine wichtige Rolle. Es macht nur Sinn in einem bestimmten Kontext. Das ist das generelle Prinzip.

Warum haben Sie Apple verlassen?
Hauptsächlich, um mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Mein Sohn ist zwölf Jahre alt, das ist ein Schlüsselmoment in unserem Leben, bevor er ein Teenager wird. Meiner letzter Arbeitstag war gleichzeitig der letzte Schultag meines Sohnes, und ich wollte die Chance nutzen, mit ihm den Sommer zu verbringen.

Sie arbeiten also nicht schon an der nächsten Firma.
Nein, ich denke erst darüber nach, was als Nächstes kommt.

Als Sie Siri in iOS integriert haben, haben Sie direkt mit Steve Jobs gearbeitet. Wie war das?
Er hat Siri schon verwendet, bevor er die Firma übernommen hat. Er hatte ein tiefes Verständnis für die Technologie und wusste, wann sie gut funktioniert und wann nicht. Die aufregendste Sache an der Übernahme war, dass jemand wie Steve Jobs unsere Vision verstanden hat. Im ersten Jahr nach dem Kauf war er stark in die Entwicklung involviert, danach war er zu krank dafür. Ich habe lustige Erinnerungen an ihn, wie er mit Siri gesprochen hat.

Welche Verbesserungsvorschläge hatte er?
Damals ist es vor allem um die Details gegangen, um die Art, wie man mit Siri interagiert. Man muss die Software anders machen, als man etwa eine App programmiert. Steve hat viel dabei geholfen, wie das System designt wurde und wie man darin navigiert.

Siri-Gründer Adam Cheyer
Foto: Jakob Steinschaden

Auf dem Pioniers Festival haben Sie über zukunftsträchtige Technologien gesprochen. Eine davon ist Augmented Reality. Es gibt bereits viele AR-Anwendungen, aber wie die Sprachsteuerung ist sie noch nicht bei den Massen angekommen. Brauchen wir wirklich AR-Brillen?
Ich glaube, dass Timing entscheidend ist. Die erste Version von Siri gab es schon vor 19 Jahren, aber damals war es zu früh, um Siri zu launchen. Es gab keine mobilen Geräte, keine schnellen Bandbreiten. Augmented Reality gibt es auch schon seit 20 Jahren, in den 1990ern habe ich bereits ein Gerät entworfen, dass sehr ähnlich wie Googles AR-Brille funktionierte, nur in einem Auto. In den nächsten fünf bis sieben Jahren könnte AR Mainstream werden.

Europa scheint in Sachen Technologie und Innovation immer weiter hinter die USA zurückzufallen. Was raten Sie der europäischen Start-ups-Szene, die gerade in der Hofburg zusammen kommt?
Ich habe in der Forschung und für große und kleine Firmen gearbeitet, aber selbst Unternehmer zu sein, hat dem meisten Spaß gemacht. Eine kleine Start-up-Firma kann die Welt verändern, manchmal sogar schneller als jeder andere. Mein erster Rat wäre: Validiere, ob deine Idee gut ist, und dann setze sie um. Die Welt ändert sich so schnell. Nokia und RIM waren an der Spitze, aber das hat sich komplett gedreht. Alles ist möglich, aber wenn man nicht versucht, innovativ zu sein, dann kann man nichts verändern.

In Wien sind mehr als fünfzig neue Start-ups zusammengekommen, um ihre Ideen zu präsentieren. Welche stechen für Sie hervor?
Ein paar haben meinen Geschmack getroffen. RiseArt ist eine interessante Sache, damit kann man Kunst für zuhause mieten. Das ist eine großartige, simple Idee. Auch Start-ups mit 3D-Technologien sind spannend, oder eine Firma namens Augment, die eben Augmented Reality macht.

Mehr zum Thema

Das Pioneers Festival, in dessen Rahmen die futurezone Adam Cheyer interviewt hat, findet derzeit in der Wiener Hofburg statt. Es soll Wien weiter dabei helfen, zu einem europäischen Zentrum für Technologie und Innovationen zu werden. Alle Informationen rund um die Veranstaltung finden sich hier.

(futurezone) Erstellt am 31.10.2012, 06:00

Kommentare ()

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )

Dein Kommentar

Antworten folgen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?