Psychologe Manuel Sprung (re.) will Kinder in ihrem Leben abholen. Deshalb soll die Therapie Spaß machen
© Gilbert Novy

Forschung

Uni Wien setzt Computerspiele zur Therapie ein

Wenn mitten im Weltall Aliens auftauchen, heißt es für "Space Rangers": Schnell sein und genau zielen. Fabian, 9, und Moritz, 6, feuern begeistert drauf los. Doch die getroffenen Aliens am Computerbildschirm scheinen sich darüber zu freuen. Bei genauerem Hinschauen zeigt sich: Die vermeintlichen Geschoße sind Früchte und Getränke. Die Spieler müssen die Aliens mit Nahrung versorgen. Bei genug Fürsorge darf der "Space Ranger" in den nächsten Level wechseln. Doch dort gibt es wieder neue Regeln, die sich die Spieler merken müssen. Denn wenn ein radioaktiver Sturm durchs All tobt, gilt ein anderer Verhaltenskodex.

Füttern statt Schießen
Für Fabian und Moritz zählen Spaß und Abwechslung. Sich auf die neuen Begebenheiten einzustellen weckt ihren Ehrgeiz. Während die Buben die lustigen Figuren mit den großen Augen immer schneller füttern, sind die Aliens für den Psychologen Manuel Sprung von der Universität Wien ein ideales, niederschwelliges therapeutisches Werkzeug.

Kinder-Welt nutzen
"Wir wissen, dass 90 Prozent der Kinder Computerspiele spielen. Wir wollten die Kinder mitten in ihrem Leben abholen, mit einem lustorientierten Zugang." Angebote zur Förderung der psychischen Gesundheit seien heute notwendiger denn je. Gerade in der Kinder- und Jugendpsychologie fehlen sie aber besonders. "Wir versuchen deshalb, anerkannte psychologische Therapieformen, etwa kognitive Verhaltenstherapie, in Computerspiele zu übersetzen."

Kooperation mit anderen Institituten
Im "Games4Resilience"-Labor des Psychologie-Instituts entwickelt Sprung mit Alexander Hofmann (FH-Technikum Wien) Helmut Hlavacs (Institut für Informatik, Uni Wien) Spiele wie "Alien Ranger". Damit testet und trainiert er dann die sogenannten exekutiven Fähigkeiten von Kindern. Dabei geht es um entwicklungspsychologische Aspekte: "Bei Lernschwierigkeiten oder Aufmerksamkeitsdefiziten können die Kinder Impulse nicht richtig verarbeiten und ihnen nicht folgen. Oder sie lassen sich leicht ablenken."Ebenfalls häufige Probleme: Inhalte im Kurzzeitgedächtnis zu behalten.

Facebook als Heilmittel
Ängste, Depression oder Niedergeschlagenheit behandelt Sprung hingegen sogar mit Facebook. Als Therapie-Spiel heißt das soziale Netzwerk "Mindbook" und ist ein Selbstsicherheitstraining. "Bei diesen Plattformen geht es immer um Selbstdarstellung. Wir wollen die negative Grundüberzeugung dieser Kinder durchbrechen. Wir zeigen, was passiert, wenn sie sich positiv oder negativ darstellen." Es ist nämlich kein Zufall, dass die fiktiven Mindbook-Charaktere "Hannes Unsicher" oder "Anni Müde" heißen. Wenig überraschend: Diese Melancholiker sind selten mit Typen wie "Chrissie Fröhlich", "Bobby Happy" oder „Jenny Stark" befreundet.

Achtwöchige Therapie
Trotz aller therapeutisch-psychologischen Kunstgriffe bleibt für die Kinder der spielerische Charakter immer aufrecht – und wirkt sogar nach Ende der achtwöchigen Therapie. "Es müssen ständig neue Kompetenzen entwickelt werden, das hinterlässt Spuren im Gehirn", erklärt Psychologe Sprung.

Die therapeutische Wirkung hat er in einer Studie nachgewiesen. Er teilte 89 Sechs- bis Zehnjährige in zwei Gruppen. Eine spielte sechs Wochen lang "Alien Ranger", die andere erhielt eine spezielle App, um am Tablet-Computer zu zeichnen. Schon während der Therapie verbesserte sich bei den "Alien-Rangern" die Aufmerksamkeit messbar – sogar bei einem weiteren Test nach zwei Wochen Spielpause.

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