Digital Life
10.09.2015

Vinyl-Boom: Schallplatten-Fabriken haben viel zu tun

Millionen Schallplatten verlassen jährlich in der Nähe von Prag eines der größten Presswerke weltweit. Ein Ende des Trends ist noch lange nicht in Sicht.

Die Schallplatte lebt. Erst kürzlich hatte auch Panasonic auf der IFA seine legendäre Technics-Plattenspieler-Serie wieder auferstehen lassen.

Wer den Vinyl-Boom nicht glauben will, muss nur einen Blick hinter die Werks-Tore einer kleinen Fabrik bei Prag werfen. Bei einem der größten Hersteller der runden Scheiben weltweit stehen die Maschinen seit fünf Jahren nicht mehr still. „Wir produzieren 24 Stunden täglich, 360 Tage im Jahr“, sagt GZ-Media-Verkaufsdirektor Michal Nemec stolz.

Der typische leichte Plastik-Geruch der Vinyl-Scheibe liegt in der Luft. Arbeiterinnen stehen konzentriert an Dutzenden großen Pressmaschinen. Mit flinker Hand legen sie die beiden Etiketten auf beide Seiten eines kleinen „Kuchens“ aus Kunststoff-Material. Das kleine Päckchen kommt zwischen die Pressmatrizen. Den Rest erledigt ein enormer Druck von 150 Tonnen - fertig ist die Schallplatte.

Presse wieder angeworfen

Dass in dem kleinen Dorf Lodenice überhaupt noch Schallplatten hergestellt werden können, hat auch etwas mit dem Geiz der Fabrikbesitzer zu tun. „Die CD hätte fast den Tod der Schallplatte bedeutet“, sagt Nemec. Doch die Besitzer ließen die alten Maschinen nicht etwa verschrotten. „Es war für sie ein Wert, um den es schade gewesen wäre“, erzählt er. Als dann der Vinyl-Boom begann, riss er die Pressen aus ihrem Märchenschlaf.

Dass die Schallplatte zum neuesten Lifestyle-Accessoire wurde, hat hier alle überrascht. Nemec erklärt sich das Phänomen so: „Immer mehr Menschen suchen einen natürlichen Lebensstil, sie wollen das Leben besser genießen.“ Manche würden wieder selbst kochen. „Und ein Teil der Leute will, wenn sie Musik hören, mehr Gefühl damit verbinden“, sagt er. Das fange schon bei der Verpackung an, die viel aufwendiger sei als zu den Hochzeiten des Mediums. Auch die Platte selbst ist längst nicht mehr nur rußgeschwärzt. Es gibt sie in allen Farben des Regenbogens oder bunt gesprenkelt.

Streit um besseren Klang

Ob die Klangqualität besser als bei einer digitalen CD ist, darüber tobt seit Jahrzehnten ein heftiger Glaubenskrieg. Auf der einen Seite stehen die Liebhaber des warmen Vinyl-Klangs, auf der anderen die Verfechter des technischen Fortschritts. Im Tonstudio DM1 der Plattenfabrik stellt Toningenieur Jiri Zita gerade einen Master her, die Vorlage für die Schallplatte. „Wenn das Ausgangsmaterial gut vorbereitet ist, dann kann die Schallplatte tatsächlich besser klingen als die CD“, sagt er.

Viele seiner Kunden lieferten Daten mit höherer Samplingfrequenz und besserer Auflösung als beim CD-Format an. Zudem seien viele CDs schlicht totkomprimiert. „Die CD ist dann ständig laut und brüllt, während die Schallplatte es schafft, eine Stimmung besser herüberzubringen.“ Doch Zita bleibt Realist: „Natürlich hat die Schallplatte ihre Einschränkungen - es ist ein mechanisches Medium, es wirken dort Kräfte und Beschleunigungen.“

So wird gearbeitet

Die Gerätschaften, mit denen Zita hantiert, sind Jahrzehnte alt. Eine Maschine der Berliner Firma Neumann schneidet die Rillen mit einem Diamantmesser in die Kupferplatte. Mit einem kleinen Mikroskop sucht Zita nach Unregelmäßigkeiten. Denn Knistern und Knastern darf sein Master nicht. Er fand über seine eigene Band zu dem Job. Andere seiner Kollegen sind DJs oder Sammler, die zu Hause tausend Schallplatten im Regal stehen haben.

Allein im vorigen Jahr haben 14 Millionen Schallplatten das Werk in Lodenice verlassen. In diesem Jahr sollen es 18 bis 19 Millionen sein. Die meisten gehen in die USA und nach Großbritannien, aber auch Deutschland ist ein wichtiger Markt. Um die Nachfrage überhaupt noch befriedigen zu können, lässt GZ Media nun sogar neue Pressen bauen - die ersten in über 30 Jahren. Verkaufschef Nemec sagt: „Wenn Sie heute mit einer Super-Aufnahme ihrer Band zu mir kommen, dann müssen Sie bis März kommenden Jahres auf ihre Schallplatte warten.“

Tauschbörsen-Boom

In Prag treffen sich Schallplattenfreunde wieder zu Tauschbörsen. Wie überall weltweit wird Ende April der „Record Store Day“ gefeiert. Dabei ist die Schallplatte längst nicht der einzige Retro-Trend, der aktuell durch Tschechien schwappt. Die Igracek-Spielzeugfiguren aus der einstigen CSSR, quasi das Playmobil des Ostens, feiern eine Wiedergeburt. Und immer mehr Hipster laufen in Prag mit Turnschuhen herum, die ihren Vorgängern aus der Zeit des Sozialismus aufs Haar gleichen.