Digital Life
08.05.2018

WeAreDevelopers: Größte Entwicklerkonferenz Europas könnte Wien verlassen

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Dieses Jahr kommt Steve Wozniak noch nach Wien, doch nächstes Jahr könnte die größte Entwickler-Konferenz Europas woanders stattfinden.

"Der IT-Arbeitsmarkt ist komplett ausgetrocknet." Mit dieser Aussage sorgte Harald Egerth, Geschäftsführer des oberösterreichischen IT-Konzerns S&T, im Jänner für Aufsehen. Zahlreiche Unternehmen suchen händeringend nach IT-Fachkräften, laut dem zuständigen Fachverband Unternehmensberatung/Informationstechnologie (UBIT) können derzeit rund 10.000 Stellen nicht besetzt werden.

Sead Ahmetovic und Benjamin Ruschin, zwei der Gründer der Entwickler-Konferenz "WeAreDevelopers", überrascht diese Situation nicht. Bereits seit Jahren setzen sich die beiden mit der Problematik auseinander. "Früher haben Unternehmen die Kandidaten selektiert, heute ist es umgekehrt. Viele Unternehmen kämpfen mit dieser Machtverschiebung", erklärt Ruschin. Diese Verschiebung macht sich auch in ihrer Konferenz deutlich: Statt an Manager richtet sich die Konferenz ausdrücklich an Entwickler. 

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Bis zu 10.000 Teilnehmer werden vom 16. bis 18. Mai im Austria Center in Wien erwartet. Das große Highlight: Die Keynote von Apple-Mitgründer Steve "Woz" Wozniak, der einen Ausblick auf die Zukunft der Arbeit von Programmierern geben wird. Und auch andere "Rockstars" der Branche, wie Bitcoin-Guru Andreas Antonopoulos, Spiele-Entwickler John Romero (bekannt für "Doom") und Mate Rimac, Gründer des Tesla-Konkurrenten Rimac, werden auf der Konferenz Vorträge halten.

IT- statt Personalabteilung soll Mitarbeiter suchen

Mit großen Namen wie diesen will man Talente aus ganz Europa nach Wien locken. Nun liege es an den Unternehmen, sie von einem Wechsel zu überzeugen. "Wir arbeiten sehr stark daran, den Unternehmen klar zu machen, dass Developer besondere Bedürfnisse haben. Wir sehen uns da als Sprachrohr der Community. Das geht aber nur langsam voran", sagt Ahmetovic. Die meisten Unternehmen würden zudem den Fehler begehen, die Suche nach IT-Mitarbeitern der Personalabteilung zu überlassen, die meist über kaum Fachwissen verfügt. "Die Verantwortlichen sollten zumindest ein Grundverständnis dafür haben, wie Technologien aufgebaut sind. Sonst redet man aneinander vorbei", sagt Ahmetovic. "Bei Firmen wie Bosch, VW oder BMW funktioniert das Recruiting deutlich besser, weil es dort von den IT-Abteilungen getrieben wird", erklärt Ruschin.

Dieses Verständnis fehle hierzulande allerdings oft: "In Österreich setzen sich nur sehr wenige Unternehmen mit der Zielgruppe auseinander. Bei einer Veranstaltung bei Microsoft kannten von 100 Anwesenden nur fünf Personen die Stack-Overflow-Studie. Das ist eine jener Studien, die am besten zeigt, was die Arbeitnehmer wollen", sagt Ruschin. Dass durch die Verschiebung der Personalsuche zur oftmals männlich dominierten IT-Abteilung das Problem fehlender Frauen in der IT-Branche verschärft wird, glaubt man nicht. 

Frauen sollen gefördert werden

"Personalabteilungen sind ja schon jetzt eher weiblich besetzt. Ich habe nicht den Eindruck, dass deswegen mehr Frauen in den Unternehmen sitzen", sagt Jacqueline Resch, Chief Commercial Officer bei WeAreDevelopers. Sie sieht eher die Rahmenbedingungen als jenen Punkt an, der die meisten Frauen von der IT abschrecken würde. "Auch die Jobbeschreibungen richten sich meist nicht an Frauen." Damit sich dieses Problem bei WeAreDevelopers nicht manifestiert, achtet man auf Vielfalt. "Bei WeAreDevelopers sind 60 Prozent unserer Mitarbeiter weiblich, wir haben 16, 17 Nationalitäten im Team", sagt Ruschin. Bei den Vortragenden kann man eine derartige Quote nicht vorweisen - die Frauenquote beträgt dort knapp 30 Prozent - doch das sei für eine Entwicklerkonferenz dennoch ein guter Wert. "Das ist doppelt so viel wie für diese Branche normal üblich ist", sagt Ahmetovic.

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Ergänzend dazu will man mit anderen Maßnahmen aushelfen. So gibt es einen Stiftung für mehr Vielfalt, die Tickets für Minderheiten finanziert. Zudem gibt es Kooperationen mit mehreren Initiativen, die gezielt Programmieren unter Frauen und Minderheiten fördern wollen, unter anderem Black Girls Code und Refugees Code.

"Wir wollen alte Rollenbilder aufbrechen", erklärt Resch. "In Osteuropa gehen bereits viele Frauen diesen Weg, in Österreich ist das noch verhaltener. 25 Prozent der IT-Stellen im CEE-Raum werden von Frauen besetzt, in Österreich sind es nur acht bis neun Prozent."

"Egal, ob ich Bachelor oder Master habe"

Das neu geschaffene Digitalministerium, das von der früheren A1-Chefin Margarete Schramböck geleitet wird, sehen alle als guten Schritt an. "Es gibt noch so vieles, das man machen kann, die IT-Lehrberufe dürfen nicht das Einzige sein", sagt Ahmetovic. Vor allem schnelle Ausbildungsmöglichkeiten, die rasch neue Entwickler für den heimischen Markt schaffen, würden fehlen. "In Zeiten von Udacity und anderen Anbietern ist es den meisten relativ egal, ob ich einen Bachelor oder Master habe", meint Ruschin. Zudem müsse man bereits bei der Schulbildung mehr Verständnis für IT-Berufe schaffen, sodass "Frauen nicht davon weggedrängt werden". Das Bildungsministerium habe aber für diese Anliegen wenig Verständnis gezeigt, so Ruschin.

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Er fordert stattdessen, dass man kurzfristig den Fachkräftemangel mit Talenten aus dem Ausland überbrückt: "Wir müssen alles tun, um es Arbeitgebern zu erleichtern, Mitarbeiter aus dem Ausland nach Österreich zu bringen." Der Prozess sei zu langwierig, manche Unternehmen müssten bis zu neun Monate auf eine Entscheidung warten. Laut Ahmetovic sei das Punktesystem, das hinter der Vergabe der Rot-Weiß-Rot-Card steht, veraltet.

Junge Entwickler, die sich das Programmieren selbst beigebracht haben, bleibt aufgrund fehlender Abschlüsse der Zugang zum heimischen Arbeitsmarkt verwehrt. "Diese Talente kommen nicht nach Österreich. Nicht weil sie es nicht wollen, sondern weil sie es nicht können." Er nennt als Beispiel den erst 19-jährigen KI-Forscher Erik Steinberger, der als großes Talent gefeiert wird: "Wenn das kein Österreicher wäre, würde er vermutlich keine Arbeitserlaubnis bei uns bekommen, weil er die formellen Kriterien nicht erfüllt."

"Parship für Developer"

Seit einigen Monaten ist WeAreDevelopers auch aktiv in der Jobvermittlung tätig. Über eine Online-Plattform können sich Entwickler und Unternehmen registrieren und angeben, wonach sie suchen. Ahmetovic nennt die Plattform ein "Parship für Developer", weil man den Entwicklern personalisiert Empfehlungen für neue Jobs gibt. "Wir sehen uns nicht als Headhunter oder Recruiter, sondern als Brückenschlag zwischen Developer und Unternehmen"

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Bei der Auswahl der Unternehmen sei WeAreDevelopers "sehr selektiv". Man achte darauf, dass Unternehmen nachhaltig arbeiten, gute Arbeitsbedingungen bieten und angemessen bezahlen. Viele Unternehmen habe man auch abgelehnt, weil diese die Kriterien nicht erfüllen konnten. "Das unterscheidet uns auch von anderen Plattformen, die alle reinlassen und diese Qualitätskriterien nicht haben", sagt Ruschin.

Klassische Job-Plattformen sieht man nicht als Konkurrenz an, weil diese nicht gezielt die Developer-Zielgruppe bedienen. "Die können gar nicht mit uns konkurrieren", meint Ruschin. "Deren Geschäftsmodell basiert auf Volumen, das werden die auch nicht ändern", sagt Ahmetovic.

Die erste Bilanz fällt gut aus, derzeit hat man eine "mittlere fünfstellige Zahl" an registrierten Nutzern. Das Interesse fällt sehr international aus, die registrierten Developer leben in 780 verschiedenen Städten weltweit. Die Zahl der Vermittlungen steige laufend, dauere aber, je nach Job, noch einige Wochen bis Monate. Das sei auch auf die oftmals langsamen Prozesse in großen Konzernen zurückzuführen. "Der Faktor Zeit ist besonders wichtig und da versuchen wir auch die Unternehmen zu unterstützen", erklärt Ahmetovic. Dass es auch schneller möglich ist, beweist WeAreDevelopers selbst: Ein Web Developer, der sich auf der Plattform registrierte, "drei Tage später hatte er bereits seinen ersten Arbeitstag".

Konferenz könnte verloren gehen

Zuletzt eröffnete WeAreDevelopers auch in Berlin ein Büro. Man sei dort "näher an den Unternehmen dran, die global agieren", erklärt Ahmetovic die Expansion. "Der Markt ist größer, entsprechend erwarten wir uns auch Umsätze dort, aber deswegen werden Österreich und die Schweiz nicht weniger wichtig, ganz im Gegenteil", beruhigt Resch und verweist auf die Rolle von Österreich als "Tor zum Osten". 

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Man wolle weiterhin den gesamten europäischen Markt bedienen, wobei man sich künftig auf den DACH-Raum (Deutschland, Österreich und die Schweiz) konzentrieren wird. "Der osteuropäische Markt ist für uns wichtig, weil es dort viele Talente gibt, die aus den verschiedensten Gründen nach Westeuropa kommen wollen", erklärt Ahmetovic.

Ob die WeAreDevelopers-Konferenz in den kommenden Jahren auch in Wien stattfinden wird, sei noch unklar. "Wir überlegen schon, wo wir in Zukunft hingehen", sagt Ruschin. "Es gibt viele Locations, wo sich mehr abspielt und es mehr Verständnis aus dem öffentlichen Bereich gibt als in Wien." Dementsprechend sehe man sich auch andere Locations in anderen Städten, beispielsweise Berlin, München, Barcelona, Lissabon oder Amsterdam, an. "Das ist eine Entscheidung, die wir in den nächsten Monaten treffen werden."

 

Die futurezone ist Medienpartner der WeAreDevelopers-Konferenz