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Games
08/30/2019

Spielen für den Klimaschutz

Die riesige Reichweite von Videospielen wird zunehmend genutzt, um über Nachhaltigkeit und den Klimawandel aufzuklären.

von Franziska Bechtold

Eine Gruppe Jugendlicher fängt gemeinsam Pokémons auf ihren Smartphones. Sie sind aber nicht nur zum Spielen gekommen. Pokémon Go-Entwickler Niantic trommelte im April 2018 in 19 Ländern der Welt eine Vielzahl an Spielern zusammen, um gemeinsam insgesamt 6500 Kilogramm Müll zu sammeln. Der Konzern ist nicht der einzige, der spielerisch das Bewusstsein junger Menschen für den Klimaschutz stärken will. Immerhin spielen weltweit etwa 2,5 Milliarden Menschen Videospiele. Die Studie „Playing for the Planet“ der norwegischen Umweltorganisation GRID-Arendal und UN Environment ermutigt Entwickler, ihren Einfluss für die Umwelt zu nutzen. 

Der Wille sei durchaus da, sagt Studien-Autorin Trista Patterson im Gespräch mit der futurezone. Die Industrie sei sehr kompetitiv und setze deshalb vor allem auf die Bindung der Spieler an die Marke und die Spielgemeinschaft. Und die Gemeinschaft hat eine gemeinsame Sorge: Klimaschutz. „Sie sind bereit, in diese Werte zu investieren. Spieleentwickler haben die Möglichkeit, immer wieder daran zu erinnern, was Spieler für das Klima tun können. Sie können über Nachrichten zum Energiesparen auffordern oder Umweltschutz-Events in der Nähe ankündigen“, sagt Patterson

Grüne Männchen

Spiele sind positiv besetzt, machen Spaß und belohnen die Spieler immer wieder. Diesen Ansatz verfolgt auch die Salzburger Firma Polycular. Sie entwickelt Lernspiele für Kinder und Apps für Erwachsenen. Mit ihrer Smartphone-App „City Caching Salzburg“ werden die Nutzer auf einer Schnitzeljagd mit nachhaltigen Orten Salzburgs, etwa veganen Restaurants, vertraut gemacht.

2017 veröffentlichte PolycularÖkogotchi“. Kinder kümmern sich um das kleine grüne Alien Torby. Es steht vor einer Vielzahl von Lebensentscheidungen: Soll es ein neues Handy kaufen? Fährt es über die Autobahn oder mit dem Bus? Das Spiel für Kinder zwischen 10 und 14 Jahren soll in Schulen oder Lerngruppen gespielt werden. Benötigt werden die kostenlose App und eine Begleitmappe, die auch kostenlos heruntergeladen werden kann.

Auf Augenhöhe

Mit Quizfragen und kleinen Aufgaben wird spielerisch vermittelt, welchen Einfluss persönliche Entscheidungen auf die Umwelt haben. „Nach dem Spielen stellen die Kinder sehr konkrete Fragen darüber, ob ihr Smartphone wirklich so schlecht ist und ob andere Kinder deshalb leiden müssen. Das Spiel ist simpel gehalten und kommt ohne erhobenen Zeigefinger aus“, erklärt Robert Praxmarer, Gründer von Polycular.

Mit dem Umsetzen komplexer Themen als Lernspiel begibt man sich auf Augenhöhe mit den Kindern und Jugendlichen. „Smartphones sind in ihrer Lebensrealität ein wichtiger Faktor, und mit Spielen holt man sie dort ab“, sagt Praxmarer.

Virtuell recyceln

Mit dem angesprochenen Elektroschrott trifft man einen wunden Punkt der Spieleindustrie. Die 50 Millionen Tonnen Elektroschrott, die jährlich weltweit produziert werden, sollen bis 2050 auf 120 Millionen Tonnen anwachsen. Darunter fallen auch eine Vielzahl an eigentlich funktionierenden Handys, Laptops und Konsolen. Deshalb setzt sich „Playing for the Planet“ auch dafür ein, dass Spielefirmen den Nutzern ins Bewusstsein rufen, sorgsam mit Geräten umzugehen.

Ein Wiener Entwicklerstudio möchte genau diese Inhalte umsetzen. In einem Smartphonespiel will „Rebuilders“ Recycling zum Konzept machen. Nach der Klimakatastrophe wappnen sich Spieler mit den Ressourcen, die sie auf der Erde noch vorfinden, gegen angreifende Roboter. Besonders nachhaltig konstruierte Stützpunkte und Fahrzeuge bringen ihnen einen Vorteil in dem Spiel. Das Verwerten von Elektroschrott wird so zur Spielmechanik, die intuitiv eingesetzt wird.

Klima-Spiele-Sammlung

Über solche Spiele stolpert man jedoch im Alltag nur zufällig. Die polnische Plattform Games4Sustainability schafft Abhilfe. Hier werden Videospiele gesammelt, die Inhalte aus den 17 Klimazielen der Vereinigten Nationen behandeln. Sucht man Spiele, die sich beispielsweise mit dem Klimawandel beschäftigen, findet sich eine breite Auswahl. Ein solches Spiel ist „World Rescue“. Mit einer von fünf Spielfiguren aus der ganzen Welt lernen Kinder, welche Auswirkungen Klimawandel, Luftverschmutzung und Trockenheit im eigenen Land auf den gesamten Globus haben.

Gerald Reitschmied ist Entwickler von „Rebuilders“. Das für 2020 geplante Handy-Spiel macht Klimaschutz zum Spielprinzip. Einnahmen sollen in Umweltschutz investiert und Gamer für ihren nachhaltigen Lebensstil belohnt werden.

futurezone: Wie balanciert man Massentauglichkeit und den guten Zweck?
Gerald Reitschmied: Gegenfrage: Wie balanciert man Massentauglichkeit überhaupt noch ohne guten Zweck? Wenn wir das Ruder herumreißen wollen, gibt es in unseren Augen zwei Herangehensweisen: Ich helfe einzelnen oder ich helfe allen. Wenn ich allen helfen will, braucht es Reichweite und Ressourcen. Deshalb liegt unser Fokus auf dem Massenmarkt.

Wie vermittelt man Spielern, ob sie beim Klimaschutz erfolgreich sind? 
Es ist schwer, hier eine simple Metrik einzuführen. „Sepp der Eisbär ist dank Dir nicht verhungert“ oder „Dein Nachhaltigkeitslevel ist fünf“ sind leider nicht realistisch messbar. Der Einfluss soll nicht nur direkt sichtbar sein. Wir wollen auch Optimismus und Aufbruchstimmung verbreiten. 

Wie werden Spieler für ihren Einsatz belohnt? 
Wenn Gamer im echten Leben ihre Urlaubsplanung mit dem Zug statt mit dem Flugzeug machen, wird das gesparte berechnet. Im Spiel bekommen sie dafür Belohnungen. Andere Aktionen, wie von uns geleistete Spenden für den Klimaschutz, Gesetzesnovellen, die durch die Spielegemeinschaft unterstützt wurden, und lokale Projekte wie Baumpflanz-Aktionen werden wir öffentlich kommunizieren. 

Wie nachhaltig arbeiten Sie eigentlich selbst? 
Unser Büro läuft auf Ökostrom. Das klingt so heuchlerisch wie es ist. Ich habe heuer eine Businessreise mit dem Flugzeug hinter mir, bei der es keine Alternative gab. Es muss sich etwas tun und alle müssen anpacken, aber zu erwarten, dass wir kollektiv perfekt handeln, ist nicht realistisch. Wir geben aber unser Bestes, und versuchen, ein Vorbild zu sein.