FRANCE-BASTILLE-DAY

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Meinung
09/26/2020

Es lebe die Revolution!

Wissenschaftliche Revolutionen werden oft missverstanden: Wenn wir etwas Neues entdecken, ist das Alte deshalb noch lange nicht falsch.

von Florian Aigner

„Auf die Wissenschaft ist kein Verlass, die ändert sich doch ständig!“ Dieses Argument hört man oft – besonders jetzt, wenn Experten über COVID-19 streiten. Wie tödlich ist das Virus nun wirklich? Und wie groß ist die Schutzwirkung von Masken? Die Antworten auf viele solche Fragen klingen heute anders als vor einem halben Jahr.

Das ist kein Wunder, denn Wissenschaft ist niemals etwas Endgültiges. Ständig lernen wir etwas Neues dazu. Und manchmal, das zeigt uns die Geschichte, kommt es dann zu echten wissenschaftlichen Revolutionen: Man hielt die Erde für den Mittelpunkt des Universums, doch dann stellte man fest, dass sie um die Sonne kreist. Man dachte, die Sonne sei das Zentrum, dann erkannte man, dass sie sich mitsamt all ihren Planeten um das Zentrum der Galaxie bewegt, die ihrerseits nur ein winziger Teil eines gewaltig großen Kosmos ist.

Warum sollen wir uns also auf den heutigen Stand der Wissenschaft verlassen? Wenn die Wissenschaft sagt, dass Viren krankmachen und Impfungen schützen – kann sich das nicht ebenso plötzlich ändern wie unsere Vorstellung vom Sternenhimmel? Ist Wissenschaft einfach immer nur der aktuell akzeptierte Irrtum, der bis zur nächsten wissenschaftlichen Revolution vorübergehend als wahr gilt? Nein, Keineswegs. Das ist ein Missverständnis, das auf einer falschen Vorstellung von wissenschaftlichen Revolutionen beruht. Die Wissenschaft hat einen stabilen Kern, der auch durch neue Erkenntnisse nicht zerstört wird.

Die Wissenschaft hat keine Guillotine

In der Politik ist eine Revolution etwas ziemlich Drastisches: Wenn der König durch die Guillotine ein blutiges Ende findet, dann wird seine Macht dadurch nicht bloß relativiert oder in ein neues Licht gerückt – sie ist vorbei. Völlig und unwiderruflich. Eine wissenschaftliche Revolution hingegen bedeutet nicht, dass unser altes Wissen jeden Wert verliert: Wenn die alte Theorie nützliche Ergebnisse geliefert hat, dann wird sie auch in Zukunft nützlich sein – selbst dann, wenn es inzwischen eine noch bessere, genauere, umfassendere Theorie gibt.

Die Theorie, dass die Sonne im Zentrum steht, hat sich beispielsweise als äußerst nützlich erwiesen, um Planetenbahnen zu berechnen. Und wenn wir heute eine Rakete zum Mars schicken, dann verwenden wir diese Theorie nach wie vor. Fremde Sterne und Galaxien können wir getrost ignorieren, wir berechnen die Raketenbewegung, als wäre die Sonne der Mittelpunkt des Universums. Das ist nicht exakt richtig, aber das macht nichts. Wir kommen damit zum richtigen Ergebnis, und darauf kommt es an. Die Theorie ist zwar nicht die endgültige Wahrheit, aber sie ist nicht falsch.

Sogar das geozentrische Weltbild ist nicht völlig verschwunden: Wir reden immer noch vom „Sonnenaufgang“ und von der „Bahn der Sonne über den Himmel“, als wäre sie es, die sich bewegt. Astronomisch gesehen ist das Unsinn – aber für manche Situationen ist es nützlich und sinnvoll. Wenn ich im Garten stehe und überlege, wohin der Baum in drei Stunden seinen Schatten werfen wird, dann denke ich nicht über die Eigenrotation der Erde nach, sondern ich stelle mir die Sonne als bewegliches Licht vor, das bei mir zu Hause, auf der Nordhalbkugel der Erde, tagsüber von links nach rechts über den Himmel wandert.

Nicht auf der Müllhalde

Das zeigt uns: Wenn neues Wissen entsteht, landet das alte nicht auf der Müllhalde. Eine gute erprobte Theorie, die nützliche Fakten geliefert hat, wird auch in Zukunft nützliche Fakten liefern können. Das gilt auch für die Theorien, auf die wir heute vertrauen.

Kleine Details ändern sich laufend. Messergebnisse können sich als falsch herausstellen, wissenschaftliche Meinungen können sich durch neue Daten ändern. Sicher werden wir in hundert Jahren viel mehr über Viren wissen. Vielleicht gibt es dann keine Impfungen mehr, weil wir etwas Besseres entdeckt haben. Trotzdem wird unser heutiges Wissen dann nicht als lächerlicher Unsinn gelten. Auf die wesentlichen Grundgedanken der Wissenschaft, die sich in unzähligen Tests als nützlich erwiesen haben, können wir uns verlassen. In diesem Sinn ist gute Wissenschaft unwiderlegbar.

Mehr über die Verlässlichkeit der Wissenschaft erzählt Florian Aigners in seinem neuen Buch: „Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl“, Brandstätter Verlag.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen

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