Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Deutschland

Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Deutschland

© REUTERS / CHRISTIAN MANG

Meinung
09/12/2020

Zwischen falsch und durchgeknallt

Sollen wir im Umgang mit Verschwörungstheorien den Dialog suchen oder scharfe Worte finden? Beides.

von Florian Aigner

Höflichkeit ist grundsätzlich eine gute Erfindung. Wer andere Leute als Idioten beschimpft, wird sie eher nicht als neue Freunde gewinnen. Aber wie weit soll Höflichkeit reichen? Müssen wir auch im Umgang mit Verschwörungstheorien nett und freundlich bleiben? Dürfen wir es „dumm“ nennen, an offensichtliche Lügen zu glauben?

Die Corona-Demos der vergangenen Wochen zeigen uns, wie ernst das Problem ist: Schneller als je zuvor verbreiten sich Behauptungen, die mit der Wahrheit nichts zu tun haben. Coronaviren sind nur ein Vorwand, um uns mit gefährlichen Mikrochips zu impfen, sagen die einen. Die Regierung wird uns Beruhigungsmittel ins Wasser mischen, unsere Kinder stehlen oder uns mit 5G-Handynetzen in den Tod treiben, sagen die anderen. Manche Leute haben sich so tief im Gestrüpp solcher Schauergeschichten verfangen, dass man sie mit logischen Argumenten gar nicht mehr erreichen kann.

Aber natürlich sind nicht alle Leute, die Kritik an der aktuellen Corona-Politik üben, faktenverbiegende Virenleugner mit Aluhut am Kopf. Es wäre völlig verkehrt, sie pauschal als dumm zu beschimpfen. Man kann der Meinung sein, dass bestimmte Corona-Vorschriften sinnlos oder übertrieben sind und sinnvolle, rationale Argumente dafür haben. Man kann mit den Maßnahmen der Regierung unzufrieden sein, weil man wirtschaftlich besonders schwer getroffen wurde und sich nun im Stich gelassen fühlt. Man kann sogar Dinge behaupten, die wissenschaftlich gesehen falsch sind, sich aber trotzdem bemühen, logisch und rational zu diskutieren. Das muss erlaubt sein. Falsch zu liegen ist keine Schande.

"Covidioten"

Solche Leute, mit denen sich vernünftig diskutieren lässt, vergrämt man natürlich, wenn man herablassend und verallgemeinernd von „Covidioten“ spricht. Wenn wir gemeinsam Probleme lösen wollen, sollten wir andere nicht einfach für blöd erklären. Wir müssen diplomatisch bleiben.

Doch irgendwo hat Diplomatie ihre Grenzen. Wenn uns jemand erzählt, die Erde sei eine Scheibe, dann sollten wir nicht antworten: „Angesichts aller mir derzeit vorliegenden Fakten habe ich den Eindruck, dass die These von der flachen Erde nicht uneingeschränkt als haltbar betrachtet werden kann.“ Nein – Flacherdler zu sein ist dumm, unsinnig und irrational.

Bei Corona-Demonstrationen ist es ähnlich: Mit allen Leuten, die zu rationalen Diskussionen bereit sind, müssen wir reden, freundlich und konstruktiv. Und wir sollten uns bemühen, unsere Toleranzgrenzen so großzügig wie möglich anzusetzen. Aber irgendwo müssen wir eine rote Linie ziehen, zwischen bloß falsch und völlig durchgeknallt. Manche Aussagen sind keine akzeptablen Meinungen, sondern einfach gefährliche Irrtümer.

Wenn jemand den Bezug zur Wahrheit endgültig verloren hat, jede Logik über Bord wirft und Lügengeschichten verbreitet, die keine Grundlage für vernünftige Diskussion mehr bieten, dann muss man das auch in scharfen Worten kritisieren. Das wirkt vielleicht unhöflich oder gar aggressiv, aber manchmal ist es nötig. Richtigen Blödsinn muss man als richtigen Blödsinn bezeichnen.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen

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