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Meinung
08/30/2020

Dagegen sein ist nicht genug

Nur weil etwas Nachteile hat, muss man es noch lange nicht ablehnen. Diskussionen über technisches Risiko sind oft komplizierter als wir glauben.

von Florian Aigner

Wir Menschen sind seltsam. Wir handeln irrational und gefährden uns dadurch selbst. Das zeigte sich besonders eindrucksvoll nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center 2001. Damals ging die Zahl der Flugpassagiere zurück, weil sich viele Amerikaner vor weiteren Anschlägen fürchteten. Sie fuhren stattdessen mit dem Auto, was zu mehr Verkehr und somit auch zu einer höheren Zahl von Verkehrstoten führte. Wie der Psychologe Gerd Gigerenzer nachrechnete, starben dadurch mehr Leute als in den Unglücksflugzeugen vom 11. September gesessen waren.

Diese Leute hatten vollkommen korrekt erkannt, dass Fliegen einen Nachteil hat: Man geht dabei das Risiko ein, abzustürzen und in einem glühenden Feuerball zu enden. Ihr Irrtum lag bloß darin, dass sie die Alternative – in diesem Fall das Autofahren – für weniger gefährlich hielten. Nur weil man irgendwo einen Nachteil entdeckt hat, heißt das noch lange nicht, dass die Alternative besser ist.

Umweltschutz ist kompliziert

Leider begehen wir alle diesen Fehler ziemlich häufig – auch in wichtigen politischen Fragen: Wir lesen einen Zeitungsartikel über die Nachteile von Glyphosat und sind überzeugt: Dieses Teufelszeug muss verboten werden! Dass dann vielleicht andere Unkrautvernichtungsmittel verwendet werden, die noch deutlich größere Probleme verursachen, bedenken wir dabei kaum.

Wir lesen über die Reaktorkatastrophe von Chernobyl und fordern ein Ende der Kernenergie. Das ist sinnvoll, wenn wir auf modernere, klügere Methoden der Stromerzeugung umsteigen. Es ist weniger sinnvoll, wenn wir stattdessen uralte Kohlekraftwerke weiterlaufen lassen, die einerseits durch Luftverschmutzung Menschen töten (und zwar nicht nur bei einem Unfall, sondern permanent) und andererseits auch noch dem Klima furchtbaren Schaden zufügen.

Nicht gegen etwas, sondern für etwas

Der entscheidende Punkt ist also: Wir können eine Technologie nur dann sinnvoll beurteilen, wenn wir auch darüber reden, was die Alternativen sind. Es ist leicht, an allem herumzunörgeln – an Windrädern, weil sie hässlich aussehen, an Photovoltaik, weil sie seltene Erden enthalten, an Wasserkraftwerken, weil sie das Ökosystem des Flusses durcheinanderbringen. Wir haben uns angewöhnt, Technik kritisch zu hinterfragen, und das ist gut so. Aber man sollte niemals gegen etwas sein, nur weil es Nachteile hat. Das ist kein Grund, denn alles hat Nachteile. Wir sollten nur gegen etwas sein, weil es eine bessere Alternative gibt – und diese bessere Alternative sollten wir dann einfordern.

Das heißt natürlich nicht, dass man eine Technologie großartig finden muss, nur weil sie das kleinere Übel ist. Es ist wichtig, auch weiterhin auf die Nachteile hinzuweisen und angestrengt an neuen, weniger gefährlichen Technologien zu arbeiten. Aber so lange wir keine perfekte Lösung haben sollten wir die beste Alternative wählen – auch wenn sie Nachteile hat.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen

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