Meinung
08.11.2014

Kauflos bei eBay

Es gibt Dinge, die muß man nur sehen, nicht haben. Im Netz kann man eine kleine Wissenschaft daraus machen.

Man kann bei eBay wunderbare Dinge bekommen, die nichts kosten. Es ist ein eigenartiger Luxus, ähnlich wie wenn man ohne die Absicht, etwas zu kaufen durch ein Großkaufhaus flaniert. Der fortwährende, zufallsbemischte Strom an Dingen läßt sich mit Suchwerkzeugen in feine Strömungen zerteilen. Ich betreibe damit zum Beispiel gelegentlich Heimatkunde.

Immer wieder stoße ich auf hochinteressante Dinge, die ich noch nicht kannte - und es genügt mir, sie zu sehen. Sie haben damit ihren Zweck erfüllt. Ich muß sie nicht haben. Eine Postkarte aus der Kaiserzeit, auf der eine Brücke in meiner Geburtsstadt Graz zu sehen ist, von der ich noch nie gehört hatte. Der Kofferaufkleber eines alten Hotels. Ein Souvenir vom Semmering aus den Zwanzigerjahren, als dort noch die großen Bergrennen stattfanden. Puzzleteile eines Puzzles, das nie auch nur annhähernd vollständig sein wird, aus dessen verstreuten, einzelnen Teilen man aber trotzdem so etwas wie ein Bild sichtbar machen kann. Man kann es auch mit dem Spiel vergleichen, bei dem verstreute Punkte durch Linien miteinander verbunden werden müssen, wobei nach und nach die Umrisse einer Darstellung sichtbar werden.

eBay bringt das Unterbewußsein der Geschichte nach oben. Bruchstücke, Nippes, verstreute Objekte - gelebte Dinge, die Dank dieser vernetzten Datensortiereinrichtung nicht mehr im Treibsand der Zeit versinken. Sie werden fotografiert, beschrieben und diesem riesigen, dynamischen Sammelalbum hinzugefügt. Es ist eine Art des Zugangs zur Vergangenheit, wie ihn mir keine Schule vermittelt hat. Auch die geordneten Sammlungen von Museen sind etwas anderes.

"Echolot"

Es ist eher wie im „Echolot”, dem Jahrhundertwerk des Schriftstellers Walter Kempowski - eine gewaltige, vielstimmige Sinfonie der Erinnerungen. Aus Kleinkram, Briefen, Tagebüchern, Zeitungsschnipseln, Stundenplänen spannt sich auch dort ein weitreichendes Netz auf und läßt Historie stückweise so nahe herankommen, dass man sie förmlich berühren kann.

Eigentlich vorgesehen ist eine Auktionsplattform ja als Umschlagplatz einer modernen, nachhaltigen Ökonomie. Millionen Dinge vergammeln nun nicht mehr in Kellern und Garagen, sondern werden wieder dem Wirtschaftskreislauf zugeführt oder erfreuen Sammlerherzen. Im Gegensatz zum unberechenbaren Jagdglück auf Flohmärkten kann man in der riesigen, fließenden Datenbank zwar zielgerichtet auf die Objektpirsch gehen. Der Zufall spielt aber immer noch eine bedeutende Rolle. Wer findet wann was auf welchem Dachboden und stellt es bei eBay ein? Wer schaut wann wonach? Die angebotenen Dinge haben eine Halbwertszeit entlang der Auktionsdauer, Dinge verschwinden, andere tauchen auf. Sie ergeben ein Webmuster, das sich ständig verändert.

"Eigensinn"

Neulich habe ich einem Kulturwissenschaftler gezeigt, was ich da betreibe - und ich bin zweifellos nicht der einzige, der in die Ozeane aus Online-Objekten taucht, nicht um etwas zu erwerben, sondern um etwas zu erfahren. „Eigensinn” nennen das die Nachfolgedisziplinen der vormals Volkskunde. Ich zeigte das Auktionsfoto einer alten Postkarte vom Südbahnhotel am Semmering.

In den Zwanzigerjahren war der Semmering das Nizza der Alpen. Josephine Baker fuhr Schlitten, Heinz Rühmann feierte seine Hochzeitsnacht im Grandhotel Panhans. Nebenan, in einem großen Haus aus geschnitztem Holz, der heutigen Villa Sophie, war einer meiner Ururgroßväter als Hausmeister tätig. Die Villa gehörte der Kaiserin Elisabeth und immer, wenn es hieß: die Kaiserin kommt!, machte der Ururgroßvater sich auf den Weg durch den Park und legte Kissen auf die Parkbänke.

Eine kleine Reise, angestoßen von einer Postkarte. Dann finde ich den alten Prospekt einer Reifenfirma, mit den Autorennen um den Semmeringbergkönig, und weiter geht’s. Das ist die Art zu reisen, die jeder kennt, der online unterwegs ist. Man fährt und hat dann was erfahren.