Meinung
24.12.2016

Raketen statt Rentiere

Die erste Tragödie der Raumfahrt ist eng mit der technologischen Fortentwicklung des Weihnachtsmanns verbunden.

Dass Mythen zu technischer Realität werden können, stellen nicht nur moderne Märchen wie Star Trek unter Beweis, das Einfluss auf eine ganze Generation von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern ausgeübt hat – vom Star Trek-Kommunikator zu Mobiltelefonen inspiriert, dem Universaltranslator mit lernenden Internet-Übersetzungsdiensten wie Google Translate nähergekommen, und auch dass der blinde Enterprise-Ingenieur Geordi LaForge durch die Hightech-Hilfe seiner Jalousiebrille wieder sehen kann, ist keine Science Fiction mehr: Im Sommer 2015 implantierten Chirurgen im britischen Manchester einem erblindeten Patienten zum ersten Mal Bionic Eyes, ein Retina-Implantat, das ähnlich wie Geordis Brille funktioniert.

Ganz hoch hinaus

1930 wurde in Berlin-Tegel von dem Feuerwerksfabrikanten Rudolf Nebel der erste Raketenflugplatz der Welt gegründet. Betrieben wurde er von den Mitgliedern des privaten „Vereins für Raumschiffahrt", unter ihnen der Gymnasialprofessor Hermann Oberth, der 1923 seine Dissertation Die Rakete zu den Planetenräumen erfolgreich als Buch veröffentlicht hatte.

Die Vorstellung, die Erde mit Flugkörpern zu verlassen, um in den Weltraum einzutauchen, war nicht neu. 1865 hatte Jules Verne sie in seinem Roman Von der Erde zum Mond mit wissenschaftlicher Ausführlichkeit ausführlich dargelegt. Bereits um 170 nach Christus hatte der griechische Satiriker Lukian von Samosata in seinen „Wahren Geschichten“ von einem Abenteuer berichtet, bei dem er mit Freunden von einem Wirbelsturm auf den Mond geweht wurde, und später noch in Ikaromenippus oder Die Luftreise von einer Mondfahrt, nach der es noch weiter ging zur Sonne.

Neu an dem Buch von Hermann Oberth war, dass es nicht im Fantastischen verblieb, sondern erstmals die physikalischen und mathematischen Grundlagen für den Versuch lieferte, das Erdschwerefeld zu verlassen. Damit war der Bau einer Rakete und der nötigen Antriebstechnik zu einer konkreten Herausforderung geworden. Für einige technikbegeisterte junge Männer wurde das Buch zur schicksalhaften Herausforderung. Einer von ihnen hieß Wernher von Braun. Ein anderer Max Valier.

Mit der Rakete unter den Rock

Der damals 20-jährige Student Wernher von Braun, Sohn des ehemaligen Reichsernährungsministers, hatte bereits als Junge einen Polizeieinsatz ausgelöst, nachdem ein Spielzeugauto, auf dem er eine Feuerwerksrakete befestigt hatte, durch den Berliner Tiergarten und in die Röcke einer spazierengehenden Dame gerast war. Der junge Südtiroler Astronom und Autor Max Valier war gleichfalls schwer angetan von Oberths Buch. Er verfasste dazu eine allgemeinverständliche Ausführung zu den Problemen der Weltraumfahrt, die sich erfolgreich verkaufte.

1929 war Frau im Mond von Ufa-Regisseur Fritz Lang der Hit der Kinosaison. Ein deutsches Raumschiff flog darin zu dem Erdtrabanten. Zu den Besuchern, die das Lichtspiel mit leuchtenden Augen sahen, gehörten die Mitglieder des Vereins für Raumschiffahrt, mit Valier, der inzwischen dazu übergegangen war, alles, was fahrbar war, mit einem Raketenantrieb zu versehen. Er hatte den Autobauer Fritz von Opel als Unterstützer gefunden, der einen Sinn für werbewirksame Ideen hatte und einen speziellen Raketenwagen konstruieren ließ, Opel RAK I, dessen Nachfolger RAK II spektakuläre 236 Stundenkilometer erreichte.

Die Raketenschlitten

Anfang 1929 baute Max Valier mit Hilfe neuer Förderer raketenbetriebene Kufenfahrzeuge. Wozu sollte ein Schlitten in Zeiten von Technik und Geschwindigkeit noch Zugtiere haben? Bei einer Fahrt auf dem zugefrorenen Starnberger See am 9. Februar 1929 erreichte ein von ihm umgebauter Schlitten mehr als 400 Stundenkilometer. Die unbemannte Fahrt endete an einem Bootssteg, der Raketenschlitten wurde zerstört. Hätte Valier sich direkt mit dem Weihnachtsmann zusammengetan, der jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit herkömmlichen Hochgeschwindigkeitsschlitten hat, wäre die Katastrophe wohl ausgeblieben.

Im folgenden Jahr bekam Valier ein Labor in einem Berliner Flüssigsauerstoffwerk, wo er Versuche mit Flüssigtreibstoffen durchführte und die Grundlagen für die heutige Raketenantriebstechnik legte. Am 17. Mai 1930 wurde Max Valier bei einer Explosion in dem Labor tödlich verletzt. Er war das erste Todesopfer der Raumfahrt.