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Meinung
04/26/2020

Warum wir näher an Trumps Frisör sind, als wir denken

Vielleicht ist das Entscheidende an uns Menschen nicht, dass wir das intelligenteste Lebewesen der Erde sind, sondern dass wir das sozialste sind?

Es war ein merkwürdiges Experiment, das der Psychologe Stanley Milgram im Jahr 1967 durchführte: Er verteilte Pakete an zufällig ausgewählte Personen in den USA, mit der Bitte, sie einer ganz bestimmten Person in Boston zukommen zu lassen – allerdings nicht direkt, sondern unter Einhaltung einer wichtigen Regel: Das Paket darf nur an Leute weitergeschickt werden, die man persönlich kennt. Und die sollen es wieder an Bekannte weiterschicken – bis am Ende die Zielperson erreicht ist.

Erstaunlicherweise kamen ziemlich viele dieser Pakete an, meistens waren nicht mehr als drei bis sechs Zwischenschritte nötig. Das zeigt, wie eng vernetzt wir sind. Menschen an völlig unterschiedlichen Orten, die fast gar nichts gemeinsam haben, sind durch eine ziemlich kurze Kette persönlicher Bekanntschaften miteinander verbunden – das ist das sogenannte „Kleine-Welt-Phänomen“. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie jemanden kennen, der jemanden kennt, dessen Bekannter einen Bekannten von Donald Trumps Frisör kennt.

Vernetzt, von Facebook bis zu den Genen

Facebook hat im Jahr 2016 berechnet, wie viele Zwischenschritte man durchschnittlich benötigt, um über Facebook-Freundschaften von einem zufällig ausgewählten Facebook-User zu einem anderen zu gelangen. Es sind 3,57.

Aus Mathematik-Kreisen kennt man eine ähnliche Spielerei: Man definiert für jede Person, die jemals eine wissenschaftliche Publikation verfasst hat, eine sogenannte „Erdös-Zahl“.  Wer irgendwann gemeinsam mit dem ungarischen Mathematiker Paul Erdös publiziert hat, bekommt Erdös-Zahl 1. Wer mit einer dieser Personen eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben hat, bekommt Erdös-Zahl 2, und so weiter. Die meisten Naturwissenschaftler haben eine Erdös-Zahl von weniger als 10 – und das, obwohl Paul Erdös längst tot ist und niemand mehr mit ihm persönlich zusammenarbeiten kann. Auch die Welt der Wissenschaft ist ziemlich eng verwoben.

Sogar in unseren Genen zeigt sich dieses Phänomen: Wir alle sind erstaunlich eng verwandt. Wir müssen nur wenige hundert Generationen zurückgehen, um auf eine Person zu stoßen, die Vorfahre aller heute lebenden Menschen ist. Simulationsrechnungen zeigen, dass sich die Menschheit immer schon stark durchmischt hat. Das ist keine Erfindung des Internetzeitalters.

Bei anderen Lebewesen ist das anders: Bonobos leben in relativ kleinen Gruppen, in denen jedes Tier jedes andere kennt – das ist kein weitverzweigtes Netz. Es gibt keine weltweite Gemeinschaft der Schimpansen und keinen globalen Austausch zwischen unterschiedlichen Feldhasenpopulationen. Das, was uns Menschen wirklich ausmacht – von der Erfindung der Stadt über Kunst und Kultur bis zur modernen Wissenschaft – beruht darauf, dass wir in einem riesengroßen sozialen Netz zusammenleben, von dem jeder nur einen winzigen Teil überblickt. Das scheint in unserer Natur zu liegen.

Wir grenzen uns gerne aufgrund unserer Intelligenz von den Tieren ab. Aber vielleicht sollten wir eher unser weitverzweigtes soziales Netz als definierende Eigenschaft unserer Spezies betrachten? Wäre „Homo Globalis“ treffender als „Homo Sapiens“?

Was heißt hier Social Distancing?

In der Pandemie sehen wir die negativen Seiten genau dieser Vernetztheit: Sehr leicht passiert es, dass man jemandem die Hand schüttelt, der von jemandem angehustet wurde, der über ganz wenige weitere Schritte mit dem ersten COVID-19-Patienten in Wuhan in Verbindung steht.

Aber dieselbe Vernetztheit wird uns jetzt auch nützen: Im Gegensatz zu Schimpansen oder Feldhasen können wir Menschen dadurch nämlich Lösungen finden, die all unseren Artgenossen auf dem ganzen Planeten zugutekommen.

In einer Phase, in der Abschottung etwas Lebensrettendes ist, dürfen wir nicht vergessen: Die Vernetztheit der Menschheit ist etwas Wunderschönes. Sie wird bleiben. Selbst wenn wir wollten könnten wir sie nicht loswerden. Sie gehört zu uns wie die scharfen Zähne zum Tiger oder der langen Hals zur Giraffe. Wir sollten stolz darauf sein.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen

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