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Meinung
06/10/2019

Wissenschaft kann man nicht verklagen

Ein deutscher Homöopathie-Hersteller versucht, durch Abmahnungen Homöopathie-Kritiker zum Schweigen zu bringen.

Homöopathie wirkt. Davon war Natalie Grams überzeugt. Seit Jahren arbeitete sie als homöopathische Ärztin und behandelte allerlei Krankheiten mit zuckersüßen Globuli. Die Patienten waren zufrieden, der Erfolg schien ihr Recht zu geben. Doch bauchgefühlte Erfahrung ist kein Beweis. Wer homöopathische Globuli schluckt und dann gesund wird, kann nicht wissen, ob er nicht ohne Globuli genauso gesund geworden wäre.

Daher begann Natalie Grams, die Sache genauer zu untersuchen. Ihr Plan war, ein Buch zu schreiben, mit soliden Beweisen für die Wirksamkeit der Homöopathie. Sie sammelte wissenschaftliche Publikationen, analysierte Studien und trug Daten zusammen. Vom Ergebnis war sie allerdings schockiert. Je tiefer sie sich mit der Faktenlage beschäftigte, umso klarer wurde ihr: Die homöopathischen Hochpotenzen, die auch sie jahrelang verschrieben hatte, wirken nicht – zumindest nicht besser als ein Placebo.

Was als Beweisbuch für die Homöopathie geplant gewesen war, wurde zum Homöopathie-Widerlegungsbuch. Natalie Grams schloss ihre Homöopathie-Praxis, sie engagiert sich seither für Homöopathie-Aufklärung und wissenschaftsbasierte Medizin.

Die Wissenschaft wird abgemahnt

Mit dieser Art von Engagement soll nun aber Schluss sein, wenn es nach dem deutschen Arzneimittelhersteller Hevert geht, der Geld mit homöopathischen Präparaten verdient: Natalie Grams bekam, wie einige andere prominente Homöopathie-Kritiker, eine Abmahnung zugeschickt. Sie soll ab sofort die Behauptung unterlassen, dass Homöopathie nicht über den Placeboeffekt hinaus wirksam sei. Im Falle des Zuwiderhandelns soll eine Strafe in der Höhe von 5100 Euro fällig werden.

Das ist alarmierend. Wissenschaftliche Fakten können nicht per Anwaltsbrief geklärt oder vor Gericht ausverhandelt werden. Sie sind wie sie sind – ob sie uns, einer Firma oder einer politischen Partei passen oder nicht, spielt keine Rolle. Wer die Wahrheit geschäftsschädigend findet, sollte lieber an sich selbst arbeiten, statt über rechtliche Schritte nachzudenken.

Rückfall der Gesellschaftsordnung

Mit derselben Logik könnten Autofirmen Berichte über klimaschädliche Auto-Emissionen unterdrücken, Fast-Food-Hersteller könnten kritische Ernährungswissenschaftler abmahnen und Tabak-Konzerne könnten Lungenfachärzte zum Schweigen bringen. Das wäre ein Rückfall in eine voraufklärerische Gesellschaftsordnung.

Natalie Grams kündigte bereits an, die Unterlassungserklärung der Firma Hevert nicht zu unterschreiben. Ob die Firma tatsächlich vor Gericht zieht und einen Prozess riskiert, der zum gewaltigen PR-Desaster für die Homöopathie werden könnte, wird sich zeigen.

Für alle wissenschaftlich-rational denkenden Menschen ist diese Geschichte jedenfalls ein Warnsignal. In einer Zeit der alternativen Fakten brauchen wir mehr Wissenschaft in der öffentlichen Diskussion, nicht weniger. Was wahr ist, muss man sagen dürfen – egal, wem es passt oder nicht. Wir dürfen die Wissenschaft und ihre Ergebnisse nicht zurückdrängen lassen. Nicht von der Politik, nicht von Wirtschaftsunternehmen und nicht von Anwaltsbriefen.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.