Netzpolitik
25.10.2014

Big Brother Award an Uni Salzburg, LG und Facebook

Neben der EU-Kommission und Bildungsministerin Heinisch-Hosek wurden auch die Uni Salzburg, LG, Facebook und ELGA mit dem Datenschutz-Negativ-Preis ausgezeichnet.

Am 25. Oktober wurden traditionell die "Big Brother Awards" – die Preise, die niemand haben will - im Wiener Rabenhof-Theater verliehen. Die Datenschutz-Negativauszeichnungen gibt es auch dieses Jahr in insgesamt fünf Kategorien. Das Motto dieses Jahres lautete: „Keine Macht den Spionen“. Spione können heutzutage vieles sein, und spioniert wird mittlerweile besonders viel, wie die Nominierungsliste der Big Brother Awards mit Kandidaten, die sich im Feld der Überwachung, Kontrolle und Bevormundung der Bürger „besonders verdient gemacht“ haben, zeigt.

Die Gewinner der Big Brother Awards

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eCall automatisches Notrufsystem Sticker auf Auto-Motorhaube.

Heinisch-Hosek

Facebook

universität salzburg…

LG logo optimus G smartphone

THEMENBILD: ELGA / ELEKTRONISCHE GESUNDHEITSAKTE

GERMANY USA TTIP PROTEST

eCall

So wurde die EU-Kommission in der Kategorie „Politik“ für die Einführung des europaweiten Autoüberwachungssystem eCall ausgezeichnet. Dabei setzt ein Auto nach einem Unfall selbst einen Notruf ab. Ziel ist es, Verletzte schneller am Unfallort versorgen zu können. Wenn das System nicht manuell ausgelöst wird, reagiert es beispielsweise auf das Auslösen der Airbags und sendet auf Basis der EU-weiten Notrufnummer 112 Ort und Zeit des Unglücks an die nächste zuständige Dienststelle. Eine manuelle Deaktivierung des eCall ist im System aber nicht vorgesehen und Datenschützer befürchten, dass auch Versicherungen an dem System interessiert sein könnten. „Noch bevor das erste Gerät montiert wird, entwickeln behördliche Überwacher und die Glücksritter des digitalen Zeitalters mit feuchten Augen Zusatznutzen für diesen ungeahnte Datenquelle digitaler Überwachung“, so die Begründung der Jury. Damit setzte sich die EU-Kommission gegen Justizminister Wolfgang Brandstetter sowie Innenministerin Johanna Mikl-Leitner durch.

BIFIE-Skandal

In der Kategorie „Behörden und Verwaltung“ gewann allerdings dann doch noch eine österreichische Ministerin, und zwar Gabriele Heinisch-Hosek, zuständig für Bildung. Ausgezeichnet wurde sie für die BIFIE-Standardtests bei denen, Schüler mit sehr persönlichen Fragen über ihre Eltern, die Verhältnisse zu Hause und ihre Herkunft konfrontiert werden. Neben dem Beziehungsstand der Eltern werden auch Informationen über deren Schulbildung und die Anzahl der Kinobesuche erhoben. „Kinder sollten nicht angestiftet und gezwungen werden, Daten über das Elternhaus preiszugeben“, so die Jurybegründung.

Facebook-Experiment

In der Kategorie „Weltweiter Datenhunger“ kämpften Facebook, Google und Mozilla um den Sieg. Gewonnen hat am Ende Facebook – und zwar nicht wegen dem, was sich vielleicht jeder erwarten würde. Dass jeder, der bei Facebook mitspielt, auf seine Privatsphäre verzichtet, dürfte nämlich bereits hinlänglich bekannt sein. Facebook bekam die Auszeichnung aber dafür, dass die User als Versuchskaninchen herhalten mussten, in dem der Nachrichten-Stream manipuliert wurde. Die Postings der Facebook-Nutzer wurden analysiert und bewertet, um die Emotionen der Mitglieder abzuchecken.

Gmail für Studierende

In der Kategorie „Business und Finanzen“ konnte sich die Uni Salzburg gegen den E-Control-Vorstand sowie den Verein für Antipiraterie (VAP) durchsetzen. Die Story, die dahinter steckt, wurde ursprünglich von der futurezone aufgedeckt: Die Uni Salzburg hat ihr E-Mail-System im Dezember 2010 für ihre rund 18.000 Studierenden aus Kostengründen auf „Google Apps for Education“ umgestellt. Prüfungsergebnisse werden ins PlusOnline-System eingetragen und an die Google-E-Mail-Adresse verschickt. Bis vor kurzem wurden die E-Mails der Studierenden von Google zudem gescannt und indiziert, obwohl die Uni damit „geworben“ hatte, dass Google die Daten der Studierenden nicht analysieren würde. „Aus technischen Gründen“ konnte Google diese Scans für Studierende nicht abdrehen. Nach massiven, weltweiten Protesten war es auf einmal doch möglich.

Spionierende Smart-TVs

In der Kategorie „Kommunikation und Marketing“ traf es mit LG Electronics einen Technik-Konzern. Sicherheitsforscher haben bei mehreren Smart-TVs festgestellt, dass die Geräte das Fernsehverhalten ihrer Nutzer ausspionieren. Einer dieser Hersteller war LG. Die Namen von Dateien auf angeschlossenen USB-Sticks und Festplatten wurden ebenso nach Hause gesendet wie die von Kameras oder Smartphones –und zwar auch dann, wenn die dazugehörige Privatsphäre-Einstellung deaktiviert wurde. Wer nicht zustimmt, muss auf alle smarten Funktionen verzichten. „Viele Firmen rechtfertigten das Ausspionieren ihrer Kunden mit der kostenlosen Internet-Kultur, bei der der User mit seinen Daten bezahlt. Wie rechtfertigt LG diese Datensammelwut, obwohl der Fernseher teuer bezahlt wurde?“, fragen sich die Juroren.

Gläserne Patienten

Als „Lebenslanges Ärgernis“ wurde dieses Jahr die Elektronische Gesundheitsakte ELGA ausgezeichnet und zwar „weil das Gesundheitsthema die Big Brother Awards seit ihrem Bestehen begleitet und es immer wieder Nominierungen gibt“. Bereits im Jahr 1999 wurde der Wiener Krankenanstalten Verbund nominiert, im Jahr 2004 stand die unzulässige Datenweitergabe der Wiener Amtsärzte im Visier, im Jahr 2007 war der damalige Programm-Manager der ARGE ELGA nominiert. "Das Volk" wählte dieses Jahr die Geheimverhandlungen rund um die Handelsabkommen TTIP und CETA, die in der Kategorie "Volkswahl".

Als Ehrengast bei der Gala war dieses Jahr der Sicherheitsforscher und Krypto-SpezialistMicah Lee zu Gast. Er half Glenn Greenwald bei der Verschlüsselung zur sicheren Kommunikation mit dem Whistleblower Edward Snowden und ist jetzt auch beim Online-MagazinThe Interceptfür derartige Belange zuständig. Zudem ist Lee CTO bei „Freedom of the Press“.