© Wirtschaftskammer Wien/Mikes

Netzpolitik
02/08/2019

Blinde Flecken bei LKW-Fahrern: Technik allein hilft nicht

Im vergangenen Jahr sind 14 Fußgänger und Radfahrer bei Unfällen mit LKW-Beteiligung gestorben. Lösungen gibt es, die Umsetzung fehlt.

von Markus Keßler

In Wien wurde am 31. Jänner ein 9-jähriges Kind auf dem Schulweg von einem LKW überfahren. Das hat - nicht zum ersten Mal - eine Debatte über tote Winkel und Fahrassistenzsysteme für LKW-Fahrer ausgelöst. Eine an Verkehrsminister Norbert Hofer adressierte Petition, die verpflichtende Abbiegeassistenten fordert, hat in wenigen Tagen bereits über 30.000 Unterschriften gesammelt. Auch sonst sind sich alle einig, dass jetzt gehandelt werden muss: Minister Hofer unterstützt das Anliegen und lässt die Umsetzung prüfen, schreibt die Tageszeitung Österreich. Auch die Wirtschaftskammer ist an Bord und verlangt staatliche Unterstüztung für die Unternehmer, um die Umrüstung ihrer Flotten zu bewältigen.

"Im Jahr 2018 gab es in Österreich 14 Todesfälle bei Unfällen mit LKW-Beteiligung unter Fahrradfahrern und Fußgängern", sagt Markus Gansterer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) gegenüber der futurezone. Neu ist das Problem allerdings nicht. Schon seit Jahren wir europaweit über das Problem von LKW mit schlechter Sicht für die Fahrer in den Städten diskutiert. In Deutschland flammte die Debatte im vergangenen Sommer nach einer Unfallserie wieder auf, in London haben viele Todesfälle unter Fahrradfahrern dafür gesorgt, dass jetzt Einfahrts- und Durtchfahrtsverbote für LKW mit schlechter Sicht kommen sollen. "Es braucht leider immer einen tragischen Fall, um eine Debatte auszulösen, aber das Problem ist sicher kein neues. Erst im vergangenen Jahr wurden neue EU-Richtlinien erarbeitet, die den toten Winkel bekämpfen sollen", sagt Gansterer.

Lösungen parat

In Zeiten, in denen die PKW angeblich schon ohne Fahrer auskommen und jedes Familienbauto piept, wenn jemand oder etwas zu nahe kommt, scheint es paradox, dass ausgerechnet LKW, die solche Assistenzssysteme aufgrund ihrer Unübersichtlichkeit am dringendsten brauchen würden, keine haben. "Es gibt solche Systeme, viele Hersteller bieten sie als Zusatzoption an. Sie werden aber kaum nachgefragt, weil der Preis hoch ist", sagt Gansterer. Abbiegeassistenten, die den Fahrer per Licht- oder Tonsignal warnen, wenn sich jemand im toten Winkel befindet, oder die gleich selbsttätig bremsen, könnten auch bei bestehenden Flotten nachgerüstet werden. Die Wirtschaftskammer schätzt die Kosten dafür pro Fahrzeug auf 1.500 bis 3.000 Euro.

Diskutiert wird jetzt vor allem, wer die Kosten für die Nachrüstung mit Abbiegeassistenten übernehmen soll. Dabei sind die Fahrassistenzsysteme nicht die einzige Maßnahme gegen Unfälle aus mangelnder Umsicht. "Wie groß der tote Winkel ist, schwankt stark zwischen Herstellern und Modellen. Einige LKW sind schon so konstruiert, dass sie von Haus aus praktisch keinen toten Winkel haben, etwa durch größere Scheiben und transparente Elemente in den Türen und an der Vorderseite", sagt Gansterer. Auch eine Anpassung der Kreuzungen nach niederländischem Modell würde das Unfallrisiko senken. "Die Idee ist, dass Fahrzeuglenker zuerst abbiegen und erst danach auf querende Radfahrer und Fußgänger treffen. Da kann oft schon eine Gehsteigvorziehung, Verkehrsinsel oder die Entfernung weniger Parkplätze helfen", sagt der VCÖ-Experte.

 

Grundsätzlich wird sich die Thematik in den kommenden Jahren eher noch zuspitzen. "Der Lieferverkehr in den Städten nimmt zu, der Druck auf die Fahrer ebenfalls", sagt Gansterer. Wenn es eine Lösung durch technische Systeme sein soll, ist vor allem eine verpflichtende Regelung für Logistikunternehmen notwendig. "Die neuen EU-Regeln sind ein Fortschritt, aber die Regeln gelten nur für Neuzulassungen und die Übergangsfristen sind mit 2024 bis 2027 zu lang. Nicht-EU-Zulassungen sind auch nicht erfasst", sagt Gansterer: "Zudem beklagen Logistikfirmen und LKW-Fahrer, dass die Systeme zu viele Fehlalarme auslösen würden."

Damit die Abbiegeassistenten die Situation tatsächlich verbessern können, wäre eine umfassende Umrüstung notwendig. "Hier müssen sich Unternehmen und Politik zusammensetzen. Es braucht eine Verpflichtung mit festem Datum und ohne lange Fristen, wenn man Leben retten will. Fördern alleine wird nicht ausreichen", sagt Gansterer.