Netzpolitik
22.02.2018

"Die neuen EU-Datenschutzregeln nützen Google und Facebook"

Cliqz bietet einen datenschutzfreundlichen Browser und ist davon überzeugt, dass man nicht nur auf Kosten der Nutzer Geld verdienen kann.

Mit einer Browser-Erweiterung, einem Browser mit integrierter Suchmaschine und als App für Android und iOS will das Münchner Unternehmen Cliqz beweisen, dass man auch mit datenschutzfreundlichen Technologien punkten kann. Seit 2013 gehört das 2008 gegründete Unternehmen mehrheitlich zum deutschen Burda-Konzern, 2016 stieg Mozilla, dessen Firefox die Grundlage für den Cliqz-Browser bildet, mit einer Minderheitsbeteiligung ein. Im vergangenen Jahr übernahm Cliqz den Tracking-Blocker Ghostery. Die futurezone hat mit Cliqz-CEO Marc Al-Hames über Anti-Tracking-Technik, die Zusammenarbeit mit Mozilla und europäische Werte im Internet gesprochen.

futurezone: Sie haben im vergangenen Jahr den Tracking-Blocker Ghostery übernommen. Was hat sich für Ghostery geändert?
Marc Al-Hames:
Ghostery hat mit einer Blocklistentechnologie gearbeitet, eine Datenbank in der alle bekannten Tracker gespeichert sind, wenn einer auftauchte, wurde er geblockt. Cliqz hat eine Technologie entwickelt, die auf künstlicher Intelligenz beruht, damit wird jeder Datenpunkt erfasst, der es möglich machen würde, Sie zu identifizieren. In der neuen Version von Ghostery wurde beides kombiniert. Wir haben die Blocklistentechnologie, die bekannte Tracker abstellen kann. Die, die dann noch übrig sind, werden von der künstlichen Intelligenz neutralisiert. Was die Privatsphäre betrifft, geht es eigentlich nicht mehr besser.

Ghostery hat Ihnen auch sehr viele Nutzer gebracht?
Wir haben heute ungefähr eine Million aktive Nutzer mit der Cliqz-Marke, sie kommen zu 98 Prozent aus dem deutschsprachigen Raum. Mit Ghostery sind noch einmal zehn Millionen aktive Nutzer dazugekommen. Die USA ist für Ghostery der größte Markt.

Wie arbeiten Sie mit Mozilla zusammen?
Von der Technik bis hin zum Produkt gibt es sehr viele Dinge, wo wir zusammenarbeiten und Erfahrungen austauschen. Aber Techniker arbeiten immer gut zusammen. Für mich ist das Wichtigste, dass wir an die gleiche Sache glauben. Wir glauben daran, dass das Internet anders sein kann. Wir glauben an ein Internet, in dem man Geld verdienen kann, aber nicht auf Kosten der Nutzer. Wir sind ja auch eine Firma.

Verdienen Sie Geld?
Noch nicht viel.

Wie sieht ihr Geschäftsmodell aus?
Der Browser weiß eine ganze Menge über den Nutzer, er muss diese Information aber mit niemanden teilen. Heute sammelt jeder im Internet ihre Daten und filtert die in Rechenzentren. Unser System ist genau umgekehrt, wir schicken alle Angebote, die wir haben an unsere Nutzer. Wir geben in den Browser Suchanzeigen rein, wir machen das ausschließlich auf dem Gerät selber. Es gibt keinen Server auf der Welt, wo das gespeichert würde. Wir saugen überhaupt keine Daten ab.

Sie haben im Cliqz-Browser auch eine Suchmaschine integriert, Firefox sucht standardmäßig mit Google. Warum?
Es gegen die Macht von Google aufzunehmen, schafft ja nicht einmal Microsoft. Um im Markt von Suchmaschinen etwas bewegen zu können, braucht man Partnerschaften. Mozilla ist einer von mehreren möglichen Partnern, mit denen wir sprechen. Wir sprechen auch mit Anti-Viren-Herstellern und Hardware-Unternehmen. Einige dieser Gespräche werden noch heuer zu Ergebnissen führen. Wir gehen davon aus, dass wir noch heuer im DACH-Raum (Anm.: Deutschland, Österreich, Schweiz) die zweitgrößte Suchmaschine sein werden.

Sie gehören zum Burda-Konzern, einem Medienunternehmen. Wo liegen da die gemeinsamen Interessen?
Burda wird immer noch sehr stark als Medienkonzern wahrgenommen, die Hälfte des Umsatzes wird aber anderswo gemacht. Mit klassischem E-Commerce, Beteiligungen wie Etsy aber auch mit dem Karrierenetzwerk Xing. Natürlich hat Burda auch Themen, die mit unseren Schwerpunkten weniger überlappen. Ich höre aber auch den großen Wunsch, ein nutzerfreundliches Netz zu gestalten und da gibt es sehr viel Übereinstimmung in der Philosophie.

Wie können sich europäische Werte, zu denen auch gesteigerter Datenschutz zählt, im Internet durchsetzen?
Wir haben in den vergangenen Jahren festgestellt, dass sich Regularien und kulturelle Werte gegen die faktische Kraft der technischen Lösungen nicht durchsetzen können. Alle Lösungen, die es heute gibt, kommen letztlich nicht aus Europa und entsprechen auch nicht der europäischen DNA.

Wird sich das ändern?
Langfristig werden Nutzer mehr Europa in ihren Produkten verlangen. Das kann nur funktionieren, wenn wir diese Produkte auch bauen. Cliqz ist so ein Produkt. Ob die Nutzer darauf anspringen, ist eine andere Frage. Ich hoffe, dass die Leute erkennen, dass ein dezentraleres, ein etwas weniger duopolistisches Netz gut für die Gesellschaft wäre.

Datenschutz wird sich dann auszahlen?
Dadurch, dass wir keine Nutzerdaten sammeln, ist unsere Position am Markt schwächer. Wir werden niemals die Rendite eines Facebooks oder Googles erzielen. Wenn sie Cliqz morgen deinstallieren, sind auch ihre Daten weg. Wenn sie Google deinstallieren, hat Google trotzdem noch all ihre Daten und sammelt sie auch weiter. Weswegen Google ein natürliches Datenmonopol hat.  Unser Modell ermöglicht viel mehr Wettbewerb, es ist etwas sehr Europäisches, so über den Markt zu denken.

Ab Ende Mai werden in der EU neue Datenschutzregeln durchgesetzt. Welche Auswirkungen werden sie haben?
Es ist gut, dass diese Themen angegangen werden und ich nehme auch den politischen Willen wahr. Die neuen EU-Regeln werden aber keinen nennenswerten Effekt haben, außer dass sie kleine Spieler vom Markt verdrängen. Gewinnen werden Facebook und Google.

Warum?
Google und Facebook können durch Opt-in-Regelungen und Einwilligungen ihrer Nutzer weiterhin Daten sammeln. Google ist eine dominante Suchmaschine und kann Nutzer quasi zwingen, ihnen das Opt-in zu geben, auch Facebook kann sagen, "Friss oder du verlierst dein gesamtes Netzwerk". Tatsächlich wird also ihre Datenmacht gestärkt. Das Gesetz erzielt also nicht zwangsweise das, was der politische Wille war.

Nutzern darf der Dienst aber nicht verweigert werden.
Die wirtschaftlichen Interessen werden so groß sein, dass der Nutzer schon in die richtige Richtung gelenkt wird.

Wie kann dem entgegengewirkt werden?
Alle Gesetzesinitiativen, die es heute gibt, egal wie drastisch sie auf dem Papier klingen, erlauben immer, dass die Nutzer am Ende durch ein Opt-in ihren Standard aufgeben können. Dass ist ein bisschen so, als würde man sagen, du kannst selbst wählen, ob du den Katalysator im Auto willst oder nicht. Wenn man mehr bezahlen muss, oder das Produkt schlechter ist, nehm ich ihn nicht.  Wir brauchen langfristig Gesetze, die keine Ausnahmen zulassen. Der Gesetzgeber muss ganz klar sagen, das ist die Grenze.

Europäische Start-ups und Unternehmen werden von der neuen Datenschutzgrundverordnung nicht profitieren?
Regularien, die Ausnahmen zulassen, helfen denen, die bessere Anwälte haben, die haben Start-ups üblicherweise nicht.