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Analyse Facebook: Online-Proteste ohne Offline-Effekt.

Foto: APA
Phänomen "Slacktivism": Hunderttausende schließen sich bei Facebook Gruppenaktionen zu Japan, Guttenberg oder Atomkraft an, doch der virtuelle Aktivismus bleibt meist ohne nennenswerte Folgen in der realen Welt.

Fast 67.000 sind “gegen Atomkraft”, mehr als 30.000 meinen “Atomkraft, nein danke!” und mehr als 142.000 schlossen sich der Botschaft an Japan “In Gedanken sind wir bei euch” an: Wenn Facebook-Nutzer ihre Meinung zu aktuellen Ereignissen äußern, dann tun sie es in Massen. Mit kleinen Symbolen im Profilfoto - zumeist eine Japanflagge oder ein virtuelles Pickerl gegen Kernkraft - signalisieren auch in Österreich immer mehr Mitglieder des Online-Netzwerks ihr Dafür- oder Dagegen-Sein.

So beeindruckend die Online-Zahlen, so ernüchternd die Realität: Bei der Mahnwache gegen Atomkraft am vergangenen Dienstag waren laut Wiener Grünen maximal 1000 Personen anwesend. Der Alternativanbieter Ökostrom AG berichtet zwar von einer Verdreifachung an Neukunden im Vergleich zum Vormonat, “aber wir reden immer noch von Zahlen im kleinen dreistelligen Bereich”, so Ökostrom-Sprecherin Gudrun Stöger. Ein ähnliches Szenario auch vergangenen Samstag: Mehr als 245.000 Nutzer sagten der österreichischen Facebook-Gruppe “Tankfreier Tag” die Gefolgschaft zu, laut OMV  waren aber “keine Auswirkungen” abgesehen von tagesüblichen Schwankungen zu bemerken. Der “Tankfreie Tag 2” am kommenden Samstag interessiert übrigens nur mehr knapp 1400 Personen.

“Gefällt mir” als Pose  
Warum zeigen die massiv scheinenden Online-Proteste in der Offline-Welt bis dato kaum oder gar keine Auswirkungen? Die Internet-Forschung hat eine Antwort darauf: Das Phänomen “Slacktivism”. “Viele Leute, die zu einer Demonstration gegangen wären, belassen es heute bei einem Anklicken des “Gefällt mir”-Knopfes”, sagt die Wiener Facebook-Expertin Judith Denkmayr von der Internet-Agentur Digital Affairs.

Der auch als “Klicktivism” bezeichnete Trend hat seine Wurzeln in der Offline-Welt  - Paradebeispiel ist das Millionen Mal getragene T-Shirt mit dem Bild des südamerikanischen Revolutionärs Che Guevara, das zum Popkultur-Symbol verkam. Im Netz und speziell bei Facebook bekommt das Phänomen eine neue Dimension: Über Empfehlungen von Freunden verbreiten sich die Botschaften wie ein Lauffeuer, mit dem Klick auf den “Gefällt mir”-Knopf schließen sich die Nutzer zu Hundertausenden verschiedenen Protestgruppen an. Doch der Druck auf den Like-Button übersetzt sich nicht in Druck auf der Straße. “Irgendwer muss die Arbeit, Zeit und Geld auch im Realen investieren, sonst passiert nichts”, sagt Denkmayr.

Das ist auch international zu beobachten: In Deutschland forderten fast 590.000 Facebook-Mitglieder “Wir wollen Guttenberg zurück”. Laut einem Artikel des Spiegel seien aber “nicht Hunderttausende, sondern, etwa in Hamburg, gerade mal mit Müh und Not Hunderte” zu den über Facebook organisierten Demonstrationen gekommen.

Die Spendenfreude für Japan hat ebenfalls ihre Grenzen: Die Spenden-App “Causes”, gegründet von Ex-Facebook-Präsident Sean Parker, zählt pro Monat mehr als 20 Millionen aktive Facebook-Nutzer. Bis dato haben lediglich knapp 3400 Nutzer insgesamt 160.000 Dollar gespendet. “Vielen ist dann offenbar das eigene Geldtascherl doch näher als das soziale Engagement”, so Denkmayr. Zum Vergleich: Das Gutschein-Portal Groupon sammelte innerhalb von drei Tagen 2,2 Millionen Euro (die futurezone berichtete ), indem es seine Sonderangebote um zwei Euro teurer machte, den Betrag selbst verdoppelte und diese Zusatzeinnahmen dem Roten Kreuz in Japan zur Verfügung stellte.

Mitmachen ohne Ziel
“Der primäre Grund ist wohl, Freunden und Familie seine Präferenzen zu signalisieren und nicht, politische Ergebnisse im echten Leben zu erzielen”, schreibt der finnische Internet-Forscher Henrik Serup Christensen in seinem Paper “Slacktivism or political participation by other means?” über Facebook-Proteste.

Die Hoffnungen auf ein Ende der anhaltenden Politikverdrossenheit in westlichen Staaten durch Online-Netzwerke erhielt aber schon 2010 einen Dämpfer. So zeigte die Studie “It´s complicated: Facebook User`s Political Participation in the 2008 Election” einer US-Forschergruppe zur Rolle von Facebook im Zuge der US-Präsidentenwahlen 2008, dass ein negativer Zusammenhang zwischen intensiver Facebook-Nutzung und politischer Partizipation bei College-Studenten besteht. Der oft als erster erfolgreicher “Facebook-Wahlkampf” bezeichnete Siegeszug von Barack Obama ist so im Nachhinein in anderem Lichte zu sehen.

“Sich einer Facebook-Gruppe anzuschließen, ist keine echte politische Partizipation”, sagt auch der österreichische Politikwissenschafter Flooh Perlot, der am Wiener Institut für Strategieanalysen zu Demokratie und Internet forscht. “Es gibt keine Daten, dass durch das Internet einen Schub zu mehr Interesse an Politik stattfindet”, so Perlot. “ So würden pimär Personen, die schon offline politisch aktiv sein, diesen Aktivismus auch in der Online-Welt ausleben.

Aufgeblasene “Twitter-Revolten”
Echte Effekte erzielen virtuelle Proteste oft nur dann, wenn sie von Offline-Aktionen begleitet werden und klassische Medien auf das Thema aufspringen. Bestes Beispiel waren die Studentenproteste in Österreich und Deutschland 2009/10. Die unter dem Schlagwort “unibrennt” laufenden Aktionen und Hörsaalbesetzungen wurden aber fälschlicherweise oft auf ihre begleitende Online-Komponente reduziert.

Eine Untersuchung der Wiener Internet-Experten Jana Herwig und Max Kossatz etwa zeigte, dass gerade einmal 155 Twitter-Accounts für fast 45 Prozent aller Tweets verantwortlich waren, die mit dem Hashtag "#unibrennt" gekennzeichnet waren. Fast 85 Prozent der Accounts schrieben weniger als zehn Mal im zweimonatigen Untersuchungszeitraum zum Thema “#unibrennt”. “Die Universitätsproteste 2009/10 waren genauso wenig eine Facebook-Rebellion, wie die Proteste im Iran nach den Wahlen 2009 eine Twitter-Revolution war”, so die Autoren der Studie.

Das bestätigte auch der Iraner Hamid Tehrani vom Blog-Netzwerk “Global Voices” gegenüber dem britischen Guardian. Während der Proteste gegen Irans Präsident Mahmoud Ahmadinejad hätten es weniger als 1000 aktive Twitter-Nutzer im ganzen Iran gegeben, und nur ein Bruchteil hätten den Kurznachrichten-Dienst im Sinne der Revolten wahrgenommen. Tehrani: “Der Westen hat nicht auf das iranische Volk, sondern auf die Rolle westlicher Technologie fokussiert.”

Zuletzt relativierte auch der deutsche Gesellschaftstheoretiker Nico Stehr die oft als "Facebook-Revolutionen" bezeichneten Volksaufstände in Tunesien und Ägypten (die futurezone berichtete ). „Facebook ist allenfalls ein Vehikel, das eine Entwicklung befördert“, so Stehr. "Entscheidend ist das immense Anwachsen der Bildung."

Das Kunstwort "Slacktivism" setzt sich aus den beiden englischen Begriffen „Slacker“ (Person mit geringer Leistungsbreitschaft) und „activism“ (Aktivismus) zusammen. Er bezeichnet Menschen, die sich über Symbole mit einem sozialen Anliegen identifizieren, aber darüber hinaus nichts oder nur sehr wenig für die Lösung des Problems tun.

 „Slacktivism“ ist online als auch offline zu beobachten: Das Tragen von Ansteckern oder T-Shirts mit politischen Botschaften gehört genauso dazu wie das schnelle Unterzeichnen von Online-Petitionen oder das Anschließen an Facebook-Gruppen.

(futurezone) Erstellt am 18.03.2011, 06:10

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