Netzpolitik
09/20/2014

"Katastrophe, dass Technik über Leben und Tod entscheidet"

Anlässlich der Medientage in Wien erklärt Sascha Lobo der futurezone, wie die Vernetzung unser Leben bedroht und unser Wirtschaftssystem auf den Kopf stellt.

Der Journalist, Autor und deutsche Internetkritiker Sascha Lobo hat anlässlich der Medientage in Wien einen Vortrag über das kaputte Internet und den derzeit entstehenden "Plattformkapitalismus" gehalten. Im futurezone-Gespräch erklärt er, warum die Datensammelwut von Behörden und Wirtschaft mittlerweile tödlich sein kann und weshalb Konzerne, die unter dem Deckmantel des Teilens (Stichwort "Sharing-Economy") in immer mehr Branchen mit Billig-Arbeitskräften für Preisverfälle sorgen, ein Problem für unser Wirtschaftssystem sind.

futurezone: Die Snowden-Veröffentlichungen waren für Sie ein Schock. Waren Sie nicht naiv, zu glauben, dass bei der offenen Infrastruktur des Netzes kein Missbrauch passiert?
Sascha Lobo: Ich habe mich Anfang 2014 mit der Frage auseinandergesetzt, ob wir uns zu Beginn getäuscht haben, was das Internet angeht. Ich war vielleicht naiv, aber nicht unsachkundig. Es gab immer positive und negative Entwicklungen im Internet. Bis zu Snowden war ich der Meinung, dass die positiven Aspekte überwiegen. Es ist leicht, aus den eigenen positiven Erfahrungen im Netz darauf zu schließen, dass es für alle gut ist. Das muss man aber trennen. Die positiven Aspekte sollen möglichst vielen Menschen zur Verfügung gestellt werden, die negativen müssen möglichst eingeschränkt werden. Das ist ein ewiger Kampf - Zivilisation eben.

Sie haben also nicht aufgegeben?
Das Internet ist nicht tot. Die Idee der digitalen Vernetzung ist stark wie eh und je. Ich widerrufe und verteufle auch nicht, was ich früher über positive Aspekte der Vernetzung gesagt habe. Snowden war ein digitaler Meteoriteneinschlag, deshalb dürfen wir aber nicht alles verteufeln.

Ist eine offene Vernetzungsstruktur überhaupt möglich, ohne der Überwachung Tür und Tor zu öffnen?
Auf viele Fragen habe ich keine endgültige Antwort. Die digitale Gesellschaft entwickelt sich ja gerade erst. Das Teilen von Information setzt Offenheit voraus, was Überwachungsmaßnahmen vereinfacht. Das sollten wir aber trennen. Man muss nicht alles, was technisch umsetzbar ist, machen. Wir müssen uns genau überlegen, welche Daten wir teilen wollen. Die Absichten, die hinter dem Datensammeln stecken, müssen immer hinterfragt werden.

Die Infrastruktur bleibt trotzdem offen...
Die Dezentralität des Internets ist heute nicht mehr gegeben. Wenige Konzerne und Plattformen sind unglaublich einflussreich. Die Infrastruktur basiert auf nur 40 großen Knotenpunkten, ohne die nichts mehr gehen würde. Das Internet ist zentral - und zwar mit Absicht. So lässt es sich besser überwachen.

Sie warnen in ihren Vorträgen vor der zunehmenden Ausweitung von Maßnahmen, die unser Verhalten analysieren. Sind solche Verfahren, die von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen, nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt?
Big Data und sogenannte Paterns of Life Analysen haben zwei konträre Eigenschaften. Einerseits sind diese Instrumente extrem mächtig und präzise, andrerseits sind sie aber sehr fehleranfällig und produzieren große Mengen an Humbugdaten. Das Absaugen von Daten ist immer fehlerbehaftet. Trotzdem töten Menschen heute auf Basis dieser Informationen,wie ein US-General kürzlich zugegeben hat. Bedrohlich ist, dass einige Leute tatsächlich glauben, alles sei berechenbar. Dass die Technik über Leben und Tod entscheidet, ist eine Katastrophe.

Trotzdem werden immer mehr Entscheidungen von Algorithmen getroffen.
Joseph Weizenbaum, ein berühmter Informatiker, ist deshalb zum Skeptiker geworden. Er hat die Datengläubigkeit der Menschen kritisiert. Wird etwas in Daten-Aufmachung präsentiert, bekommt es dadurch Legitimierung. Die Leute glauben deshalb oft, Wahrscheinlichkeit sei mit Wahrheit gleichzusetzen, dabei bedeutet sie im Einzelfall nichts, selbst wenn sie 99,9 Prozent beträgt. Wenn wir auf dieser Basis Leute töten, heißt das, dass bei tausend Getöteten mindestens ein unschuldiger dabei ist.

Das heißt das Problem sind verantwortliche Personen, die glauben, dass Algorithmen alles berechnen können?
Hier haben wir es mit einer Katastrophe im Mensch-Maschine-Interface zu tun. Maschinen spucken Wahrscheinlichkeiten aus, die Menschen als Wahrheiten interpretieren.

Sie prophezeien, dass das Wirtschaftsmodell, das gerade im Netz entsteht - Sie nennen das Plattform-Kapitalismus - dazu führt, dass Amateure den Profis die Jobs streitig machen. Hat das potenziell nicht auch eine egalitäre Komponente, die positiv wirken könnte?
Der Plattform-Kapitalismus, zu dem ich auch die Sharing-Economy zähle, hat auch positive Aspekte, wie die Steigerung der Effizienz bei der Ressourcen-Allokation. Die Einfachheit, ein Angebot einzustellen, führt aber dazu, dass Amateure den Profis Konkurrenz machen. Problematisch ist, wenn diese Amateure von Plattformen missbraucht werden, um die Preise zu drücken. Der kritische Faktor ist Arbeit: Deshalb sehe ich Uber, wo Arbeit verrichtet wird, tendenziell negativ. Airbnb finde ich hingegen eher gut, weil dort keine Arbeit verkauft wird.

Wie können wir als Gesellschaft auf diese Entwicklung reagieren?
Politik und die Gesellschaft sind derzeit nicht flexibel genug. Wir haben zu wenige oder falsche Regulierungsmaßnahmen.

Sind die Amerikaner auf solche Umwälzungen besser vorbereitet, weil sie schon seit jeher die kreative Zerstörung in der Wirtschaft zelebrieren?
Schumpeters Ideen sind im Silicon Valley unter dem Namen “Disruption” groß geworden. Dieses Konzept ist aber problembehaftet, wenn es sehr aggressiv und mit viel Kapital verfolgt wird. Dann geht es oft darum, Leute und Firmen auszuschalten. Da gibt es immer Leidtragende. Disruption ist eine Religion im Silicon Valley, und die Idee scheint derzeit erfolgreich.

Nur scheinbar?
Die Frage ist immer, ob man das will.