Netzpolitik
04.12.2011

Russland: Cyberangriffe am Wahltag

In Russland sind am Wahltag regierungskritische Websites ins Visier von Cyberangreifern geraten. Auch russische Blogger beklagten vor der Wahl Attacken.

Es gebe offenbar Cyberangriffe mit dem Ziel, die Berichterstattung über Verstöße bei der Duma-Wahl zu verhindern, teilte der Chefredakteur des regierungskritischen Radiosenders Echo Moskwy, Alexej Wenediktow, am Sonntag mit. Zahlreiche Websites, darunter jene von Echo Mosky und der Webauftritt der einzigen unabhängigen russsichen Wahlbeobachterorganisation Golos, waren nicht zugänglich.

Dies gilt als der erste Zwischenfall dieser Art in Russland. Angesichts der vom Kreml gesteuerten Staatsmedien informieren sich besonders viele Russen im Internet über die Lage in ihrem Land. Das Internet galt bisher als freies Medium. Wenediktow schrieb: „Der Angriff auf unsere Webseite am Wahltag ist klar ein Versuch, die Veröffentlichung von Informationen über Wahlfälschungen zu stören.“

LiveJournal tagelang offline
Auch russische Blogger beklagten großangelegte Cyberattacken vor der Wahl. Die Plattform LiveJournal sei durch Angriffe den dritten Tag in Folge lahmgelegt, so die Direktorin von LiveJournal Russland, Ilja Dronow. Dronow reagierte auf Beschwerden von LiveJournal-Nutzern, die auf ihre dort verwalteten Blogs nicht zugreifen könnten. Einige Blogger vermuteten, die Regierung wolle mit den Angriffen kritische Stimmen vor der Wahl am Sonntag zum Schweigen bringen.

Das regierungskritische Online-Portal gazeta.ru hatte bereits am Samstag über Probleme mit den Behörden berichtet. Demnach wurde der Chefredakteur des Portals ins Kommunikationsministerium zitiert. Diese Seite sowie mehrere andere, weniger genutzte Portale waren aber zunächst weiter zugänglich.

"Schmutzige Abstimmung"
Die Chefin der Wahlbeobachterorganisation Golos, Lilija Schibanowa, war am Samstag die ganze Nacht auf einem Moskauer Flughafen festgehalten worden. Zollbeamte beschlagnahmten ihren Computer. Die Wahlbeobachter waren von dem russischen Regierungschef Wladimir Putin mit „Judas“ verglichen worden. Kremlkritiker, die zur Wahl nicht zugelassen sind, beklagen die „schmutzigste Abstimmung“ seit dem Zerfall der Sowjetunion.

In Russland sind am Sonntag 110 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, 450 Abgeordneten der Duma, des russischen Unterhauses, zu wählen. Trotz erwarteter Verluste gilt ein deutlicher Sieg der Regierungspartei Geeintes Russland als sicher.