Netzpolitik
31.08.2016

Van der Bellen: Wie das Krebs-Gerücht online entstanden ist

Der Bundespräsidentschaftskandidat wurde Opfer von Internet-Gerüchten. Wie diese entstanden sind und warum seine Offensive richtig ist, erklärt Mimikama-Leiter Wannenmacher.

Bundespräsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen hat am Mittwoch Befunde seines Arztes vorgelegt und reagiert damit auf im Internet kursierende Gerüchte um seinen Gesundheitszustand. Der 72-jährige Raucher hat - und hatte - keinen Krebs, wie auch sein Arzt offiziell bestätigte, den er von seiner ärztlichen Schweigepflicht entbunden hatte. Doch wie war das Gerücht über seinen Gesundheitszustand eigentlich zustande gekommen?

Über Van der Bellens gesundheitlichen Probleme berichtete Anfang Juli als erstes der rechtsextreme Blog „Politcally Incorrect“. Dort war ein Beitrag mit einem Brief an das Bezirksgericht Innere Stadt erschienen, in dem die Sachwalterschaft von Alexander van der Bellen angeregt wurde. Begründung: Er habe Demenz und Krebs, hieß es darin. Der Brief sei echt, bestätigte das Bezirksgericht gegenüber DerStandard.at , aber so einen Brief „könne jeder schreiben“.

Weiterverbreitung via Facebook

„Politically Incorrect“ ist ein rechtsextremer, deutscher Blog, der über eine britische Adresse läuft. Damit ist es automatisch schwieriger, straf- und zivilrechtliche Schritte gegen die Urheber einzuleiten. Das Gerücht war nämlich nicht die erste Meldung auf „Politically Incorrect“, bei dem der Wahrheitsgehalt mehr als zweifelhaft war.

Verbreitet wurde der Blogeintrag noch am selben Tag unter anderem von einer gewissen „Michaela J.“ via Facebook. Die Dame, die angeblich in Ungarn wohnt, hat aber keine ungarischen Facebook-Freunde, sondern ist stattdessen etwa mit Christian Hoebart, Barbara Rosenkranz und Martin Graf befreundet. Das Facebook-Posting mit dem Link zum Blogeintrag verbreitete sich rasant. Über diesen Weg wurden am Ende Hunderttausende Personen erreicht, wie das Portal "Stoppt die Rechten" berichtet.

Die futurezone sprach mit Tom Wannenmacher, Leiter des Vereins “Mimikama“, einem Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch und Buchautor von „Die Fake-Jäger. Wie Gerüchte im Internet entstehen und wie man sich schützen kann.“

futurezone: Sie beschäftigen sich seit längerem mit der Entstehung von Gerüchten im Netz und auf Facebook. Gibt es da eine Masche, die immer gleich ist? Etwa, dass Wahrheiten mit Lügen vermischt werden?
Wannenmacher: Dem ist so. Sehr oft, in den meisten Fällen, werden Gerüchte ins Leben gerufen, die auf einer Wahrheit basieren. Diese werden dann gekonnt mit nicht belegbaren Behauptungen und Quellen versehen. Durch diese Kombination wirkt es für nicht medienkompetente Nutzer so, als müsse dies stimmen.

Im Falle von Van der Bellen wurde, um die Lüge glaubhafter zu machen, etwa auf die Tatsache zurückgegriffen, dass Van der Bellen Raucher ist. Ist die Vermengung von Fakten (Raucher) und Fiktion (Krebs) besonders wirkungsvoll?
Ja, sehr. Vor allem seitdem Zigarettenschachteln mit Schockbildern versehen wurden.

Im Fall von Van der Bellen wurde ein Schreiben an das Wiener Bezirksgericht als „Beleg für die Wahrheit“ verwendet. Das Dokument war signiert, aber nicht unterschrieben. Medien haben das nachgeprüft und es stellte sich heraus, dass ein derartiges Schreiben jeder schicken könne, aber es im Prinzip gar nichts belegt. Kann man sowas auch als Laie prüfen?
Als Laie selbst kann man dies nur schwer prüfen. Auch wir bei Mimikama müssen bei manchen Dingen zweimal hinschauen. Aber einen Tipp möchte ich gerne hier mitgeben: Man soll bei solchen Dingen immer auf sein Bauchgefühl hören.

Van der Bellen hatte danach bereits mehrfach bekundet, dass er nicht krank sei. Jetzt ist er in die Offensive gegangen und hat Arzt-Bestätigungen vorgelegt. Ist so eine Aktion, die über eine Richtigstellung hinausgeht, aus Ihrer Sicht richtig? Sich für Gerüchte zu rechtfertigen?
Es war richtig. Denn wer jetzt Van der Bellen anfeindet, der konstruiert etwas. Und hätte das auch ohne Unterlagen gemacht. Es zeigt, dass Van der Bellen transparent arbeitet.

Was bringen Dementi bei Falschmeldungen und Gerüchten auf Facebook ganz generell?
Diese sind wichtig und dürfen auch nicht ausbleiben. Das Problem an der Sache ist jedoch, dass User Falschmeldungen immer mehr Glauben schenken als der Wahrheit, denn diese sind einfach „reißerischer“. Ein weiteres Problem ist auch, dass Dementi zwar wahrgenommen werden, aber die Falschmeldung sich dann bei vielen schon festgesetzt hat. Und so bleibt „immer ein wenig Schmutz“ in den Köpfen der Leser hängen.

Glauben Sie, dass im Zuge des Bundespräsidentenwahlkampfes neue Gerüchte auf Facebook verbreitet werden?
Ja, das nehmen wir sehr stark an. Im Moment ist es noch ruhig. Betonung liegt hier auf: Noch!

Ist Ihnen aus dem letzten Wahlkampf noch ein Gerücht in Erinnerung geblieben, das sich hartnäckig gehalten hat?
In Erinnerung ist uns das geblieben: Das Türkische Wahlkampfplakat. Das war zwar keine Fake in diesem Sinne, aber dieser Fall hat enorm die Runde gemacht, da das Plakat in türkischer Sprache verfasst wurde.

Bei Facebook verbreitete Fakes schüren Grundängste und Vorurteile – und wenn sie gut aufbereitet sind, glauben ihnen viele. Wie kann man dies eindämmen?
Durch Präventionsarbeit, so wie wir das bei Mimikama machen. Transparente Fakten darlegen und den Leser schulen, dass er sich eine Informationskompetenz aneignet. Wichtig für den Leser ist immer: hinterfragen, hinterfragen, hinterfragen…