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02.05.2016

Hightech-Zubehör: Radeln wie mit Superkräften

Billige Fahrradcomputer mit Knopfbatterien waren gestern. Mit einem Hightech-System von Garmin wird die Fahrt exakt vermessen und das Ergebnis vor das Auge projiziert.

Vorweg: Ich bin kein Radsportprofi und verfolge beim Radfahren keine sportlichen Ambitionen. Ich verwende mein Zweirad - das aus den Leichen anderer Fahrräder zusammengesetzt wurde - vorwiegend als Transportmittel zur Arbeit. Deshalb bin ich nicht Teil der Zielgruppe für das Hightech-Fahrradzubehör von Garmin, das für diesen Artikel getestet wurde.

Allein “Rearview Radar”, das Hightech-Rücklicht mit Fahrbahn-Radar, kostet mehr als mein gesamtes Veloziped. Selbst die schnittige Fahrradbrille, die zur Montage des Head-up-Displays “Varia Vision” nötig ist, musste ich mir ausborgen. Einen Fahrradcomputer wie den “Edge 1000”, das dritte Gerät, das Teil der Testausrüstung ist, habe ich seit Kindheitstagen nicht mehr verwendet.

Montage

Die Montage verlief problemlos. Die Halterungen für Fahrradcomputer und Radar-Rücklicht sind mit dem mitgelieferten Inbusschlüssel schnell montiert und die Geräte lassen sich danach mit einem einfachen Drehmechanismus anbringen oder entfernen. Die Montage des Head-up-Displays auf eine Brille war ebenfalls ohne Schwierigkeiten zu bewältigen. Magnetische Sensoren, wie sie früher bei Fahrrädern an den Speichen montiert werden mussten, sind nicht nötig. Der Computer wird am Lenker angebracht und erfasst Bewegung, Geschwindigkeit, Höhe und andere Daten über GPS.

Schwieriger als die mechanische Verbindung mit dem Fahrrad gestaltete sich die Kopplung der drei getesteten Komponenten untereinander. Das Radar-Rücklicht wird vom Computer zwar problemlos erkannt, das Brillen-Display hat anfangs allerdings Schwierigkeiten gemacht. Es ließ sich zwar mit dem Rücklicht verbinden, wurde aber vom Fahrradcomputer nicht auf Anhieb erkannt.

Erst nach Software-Updates für den Edge 1000 und die Varia Vision, welche vorherige Installation von Garmin-Software am PC verlangten, ließen sich die Informationen des Fahrradcomputers auch über das Brillendisplay anzeigen.

Die Garmin Handy-App “Connect”, die auch das Anzeigen von Nachrichten und verpassten Anrufen im Display erlaubt, ließ sich hingegen einfach installieren, hat aber die nervige Angewohnheit, sich automatisch im Hintergrund zu starten, wenn das Smartphone eingeschaltet wird.

Viele Funktionen

Der Edge 1000 kann alles, was man sich von einem Fahrradcomputer wünscht. Er erfasst zurückgelegte Distanz, Zeit und Höhenmeter, ersetzt ein Navigationssystem, hat unzählige Modi, die beim Trainieren helfen, erfasst Wetter und Temperaturdaten und ließe sich auch auf einem Ergometer verwenden. Die Bedienung ist einfach und erfolgt über einen Touchscreen. Wer schon einmal ein Smartphone in der Hand gehalten hat, kommt auch ohne Gebrauchsanweisung schnell mit dem Gerät zurecht.

Die GPS-Verbindung baute sich im Test meist kurz nach dem Einschalten auf, so dass die Daten vom ersten Tritt in die Pedale korrekt erfasst wurden. Lediglich beim Start in der Tiefgarage ist es vorgekommen, dass die ersten Meter einer Fahrt nicht korrekt erfasst wurden. Der Edge 1000 lässt sich auf Wunsch mit zusätzlichen Sensoren, etwa für Trittfrequenz, Herzschlag oder Geschwindigkeit, ausrüsten, um noch genauere Daten zu erfassen. Alle Funktionen ausnutzen werden wohl nur Radfahrer, die tatsächlich regelmäßig trainieren und große Touren fahren. Mit einem Anschaffungspreis von 549 Euro ist der Edge 1000 für Hobbyradler auch relativ teuer.

Sechster Sinn

Das “Rearview Radar”, das sowohl Rücklicht als auch Augen für den Hinterkopf ist, wird an der Sitzstange montiert und soll vor sich im Rücken des Radfahrers nähernden Autos warnen. Im Test hat das trotz mehrfachen Nachjustierungen der Position nur bedingt funktioniert. Anfangs befand sich das Gerät so tief, so dass Autos nicht erkannt wurden. In der nachgebesserten Position wurden zwar Autos erkannt, dafür kam es des Öfteren zu falschem Alarm.

Teilweise wurden Autos angezeigt, die sich auf einer anderen, abgetrennten Fahrbahn befanden, teilweise wurden Phantom-Fahrzeuge angezeigt. Bei Erkennen eines Autos gibt das Gerät sowohl für den Fahrradfahrer als auch für den herannahenden Autofahrer ein visuelles Warnsignal ab. Wer sich hauptsächlich auf Radwegen bewegt, wird mit dem Gerät wenig anfangen können. Auf einer dunklen Landstraße kann der Edge schon eher nützlich sein. Das Gerät ist ab 199 Euro erhältlich.

Cyborg-Radler

Das “Varia Vision”-Display hat im Test nicht überzeugt. Das Gerät, das auf einer Brille montiert werden kann, zeigt die Daten, die am Fahrradcomputer ohnehin einsehbar sind, in einem kleinen Fenster vor der Brille an. Um die Informationen lesen zu können, muss der Fahrer zur Seite blicken.

Das ist einerseits unangenehm, weil die Augen stark verdreht werden müssen. Andrerseits ist es gefährlich, da gerade anfangs die Gefahr besteht, durch das ungewohnte im peripheren Gesichtsfeld schwebende Bild abgelenkt zu werden: Wer auf den Bildschirm schaut, kann sich nicht auf die Straße konzentrieren.

Ein weiteres Manko ist die Veränderung des Schwerpunkts der Brille, auf dem Vision montiert wird. Auf der getesteten Sonnenbrille war das kein Problem, eine etwas filigranere optische Brille, die bei schlechtem Wetter verwendet wurde, rutschte mit dem Display hingegen ständig von der Nase.

Gut funktioniert hat die Bedienung über das Touch-Feld, das sich auf dem Gerät befindet. Für den Preis von 399 Euro bietet Vision allerdings zu wenig Mehrwert.

Fazit

Das Garmin-System hat im Test durchwegs gut funktioniert. Wer seine Leistungsdaten gerne genau analysieren möchte, ist mit dem Edge 1000 gut bedient. Der Computer zeichnet sehr viele Details zu den abgespulten Kilometern auf und macht sie über den Garmin-Account auf vielen Geräten verfügbar. Für schreckhafte Fahrer ist auch das Rearview Radar eine sinnvolle Anschaffung, Fehlalarme müssen aber in Kauf genommen werden. Etwas nervig ist, dass alle drei Komponenten des Systems per USB-Anschluss an einem Computer geladen werden müssen. Da kann es schnell passieren, dass die Anschlüsse ausgehen. Die Akkulaufzeit der Geräte ist unterschiedlich. Garmin gibt für das Diaplay acht, für das Radarrücklicht vier und für den Edge 15 Stunden Betriebszeit an. Diese Werte wurden im Test nicht erreicht. Während der fünftägigen Testfahrten mussten alle Komponenten einmal geladen werden, obwohl Display und Licht nicht an allen Tagen im Einsatz waren.. Ich bin zweimal täglich je 25 Minuten gefahren und habe zwischendurch mit dem System herumgespielt. Ohne zusätzliche Sensoren sollte die Akkulaufzeit des Edge besser sein.

Mit dem Vision-Display, das auf Brillen montiert wird, konnte ich mich im Test nicht anfreunden. Alle Informationen können am Display des Edge 1000 abgerufen werden und ein Blick auf Vision ist mindestens genauso ablenkend, wie das Ablesen des Edge.

Für Radsportler sind die Garmin-Geräte interessant, auch weil das System noch um viele weitere Komponenten erweitert werden kann. Für Zweckradler ist wohl schon der Preis ein abschreckendes Kriterium. Für meinen Arbeitsweg von wenigen Kilometern wurde mit der Ausrüstung mit Kanonen auf Spatzen geschossen.