© Jakob Steinschaden

Apple
10/14/2011

iOS 5 im Test: Aufholjagd auf Android

Viele der neuen Funktionen der neuen iPhone- und iPad-Software erinnern an das konkurrierende Smartphone-Betriebssystem von Google. Die futurezone hat die wichtigsten Features von iOS 5 einem Test unterzogen.

von Jakob Steinschaden

Seit Mittwoch Abend können Millionen Besitzer von iOS-Geräten (genauer gesagt iPhone 3GS, iPhone 4, iPod touch ab der dritten Generation sowie iPad 1 und iPad 2) auf die neue Software iOS 5 kostenlos updaten. Das Update-Prozedere verlief (und verläuft) aber bei weitem nicht reibungslos und endete für viele Nutzer im Chaos: Schier endlose Download- und Installations-Zeiten, abgestürzte iPhones, iPads und Computer, verlorene E-Mails und Kontakte - Frustberichte über iOS 5 waren vielerorts (Twitter, Blogs, Büros) zu hören.

Tipps zur Installation

Wer noch nicht auf iOS 5 upgedatet hat, dem ist vor dem Start des Prozesses dringend zu einem vollständigen Backup seines iOS-Geräts zu raten. Zudem sollte man ein, zwei Stunden Zeit einplanen, teilweise brauchten Nutzer aber auch eine ganze Nacht. Keinesfalls sollte man das Kabel ziehen, bevor iPhone und iPad nicht wieder komplett hochgefahren sind (die Geräte starten teilweise drei Mal neu) und der Einführungsdialog durch iOS 5 vollendet ist. Der Computer, mit dem man das Apple-Gerät koppelt, sollte außerdem nicht offline gehen - das sorgte bei vielen für Probleme. Wer sein iOS-Gerät gejailbreakt hat, dem ist dringend von dem Update abzuraten - bis dato gibt es noch keinen Jailbreak für iOS 5.

Hat man den steinigen Weg des Updates ohne Datenverlust hinter sich gebracht, warten zahlreiche neue Funktionen auf den Nutzer, die die Handhabe von iPhone und iPad verbessern sollen. Die wohl wichtigste Neuerung für alle, die sich mit der kabelgebundenen Software-Aktualisierung ärgerten: Alle kommenden Updates werden “over the air” ausgeliefert und benötigen kein iTunes mehr (was Android schon lange kann). Generell ist iOS 5 als Apples (250 Mio. Geräte) Anstrengung zu werten, Software-seitig mit Googles Android (190 Mio. Geräte) und kleineren Web-Diensten und App-Anbietern (z.B. Evernote, Readability) gleichzuziehen. Einige Funktionen sind klar von Android inspiriert, einige überholen derzeitige Android-Features. Die futurezone hat sie sich im Detail angesehen.

1. Notifications - die Mitteilungszentrale
Durch vertikales Streichen vom oberen Bildschirmrand nach unten - ähnlich einem Rollbalken - lässt sich jetzt die Mitteilungszentrale aufrufen. Diese Funktion hat sich Apple eindeutig bei Android abgeschaut, das den Rollbalken schon lange integriert hat. Apples Mitteilungszentrale informiert über Wetterlage (stündliche Aktualisierungen, Aktienkurse in Echtzeit) sowie über eingetroffene E-Mails, SMS und andere Notifications aus installierten Apps. Welche Mitteilungen in welcher Darstellung eingeblendet werden, lässt sich in den Systemeinstellungen festlegen - die Apps müssen jedenfalls Push-Notifications unterstützen, um in die Mitteilungszentrale aufgenommen werden zu können. Ist es anfangs verlockend, viele Apps (Facebook, Twitter, Google+, Foursquare, WhatsApp, uvm.) dafür aufzudrehen, wird man sie nach der sich einstellenden Nachrichtenflut schnell wieder abdrehen. Denn die Notifications werden auch immer kurz am oberen Bildschirmrand in einer Animation sowie auf dem Sperrbildschirm angezeigt. Ein Nachteil: Man kann nicht sämtliche Notifications auf einmal abdrehen, sondern immer nur einzelne.

2. iMessage mischt sich unter SMS

Einen Schritt weiter als Google geht Apple mit iMessage. Während man bei Android Kurzmitteilungen über verschiedene Apps (Google+, Google Talk, Messenger) verschicken kann, integriert iOS 5, Mitteilungen via IP zu versenden, direkt in die SMS-App. Das iPad erhält dafür eine eigene, grüne Nachrichten-App. Erhalten können iMessages (Text, Foto, Video) lediglich andere iOS-5-Nutzer, die über ihre Handynummer identifiziert werden. Zur optischen Unterscheidung werden iMessages blau gefärbt, während herkömmliche SMS grün unterlegt sind. Senden und Empfangen lassen sich unbegrenzt viele iMessages - da die Übertragung von Fotos und Videos einiges an Daten verbraucht, sollte man die Funktion aber nicht als kostenlos ansehen und außerhalb von WLAN-Hotspots das im Mobilfunkvertrag inkludierte Datenguthaben im Auge behalten.

3. Twitter hat sich eingenistet
Wohl im zunehmenden Konkurrenzkampf mit Facebook (z.B. bei Musik-Diensten) hat sich Apple den Kurznachrichten-Dienst Twitter (in Österreich mit knapp 60.000 Accounts) ins Boot geholt. Nach einmaliger Anmeldung in den Einstellungen können Tweets direkt aus den Apps “Kamera”, “Fotos”, “Karten”, “Safari” und "YouTube” versendet werden - auf Wunsch kann man seinen GPS-Standort hinzufügen. Zudem können die eigenen Twitter-Kontakte mit dem Adressbuch abgeglichen werden, übereinstimmende Einträge werden um Profilbilder und Benutzernamen von Twitter ergänzt. Ob Twitter dadurch mehr Nutzer bekommt und Apples Konkurrenten Facebook schwächen kann, bleibt abzuwarten - immerhin ist davon auszugehen, dass sich die Nutzergruppen von Twitter und Apple bereits ohnehin stark überschneiden.

4. Knipsen mit dem “Lauter”-Knopf

Ein nervendes Problem früherer Versionen hat Apple mit iOS abgeschafft: Der Auslöser der Kamera-App kann jetzt über den “Lauter”-Button an der Hülle betätigt werden - damit werden vor allem Selbstporträts einfacher, bei denen man zuvor immer den virtuellen Knopf am Display erwischen musste. Insider-Tipp: Auch der Lauter-Knopf des mitgelieferten Headsets kann zum Knipsen verwendet werden. Leider verstehen andere Foto-Apps wie Instagram, Hipstamatic oder Camera+ die neue Funktion nicht und regeln bei Betätigung des Plus-Knopfes wie früher die Lautstärke - hier muss dringend nachgebessert werden. Gut gelungen sind die anderen Neuerungen der Foto-App: Nun lässt sich ein Raster zum Ausrichten der Kamera einblenden, in der Vorschau gezoomt wird per “Pinch-to-Zoom”-Geste und mit einem Wisch nach links gelangt man zu den gespeicherten Aufnahmen.

5. Fotostream mit Tücken

Erlaubt man seinen iOS-Geräten (und als Mac-Nutzer dem Programm iPhoto) die neue Funktion Fotostream, werden Aufnahmen automatisch (nur bei WLAN-Verbindung) via iCloud auf die anderen Geräte übertragen. Das funktioniert in Hintergrund sehr schnell und unauffällig - für einige vielleicht zu unauffällig. Denn gerade iPads liegen gerne in Wohnungen herum und werden von mehreren Personen gemeinsam genutzt. Über Fotostream können so sehr leicht Bilder vor die falschen Augen geraten - Nutzer sollten also vorher abwägen, ob ihnen die automatische Synchronisierung spätere Konflikte mit Familienmitgliedern etc. wert ist. Unverständlich ist, warum die Fotos nicht im eigenen iCloud-Account angezeigt werden, sondern dort offensichtlich nur im Hintergrund durchgereicht werden. Zusäzlich problematisch: Einzelne Bilder lassen sich nicht wieder aus dem Fotostream löschen. Bei Android-Geräten gibt es den automatischen Foto-Upload seit längerem in der Google+-App - und dort landen die Fotos online im persönlichen Picasa-Album.

6. Schnappschüsse verbessern

Ein nettes Feature von iOS 5 ist die integrierte Fotobearbeitung. Basisfunktionen wie Beschneiden, Entfernung roter Augen oder automatische Bildoptimierung sind sicher nützlich - kommen aber bei weitem nicht an die Möglichkeiten heran, die Apps wie Snapseed, ColorSplash oder FX Studio Photo bieten.

iOS 5 Apple iPhone iPad

iOS 5 Apple iPhone iPad

iOS 5 Apple iPhone iPad

iOS 5 Apple iPhone iPad

iOS 5 Apple iPhone iPad

iOS 5 Apple iPhone iPad

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iOS 5 Apple iPhone iPad

Multitouch Gesten

Multitouch Gesten

iPad

Friendfinder

iCloud Preise

 

7. Neue Gesten nur am iPad 2
Unverständlich ist die Entscheidung von Apple, neue Multitouchgesten für vier und fünf Finger nur für das iPad 2 und nicht dessen Vorgängermodell freizuschalten - immerhin gibt es schon seit längerem einen Trick, mit dem diese am iPad 1 funktionieren. Nützlich sind diese jedenfalls: Anstatt mit einem Doppelklick die Multitasking-Leiste unten auszufahren, kann man diese jetzt mit einer Vierfinger-Geste nach oben starten. Zwischen laufenden Apps kann man nun wechseln, indem man mit vier Fingern nach rechts oder links wischt, und schließen lassen sich Programme, indem man vier oder fünf Finger zusammenzieht, als würde man ein Taschentuch von einer glatten Oberfläche nehmen.

8. Gesplittete iPad-Tastatur

Ein nettes Detail: Auf beiden iPad-Versionen lässt sich das virtuelle Keyboard im Querformat splitten. Das erlaubt es, das Gerät mit beiden Händen zu halten und mit den Daumen zu tippen - Romane wird man in dieser anstrengenden Position aber keine schreiben wollen.

9. Erinnerungen: Konkurrenz für Evernote

Generell ist wieder einmal ärgerlich, dass Apple ungefragt neue Apps installiert, die sich nicht wieder löschen lassen. Neben iMessages und Newsstand ist das “Erinnerungen”: Mit dieser soll man sich vom Geschäftstermin bis zum Einkaufszettel Notizen machen können, automatisch zwischen iOS-Geräten snychronisieren - Evernote lässt grüßen. Allerdings wurde die App mit wenig Liebe designt und wird kaum Gebrauch finden. Interessant ist lediglich die Funktion auf iPhone 4  und iPhone 4S, sich ortsbezogen an etwas erinnern zu lassen - dazu muss man aber immer das energiehungrige GPS-Modul aktiv halten.

10. Safari: Mit Tabs, gegen Readability

Prinzipiell ist positiv anzumerken, dass Safari einen privaten Modus fürs Surfen hat und dann keine Browse-History speichert. Vor allem am iPad wurde der Standard-Browser stark überarbeitet - er bietet jetzt wie andere Proxy-Lösungen im App Store (z.B. Mercury Web Browser) Tabs, die bei Desktop-Browsern Standard sind. Das ist einerseits besser als die vormalige Lösung, andererseits sind die Tabs vor allem für große Finger nicht  immer optimal zu erwischen. Beim New Yorker Projekt Readability.com wird man sich derzeit über die Funktion “Reader” ärgern, die sowohl beim Safari am iPad als auch am iPhone integriert wurde und stark an ihren Service erinnert. Damit werden Online-Artikel per Klick auf das Symbol in der URL-Leiste vom restlichen Ballast der Webseite befreit (z.B. Werbung) und als purer Text auf weißen Untergrund dargestellt. Ein Geschwindigkeitszugewinn beim Browsen generell konnte nicht festgestelt werden.

11. iCloud: Dünne Wolke

iOS-Nutzer bekommen von Apple ab sofort 5 GB kostenlosen Online-Speicherplatz in ihrer persönlichen iCloud zur Verfügung gestellt. Diese kann derzeit noch nicht sehr viel und speichert lediglich Kontakte und Kalender-Einträge an zentraler Stelle im Web. Wer will, kann auch das Textverarbeitungs-Programm “Pages” auf iPhone und iPad damit verknüpfen und sich die GPS-Positionen seiner Apple-Geräte auf Google Maps darstellen lassen. Außerdem gibt es eine kostenlose Webmail-Adresse pro Nutzer nach dem Schema max.mustermann@me.com. Musik, Videos, etc. lassen sich für österreichische Nutzer noch nicht in die Cloud schieben. Dass sich aber auch Backups von iPhones und iPads inklusive Apps und Büchern in der iCloud befinden, lässt sich derzeit nicht über das Web-Interface abrufen, sondern nur auf den Geräten selbst - und dort ist das Management, welche Apps gesichert werden sollen, ziemlich kompliziert. Generell merkt man iCloud an, dass Apples Server derzeit stark beansprucht werden - einfache Bearbeitungen von Adressbucheinträgen haben lähmende Latenzzeiten. Damit ist Googles Cloud mit Kalender, Docs und Gmail aus Usability-Sicht deutlich überlegen, alleine was kooperatives Arbeiten angeht. Wer jedenfalls seinen iCloud-Speicherplatz aufstocken will, zahlt natürlich: 10 zusätzliche GB/Jahr kosten 16 Euro, 20 GB 32 Euro, 50 GB 80 Euro.

12. WiFi Sync: Kabelloser Medientransfer

Weil sich bis auf wenige Daten noch nichts in die iCloud auslagern lässt, braucht Apple noch die Festplatten seiner Kunden. Damit es nach wie vor Musik, Videos, Filme und alte Fotos auf iPhone und iPad schaffen, kann jetzt kabellos zwischen iTunes und dem iOS-Gerät synchronisiert werden. Dazu müssen die Geräte im selben WLAN-Netz hängen, allerdings erkennen sie sich nicht immer problemlos. Aktiviert wird die Funktion, indem man iPhone oder iPad ein letztes Mal andockt und die Option "Mit diesem iPad/iPhone über WLAN synchronisieren". Läuft die Synchronisierung einmal, dauert dies oft länger als das Überspielen per Kabel. Android beherrscht das kabellose Syncen mit Desktop-Software wie doubleTwist bereits länger.

13. Mini-Kiosk am Touchscreen

Weil Apple an den Abonnements von Zeitungs- und Zeitschriften-Apps 30 Prozent mitverdient, werden diese jetzt mit der nicht löschbaren App “Zeitungskiosk” in den Vordergrund gerückt. Hier landen automatisch neue Ausgaben der abonnierten Titel. Nur mit einem Trick lässt sich diese App in einem Ordner verstecken.

14. Kontakte lokalisieren

Nicht vorinstalliert ist eine neue Apple-eigene App namens “Find My Friends”. Afu der integrierten Google-Landkarte können die aktuellen Positionen von Freunden, die ein iOS-Gerät mit sich tragen, angezeigt werden. Der Service wurde offenkundig von Google Latitude inspiriert und wird wohl einen Entrüstungssturm unter Datenschützer zur Folge haben. Auf Nutzerinteresse dürfte die App in Österreich jedenfalls stoßen: Sie hält derzeit mit guten Bewertungen auf Platz Vier der meist geladenen iPad-Apps und auf Platz Eins der meist geladenen iPhone-Apps.

15. Siri nur am iPhone 4S
Die neue Sprachsteuerung von Apple, Siri, ist nur im kommenden iPhone 4S (ab 28. Oktober in Österreich) enthalten und nicht Teil von iOS 5. Wer trotzdem mit seinem Handy plaudern will, kann sich die App Vlingo auf dem iPhone 3GS oder iPhone 4 installieren (nur Englisch). Bei Android ist die Spracherkennung schon seit längerem integriert, wie die futurezone

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Fazit
Insgesamt hat Apple bei iOS 5 einiges verbessert (Fotofunktionen, WiFi Sync, Over-the-Air-Updates, Multitouch-gesten), vieles aber auch verkompliziert (iCloud-Management, Notifications, iMessage). Zwar werden deswegen nicht massenweise Nutzer ihre iOS-Geräte aufgeben - doch mit dem anstehenden Start von Release von "Android 4.0" a.k.a. "Ice Cream Sandwich" läuft Apple Gefahr, nach der aktuellen Aufholjagd bei vielen Funktionen wieder ins Hintertreffen zu geraten. Denn Googles nächste Software wird die noch getrennten Betriebssysteme für Smartphones ("Gingerbread") und Tablets ("Honeycomb") zusammenführen und möglicherweise sehr bald neue Funktionen bieten, die iOS nicht hat.

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