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10/26/2019

OnePlus 7T im Test: Klassensieger statt Flaggschiff-Killer

Das Oneplus 7T punktet als teures Mittelklasse-Handy, schwächelt aber als günstiges Premium-Smartphone.

von Gregor Gruber

Das Oneplus 7T (599 Euro) ist das Halbjahres-Upgrade des chinesischen Herstellers OnePlus. Zu den Verbesserungen gehört ein 90-Hertz-Display und eine Super-Weitwinkel-Kamera. Ich habe das OnePlus 7T getestet.

Da OnePlus seine Geräte gerne selbst als „Flaggschiff-Killer“ bezeichnet, habe ich es auch bewusst mit dem Samsung Galaxy Note 10+ (im Handel ab 1000 Euro erhältlich, hier im Test) verglichen. Natürlich muss man sich aber immer den Preisunterschied bewusstmachen. Das 7T ist mit 599 Euro deutlich günstiger und damit in die Kategorie höherpreisige Mittelklasse-Smartphones einzuordnen.

OnePlus 7T und Huawei Mate 30

Groß gewachsen

Das 7T hat ein AMOLED-Display mit 6,55 Zoll. Das Display-Verhältnis ist 20:9. Dadurch ist es in die Höhe gewachsen, aber nicht wesentlich breiter geworden. Obwohl es ein großes Smartphone ist, fühlt es sich nicht riesig in der Hand an. Dafür ist es mit einem Gewicht von 190 Gramm aber schwerer, als man vermuten würde.

Nicht optimal ist die Aluminium-Rückseite, die rutschig ist. Vermutlich ist auch deshalb im Lieferumfang eine durchsichtige Gummihülle enthalten, die sich nahezu grauslich klebrig anfühlt.

Das Triple-Kamera-Setup an der Rückseite ist in einem großen schwarzen Kreis untergebracht, der deutlich aus dem Gehäuse hervorsteht. Hübsch ist für mich anders, aber Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. An der Vorderseite ist die Kamera in einem Tropfen-Notch untergebracht. Der schwarze Rand ums Display ist etwas dicker als beim Galaxy Note 10+, aber schlank genug, um nicht störend aufzufallen.

AMOLED-Bildschirm

Der AMOLED-Bildschirm hat die Auflösung 2400 x 1080 Pixel, was die 20:9-Variante von FullHD ist. Auch wenn immer gesagt wird, dass man nicht mehr Pixel beim Handy braucht: Man merkt den Unterschied. Im Vergleich mit dem Google Pixel 4 XL (hier im Test) und Samsung Galaxy Note 10+ sieht die Darstellung am 7T ein wenig verwaschen aus, wenn man bestimmte Inhalte, wie etwa kleinen Text, ansieht.

Zudem scheint beim 7T etwas mehr Patz zwischen Glas und Display zu sein als beim Note 10+. Dadurch ist die Darstellung aus Winkeln nicht ganz so gut. Blickt man frontal aufs 7T, ist das kein Problem. Vorbildlich ist die maximale Helligkeit, die gut gegen Sonnenlicht ankommt.

90 Hertz

Das Display hat eine Wiederholungsrate von 90 Hertz. Normale Smartphones haben 60 Hertz. Das heißt, dass der Bildschirm des 7T um 50 Prozent mehr Bilder pro Sekunde darstellen kann. Dies sollte für flüssigeres Scrollen und eine geschmeidigere Darstellung bei Spielen sorgen – sofern diese 90 Hertz unterstützen.

Im direkten Vergleich mit dem Note 10+ ist kein wesentlicher Unterschied zu merken. Getestet wurde das mit Google Maps, Chrome, ein paar Spielen die 90 Hertz unterstützen und dem webbasieren Benchmark testufo.com. Zusätzlich wurde das Google Pixel 4 XL herangezogen, das ebenfalls ein 90-Hertz-Display hat. Auf dem Pixel 4 XL ist der Unterschied zum Note 10+ und zum 7T deutlich: Hier ist die Darstellung flüssiger. Lediglich bei Pokemon Go war im Vergleichstest die Darstellung beim 7T merkbar flüssiger als beim Note 10+.

Kein Always-On-Display

Obwohl das 7T ein AMOLED-Display hat, gibt es keine Always-On-Option. Nachrichten poppen nur kurz am Display auf, danach wird es wieder Schwarz. Die Uhrzeit und das Icon für die neue Benachrichtigung sieht man nur, wenn man das 7T anhebt oder antippt.

Auch auf eine Benachrichtigungs-LED wurde verzichtet. Mir persönlich gefällt diese Verzichts-Kombination überhaupt nicht. Beim Note 10+ oder Pixel 4 XL reicht zwischendurch ein Blick aus dem Augenwinkel auf die Seite des Schreibtischs, um zu sehen, ob sich was am Smartphone tut. Erblickt man das schwarze Display des 7T, hat man den Drang draufzutippen, um zu sehen, ob neue Benachrichtigungen eingetroffen sind. Klingt banal, ist aber im Büroalltag und zuhause auf der Couch sehr nervig.

Wie ein Beta-Tester

Stichwort nervig: Beim 7T hatte ich öfters das Gefühl ein Beta-Tester zu sein. Immer wieder bin ich auf Kleinigkeiten gestoßen, bei denen ich mich gefragt habe, ob das Gerät ausreichend vor dem Verkaufsstart getestet wurde. So wird beim ersten Einschalten etwa das Logo für den Fingerprintscanner angezeigt, der aber erst nach der Eingabe des PIN-Codes genutzt werden kann. Macht man einen Screenshot wird rechts unten der Button „Erweiterter Screenshot“ angezeigt. Tippt man darauf, erhält man manchmal die Fehlermeldung, dass diese Funktion bei der App nicht unterstützt wird – und der Screenshot wurde nicht aufgenommen. Wieso wird der Button nicht einfach ausgeblendet?

Nach dem offiziellen Start des 7T am 17. Oktober sind innerhalb von 4 Tagen zwei Updates für das Smartphone erschienen. Einerseits ist es zwar löblich, dass OnePlus sich um Fehler kümmert, allerdings sollte ein neues Gerät nicht mit Fehlern ausgeliefert werden, die mehrere Updates benötigen. Beim Installieren des zweiten Updates kam die Fehlermeldung, dass das Update nicht installiert wurde und keine Änderungen vorgenommen wurden. Eine Sekunde später tauchte in der Notification Bar „Das System wurde erfolgreich aktualisiert“ auf.

Ebenfalls nervig für User, die bisher noch kein OnePlus gehabt haben: Will man über die Lautstärken-Tasten oder das Menü von Klingelton auf stumm oder vibrieren schalten, geht das nicht. Es passiert einfach nichts. Das liegt daran, dass es an der rechten Seite einen Drei-Wege-Schalter gibt, um zwischen Stumm, Vibrieren und Klingelton umzuschalten. Eine Hinweis-Meldung darauf, dass man doch den Schalter verwenden soll anstatt erfolglos herumzuwischen, gibt es nicht. Abgesehen davon halte ich eine Hardware-Taste zum Ändern der Klingelton-Modi für sinnbefreit, wenn seit Jahren dasselbe bei nahezu allen anderen Herstellern über die Lautstärke-Tasten intuitiv funktioniert.

Android 10

Das 7T nutzt OxygenOS 10, die Benutzeroberfläche von OnePlus für Android 10. Vorbildlich ist, dass man wahlweise die virtuellen Navigationstasten oder die neuen Android-Gesten nutzen kann. Einen systemweiten Dark Mode gibt es auch.

Zusätzlich gibt es einen Lesemodus. Dieser reduziert wahlweise die Sättigung der Darstellung stark oder wechselt zu einer Graustufen-Darstellung. Dies soll das Lesen langer Texte angenehmer machen und ähnelt der Darstellung eines E-Readers. Auf Wunsch kann der Modus automatisch beim Öffnen ausgewählter Apps aktiviert werden.

Der Zen-Modus soll dabei helfen, mal vom Smartphone los zu kommen. Dieser ist für 20, 30, 40 und 60 Minuten aktivierbar. In dieser Zeit kann das 7T nur für Telefonate genutzt werden – auch ein Neustart des Smartphones beendet den Modus nicht vorzeitig.

Leistung und Laufzeit

Der Snapdragon 855 Plus und die 8 GB RAM bieten ausreichend Leistung für derzeitige und zukünftige Anwendungen. Der Speicher ist mit 128 GB angenehm groß für ein 600-Euro-Smartphone, eine Erweiterung per MicroSD-Karte ist nicht möglich. Einen 3,5mm-Kopfhöreranschluss gibt es nicht, weder Adapter noch USB-C-Kopfhörer sind im Lieferumfang enthalten.

Der Akku ist 3.800 mAh groß. Im Test hielt er durchschnittlich einen Arbeitstag plus Feierabend durch. Das neue Ladegerät schafft die 0 auf 100 Prozent in knapp über einer Stunde. Je nach Ladestand schafft man zwischen 60 und 75 Prozent in einer halben Stunde. Wireless Charging unterstützt das 7T nicht.

Der Fingerabdruckscanner ist im Display integriert. Die Genauigkeit und Geschwindigkeit beim Entsperren ist sehr gut. Das Entsperren per Gesichtserkennung ist ebenfalls flott, bei wenig Licht aber langsamer als das Entsperren per Fingerabdruck.

Kamera

Das 7T hat drei Kameralinsen: Superweitwinkel, Weitwinkel und Tele (2-fach-Zoom). Bei jeder sehen Farben und Helligkeit ein bisschen anders aus. Die besten Aufnahmen liefert die normale Weitwinkel-Kamera.

Mit den Kameras von Premium-Smartphones kann aber auch die nicht mithalten. Die Außenaufnahmen wirken oft zu blass und etwas zu hell. Zudem gibt es immer eine merkbare Unschärfe, sobald man hineinzoomt. Dies trifft auch auf die anderen Kameras zu. Möglicherweise haben die ersten zwei Updates nicht gereicht und OnePlus bringt noch eines, um dieses Problem zu lösen.

Normal

Nachtmodus

Normal

Supermakromodus

Superweitwinkel

Weitwinkel

Tele

Nacht- und Supermakro-Modus

Der Nachtmodus erfüllt zwar seinen Zweck, allzu genau sollte man aber nicht hinschauen. Hier kommen Unschärfe, Detailmangel und Bildartefakte zusammen. Der Supermakro-Modus ist eine nette Spielerei. Aktiviert man diesen, kann man bis zu 2,5 Zentimeter ans Motiv rangehen. Hier sollte man darauf achten, bei ausreichend Licht zu fotografieren und sich nicht selbst Schatten mit dem Smartphone zu werfen. Sonst ist die Makroaufnahme durch Bildrauschen getrübt.

Videos werden mit 1080p mit 30 oder 60 fps aufgenommen. Eine 90-fps-Version, die sich für das 90-Hertz-Display angeboten hätte, gibt es nicht. 4K-Videos sind ebenfalls mit 30 und 60 fps möglich. Wenn nötig kann der Superstable-Modus aktiviert werden, der zusätzlich verwackelte Aufnahmen vermeiden soll. Hier wird fix mit 1080p aufgenommen.

Fazit

Zum „Flaggschiff-Killer“ reicht es nicht. Dem stehen Kleinigkeiten in der Usability im Weg, die nicht optimale Kameraleistung, sowie das 90-Hertz-Display, das nicht die Erwartungen erfüllen kann.

Sieht man das OnePlus 7T aber als ein gehobenes Mittelklasse-Gerät, erhält man reichlich Rechenleistung und Speicher, das aktuelle Android 10, drei Kameralinsen und einen sehr guten Fingerabdruckscanner.

Um 600 Euro kriegt man kein anderes, aktuelles Android-Smartphone, das entsprechend gut ausgestattet ist. Man darf sich nur nicht der Illusion hingeben, um diesen Preis ein Gerät in der Klasse eines Note 10+ oder iPhone 11 Pro zu bekommen, wenn man sich für das 7T entscheidet.

 

Technische Daten auf der Website des Herstellers