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09/23/2020

Samsung Galaxy Buds Live im Test: Die Bohne im Ohr

Die In-Ear-Kopfhörer haben eine aktive Geräuschunterdrückung und eine auffällig unauffällige Bauform.

von Gregor Gruber

Auch wenn man (noch immer) über Apples AirPods spotten kann: Die Bömmerl mit Anhang, die aus den Ohren herausstehen, haben sich durchgesetzt. Während viele das Design kopieren, versuchen es einige Hersteller anders zu lösen.

Dann steht zwar unten nichts weg, dafür ragt der Ohrstoppel selbst irgendwie aus dem Ohr raus. Je nach Form und Farbe sieht das aus wie eine Scheibe am Ohr, Teletubbie-Cosplay oder als sei gerade ein großer schwarzer Käfer am Ohr gelandet.

Samsung bringt mit den Galaxy Buds Live (189 Euro) eine neue Form ins Spiel, die von der Natur inspiriert ist und nicht wie ein Insekt aussieht, das einen gerade angefallen hat.

Organ oder Hülsenfrucht

Die Galaxy Buds Live haben die Form einer Niere oder Bohne – je nachdem, was man sich eher ins Ohr stecken würde. Sie sind in den Farben Schwarz, Bronze und Weiß verfügbar. Ich habe die schwarzen Kopfhörer getestet.

Die glänzende Oberfläche ist anfällig für Fingerabdruckschmierer. Da man die Fläche immer angreifen muss, um die Buds Live ins Ohr zu stecken, sehen sie bald entsprechend verschmiert aus. Dann hat man immerhin einen Grund, um die Kopfhörer abzuwischen, was man sowieso regelmäßig tun sollte.

Aufgrund der Bauweise ist die Reinigung sehr einfach. Die Öffnungen für die Treiber sind sehr nahe am Gehäuse, wodurch man mit einmal drüberwischen alles sauber bekommt. Das Herumstochern, wie bei manchen anderen Kopfhörer, ist nicht nötig. Einen Gummiüberzug gibt es zwar hier auch, der ist aber nicht über den Treibern angebracht, sondern rund um die Ladekontakte. Das schützt das Ohr vor unangenehmen Kanten.

Außerdem gibt es einen etwas dickeren Gummi im Lieferumfang. Dieser kann den Halt im Ohr erhöhen, falls die Bohne mit dem normalen Gummi zu locker sitzt. Umgekehrt geht es leider nicht: Wenn die Buds Live zu groß für die eigenen Ohren sind, kann man dies nicht mit einem dünneren Gummi oder dem Entfernen des Gummis ausgleichen. In diesem Fall heißt es: Kopfhörer zurückgeben.

Einsetzen und drehen

Aufgrund der neuen Form erfordern die Buds Live eine eigene Technik zum Einsetzen. Dazu gibt man sie erst vertikal ins Ohr und dreht sie dann, damit der untere Teil der Bohne Richtung Gehörgang geht.

Je nach Ohrform sind die Kopfhörer danach leicht schräg bis nahezu horizontal in der Ohrmuschel. Je weiter man dreht, desto fester sitzen die Buds Live im Ohr und desto besser dichten sie von der Außenwelt ab. Man muss nur darauf achten, dass das untere Mikrofon nicht vom Ohr bedeckt wird.

Fest eingedreht kann man sie auch für Sport verwenden. Allerdings sind sie nur IPX2 geschützt, was für einen aktuellen Kopfhörer schwach ist. Regen oder zu viel Schweiß könnten zu Beschädigungen führen.

Bei mir sind die Buds Live fast horizontal, wenn ich sie für die beste Klangqualität und den besten Halt fest eindrehe. Am rechten Ohr übt das aber einen spürbaren Druck aus. Eine Stunde durchgängiges Tragen ist noch in Ordnung, darüber hinaus wurde es für mich unangenehm.

Zwar kann ich die Kopfhörer auch weniger weit hineindrehen, was den Druck wegnimmt, dafür dichten sie aber kaum noch ab. Außerdem muss ich dann lauter drehen und es dringt mehr Musik in die Außenwelt.

Sind sie richtig eingesetzt, sind sie angenehm unauffällig. Sie ragen kaum aus dem Ohr hervor – außer bei Samsungs Werbebildern, bei denen die Buds Live nicht eingedreht sind, damit man das gesamte Gerät am Ohr sieht. Korrekt eingedreht verschwindet der untere Teil der Bohne. Das, was man noch sieht, sieht aufgrund der glänzenden Farbe am ehesten wie ein Schmuckstück aus, das im Ohr getragen wird.

Tippen zum Steuern

Wie viele Blueteooth-Kopfhörer können auch diese durch Antippen gesteuert werden. Einmal tippen auf das Gehäuse pausiert das Lied. 2-mal tippen spielt den nächsten Titel ab und beantwortet Anrufe bzw. legt auf. 3-mal tippen gibt den vorigen Titel wieder.

Berühren und gedrückt halten deaktiviert die Geräuschunterdrückung und lehnt Anrufe ab. In der „Galaxy Wearable“-App kann der Befehl geändert werden, für den linken und rechten Kopfhörer getrennt. Statt die Geräuschunterdrückung kann man Sprachbefehle aktivieren, lauter/leiser drehen oder Spotify starten.

Die Berührungssteuerung ist sehr empfindlich. Gerade bei den ersten Malen einsetzen ist es mir öfters passiert, dass die Geste für "Geräuschunterdrückung deaktivieren" ausgeführt wurde. Beim Herausnehmen kam es öfters vor, dass die Kopfhörer es als einmal tippen interpretiert haben und wieder anfingen Musik zu spielen, obwohl ich die Wiedergabe vorher pausiert hatte. Die Berührungssteuerung kann auf Wunsch komplett deaktiviert werden, die Empfindlichkeit lässt sich nicht regulieren.

Aktive Geräuschunterdrückung

Die aktive Geräuschunterdrückung der Buds Live ist ein zweischneidiges Schwert. Sie funktioniert bei tiefen Frequenzen, wie das klassische Brummen im Flugzeug. Sie hat bei hohen Frequenzen aber den gegenteiligen Effekt.

Hohe Töne sind mit aktiver Geräuschunterdrückung lauter zu hören, als ohne. Das lässt sich mit einem Instrument testen, wenn man mit selber Stärke konstant eine Saite anschlägt oder eine Taste beim Klavier und dabei die Geräuschunterdrückung aus- und einschaltet.

Was heißt das im Alltag? In der U-Bahn hat man keine wirkliche Ruhe. Quietschende Schienen, Durchsagen, laute Touristen und ähnliches werden mit aktiver Geräuschunterdrückung verstärkt wiedergegeben.

Abgesehen von Flugreisen sollte man die Geräuschunterdrückung also nicht nutzen. Für den Klang ist die Funktion ohnehin nicht förderlich. Stimmen klingen bei aktiver Geräuschunterdrückung etwas weiter weg und hohe Töne sind noch eine Spur spitzer, als sie ohnehin schon sind. Außerdem verursacht Wind ungutes Rauschen, wenn die Geräuschunterdrückung aktiv ist. Schaltet man sie aus, ist es weniger störend, wenn man bei windigem Wetter unterwegs ist oder Rad fährt.

Klangqualität

Die Buds Live haben ein Klangprofil, das auf die übliche Popmusik abgestimmt wurde. Sie sind sehr basslastig, was anhand der kleinen Größe beachtlich ist. Die Tiefen sind auch angenehm knackig und pointiert, was bei Dance und typischer Popmusik sehr gut klingt.

Die Mitten sind eine Spur zu schwammig, wenn man vom Optimum ausgeht. Für Kopfhörer dieser Größe mit Bass-Fokus ist der Klang aber ausreichend differenziert und trotzdem warm, ohne künstlich steril zu wirken. Die Höhen sind aber zu spitz, weshalb ich bei einigen Songs leiser drehen musste, als ich sie normalerweise hören würde.

Trotz der Basslastigkeit machen sich die Buds Live auch bei klassischer Musik gut, solange man eben nicht zu laut aufdreht. Die 6 vorgefertigten Equalizer-Einstellungen ändern daran kaum etwas. Die Einstellung „Weich“ macht die Höhen nicht weniger spitz. „Dynamisch“ erzeugt die Illusion von etwas mehr Fülle, hört man aber genauer hin, wirkt es so, als wäre nur ein Hall-Effekt dazugekommen und der Bass erhöht.

Bluetooth und Akku

Im Gegensatz zu den vielen anderen Wireless In-Ear-Kopfhörern die ich getestet habe, war die Bluetooth-Fernbindung stabil. Besonders Fußgänger dürften sich darüber freuen, da nicht die Fernbindung aussetzt, wenn man an der Ampel wartet und viele Autos vorbeifahren.

Samsung verspricht bis zu 6 Stunden Akkulaufzeit. Im Test hat das fast auf die Minute genau gestimmt. Verzichtet man auf die aktive Geräuschunterdrückung, was man ohnehin machen sollte, sind 8 Stunden Laufzeit am Stück möglich. Lädt man die Kopfhörer dazwischen im Case auf, sind bis zu 21 Stunden Laufzeit möglich (29 ohne Geräuschunterdrückung). Das Case selbst wird per USB-C-Stecker geladen.

Bei Gesprächen machen sich die Buds Live gut, solange der Umgebungslärm nicht zu hoch ist. Im Büro oder der Wohnung wird die eigene Stimme verständlich übertragen. Bei Straßenlärm hat der Gesprächspartner es schwerer, einen klar zu hören.

Fazit

Wenn man die Galaxy Buds Live als Designer-Kopfhörer sieht, übererfüllen sie ihren Zweck: Sie sehen nicht nur ungewöhnlich aus, sondern sitzen auch sicher im Ohr und haben einen guten Klang.

Betrachtet man aber das Gesamtpaket in Relation zum Preis von 189 Euro, ist das Ergebnis nicht mehr eindeutig. Die aktive Geräuschunterdrückung ist in vielen Situationen nutzlos, für den Sport sind sie aufgrund der geringen IP-Klassifizierung eigentlich nicht geeignet und wenn die Ohren nicht für die Bohnenform passen, hat man Pech gehabt.

Liegen die Prioritäten auf Klang und schickem Design, sind die Buds Live also eine gute Wahl. Wer Wert drauf legt sich in den Öffis akustisch von der Außenwelt abzuschotten oder mit Kopfhörern auch Sport machen will, sucht sich besser ein anderes Modell.

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